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Meinung: Wir feiern uns für das Embargo von russischem Öl – jetzt sollten wir uns auch trauen, russisches Gas zu boykottieren

Seit September fließt kein Gas mehr nach Deutschland. Wir sollten jetzt  - Copyright: Getty Images, Collage: Dominik Schmitt
Seit September fließt kein Gas mehr nach Deutschland. Wir sollten jetzt - Copyright: Getty Images, Collage: Dominik Schmitt

Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Seit Anfang Dezember gilt das Embargo der EU gegen russisches Öl. Bedeutet: Russische Tanker dürfen ab jetzt nicht mehr Europa ansteuern, sondern müssen ihr Öl woanders verkaufen. Mit dem Jahreswechsel soll dann auch der Hahn der Öl-Pipeline "Druschba" zugedreht werden.

Mit diesem Schritt will man in Europa einerseits ein Zeichen gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine setzen, andererseits Putin die Finanzierung der Gräueltaten erschweren. Jetzt könnten wir uns alle gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen, "Jetzt haben wir ja wirklich alles getan, was wir tun konnten" – doch das stimmt nicht. Wir haben noch nicht alle unsere Pfeile verschossen.

Öl-Embargo ist ein mutiger Schritt – und der richtige

Richtig ist: Der Schritt, russisches Öl zu boykottieren, zeugt tatsächlich von Mut, denn er birgt ein enormes Risiko. In Deutschland hängt ein Großteil des Ostens nach wie vor von russischem Öl ab. Die PCK-Raffinerie in Schwedt, die lange teils vom russischen Staatskonzern Rosneft betrieben wurde, läuft aktuell immer noch nahezu ausschließlich mit Öl, das Russland durch die Druschba schießt. Sie versorgt Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Teile von Polen mit Sprit, Heizöl und den Flughafen BER mit Kerosin. Heikel ist, dass man noch gar keinen wirklichen Ersatz gefunden hat. Das Bundeswirtschaftsministerium schließt in einem Papier Versorgungsengpässe nicht aus.

Mit Hochdruck wird jetzt an einer Lösung gesucht, denn man will schließlich nicht weiter Milliarden in Putins Kriegskasse fließen lassen. Eine andere Raffinerie in Ostdeutschland, in Leuna, die vom französischen Unternehmen Total betrieben wird, hat sich frühzeitig mit einer Lösung auseinandergesetzt und sich um Öllieferungen aus anderen Ländern gekümmert. Sie konnte rasch und ohne Zutun der Politik vermelden, ab 2023 nicht mehr auf russisches Öl angewiesen zu sein. Das Beispiel zeigt: Eine Portion Mut, rechtzeitige Kommunikation der geplanten Sanktionen und gezielte politische Unterstützung kann uns unabhängig von Russland machen.

Gaslieferungen aus Russland nehmen seit Juni immer weiter ab – Speicher trotzdem voll

Völlig mutlos sind wir hingegen beim russischen Gas. Ja, ein russisches Gas-Embargo wird spürbare Folgen haben. Die Preise werden steigen und die Industrie muss sich zielgerichtete Lösungen überlegen, um weiter Gas einzusparen. Aber schon im November konnte die Industrie den Gasverbrauch um knapp 30 Prozent reduzieren. Und bereits im Mai erklärten einige Ökonomen, ein Gas-Embargo sei machbar.

Aber darüber wird gar nicht mehr geredet. Dabei kann ein Blick auf die Zahlen neuen Mut schaffen: Seit Juni sind die Gaslieferungen aus Russland zurückgegangen und seit September kommt gar kein Gas mehr direkt nach Deutschland. Trotzdem sind die Gasspeicher in Deutschland und Europa voll. Am 1. Juni lag der Gasspeicherfüllstand noch bei 49,52 Prozent, zeigen Daten der Bundesnetzagentur.

Wir konnten also unsere Gasspeicher füllen, obwohl wir kein Gas mehr aus Russland beziehen. Zu verdanken haben wir das einerseits den Einsparungen der Industrie, andererseits Gas fördernden Ländern, die mehr davon nach Deutschland schicken, und Ländern mit LNG-Terminals, die das Flüssiggas auch weiter zu uns exportieren.

Zwar stiegen europaweit betrachtet auch die Importzahlen von russischem LNG, allerdings ist der Anteil am europäischen LNG-Mix gering. Zwischen neun und siebzehn Prozent betrug der Anteil des LNGs aus Russland in den letzten Monaten am gesamten europäischen Markt. Wie viel davon dann letztendlich auch in Deutschland ankommt, lässt sich nicht genau sagen. Deutschland hat sicherlich von Lieferungen russischen LNGs an unsere EU-Nachbarstaaten profitiert. Prozentual betrachtet dürfte die Menge aber überschaubar sein – und vor allem ersetzbar.

Inzwischen sind die Gasspeicher in Deutschland zu mehr als 99 Prozent gefüllt.
Inzwischen sind die Gasspeicher in Deutschland zu mehr als 99 Prozent gefüllt.

Drei deutsche LNG-Terminals nehmen noch in diesem Jahr die Arbeit auf

Und noch etwas kann uns Hoffnung machen. In Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Lubmin sollen noch in den nächsten Wochen die ersten LNG-Schiffe an den neu gebauten Terminals entladen werden. Wir werden also selber LNG importieren können, aus Katar, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Letzte haben bereits den ersten größeren Vertrag unterschrieben und wollen noch in diesem Jahr Gas per Tanker liefern.

Das Bundeswirtschaftsministerium reagierte bislang nicht auf eine Anfrage, ob ein Gas-Embargo noch zur Debatte steht. Ich finde allerdings, wir sollten die Risiken in Kauf nehmen, denn unseren mangelnden Mut beim Gas bezahlen die Menschen in der Ukraine. Würde sich die Bundesregierung jetzt sagen: "Nie wieder russisches Gas über Pipelines, kein russisches LNG an unseren Häfen" und sich auf ein Datum festlegen, bliebe Zeit, sich darauf vorzubereiten.

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