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Wie ein Krankenversicherer Webasto beim Kampf gegen das Virus half

Bei dem Autozulieferer kam es zum ersten Corona-Fall in Deutschland. Der Krankenversicherer Gothaer koordinierte das Gesundheitsmanagement im Betrieb.

Mit dem Abstand weniger Wochen spricht Oliver Schoeller von einem Lackmustest für sein Unternehmen. Gilt doch das betriebliche Gesundheitsmanagement bei der Gothaer Krankenversicherung zwar als bedeutendes Wachstumsfeld in der Zukunft. Einen Fall, wie er am 19. Januar bei dem Kölner Versicherer plötzlich auflief, hatte man dort allerdings auch noch nicht erlebt.

Was war geschehen? Beim oberbayerischen Autozulieferer Webasto, bekannt für Schiebedächer und neuerdings auch für Ladeinfrastruktur, war der erste positive Corona-Fall in Deutschland aufgetreten. Eine Mitarbeiterin aus China war für ein Seminar in die Firmenzentrale nahe dem Starnberger See gereist und hatte dort weitere Mitarbeiter infiziert. Schon am nächsten Tagen gingen die rund 1200 Kollegen am Standort ins Homeoffice, die Firma wurde geschlossen, nur 17 Manager um Vorstandschef Holger Engelmann bildeten den Krisenstab.

Nicht nur für die Firma war der Ausbruch der Krankheit ein Schock, auch für die Mitarbeiter, die nun zuhause koordiniert und informiert werden mussten. In kürzester Zeit liefen beispielsweise gut 500 Emails in der Personalstelle mit Fragen rund um die Krankheit, deren Ausbreitung im Unternehmen und deren Konsequenzen für den Arbeitsplatz auf.

Das Webasto-Management hat daraufhin das betriebliche Gesundheitsmanagement der Gothaer Krankenversicherung engagiert. Diese schnelle Eingreifgruppe wurde für solche Extremsituationen in Unternehmen geschaffen, einen Fall wie diesen konnte man aber bisher nur schwer simulieren. Wichtig sei dabei vor allem gewesen, den Mitarbeitern die Unsicherheit zu nehmen, sagt Schoeller.

Anlaufstelle für Mitarbeiterfragen rund um die Uhr

Der Chef der Gothaer Krankenversicherung spricht im Handelsblatt erstmals über das Vorgehen und die speziellen Erlebnisse in den gut zwei Wochen, bis am 12. Februar der Betrieb bei Webasto wieder anlaufen konnte. „Wir haben gemeinsam in einigen Tagen ein Portal im Intranet eingerichtet mit drei wesentlichen Themenkomplexen: Fragen rund um das Virus, was tut das Unternehmen und medizinischer Support für die Belegschaft“, erzählt Schoeller.

Daneben mussten nach außen vier große Themenblöcke koordiniert werden. Zum einen sollten die betroffenen infizierten Mitarbeiter bei der gesundheitlichen Versorgung unterstützt werden. Daneben galt es, sehr eng mit den staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten, um das Virus inner- und außerhalb des Unternehmens einzugrenzen.

Mitarbeiter wollten Antworten auf die vielen Fragen im Umgang mit der Situation und mit dem Coronavirus. Außerdem sollten die Konsequenzen für Kunden möglichst gering gehalten werden.

Ein Team von zehn Mitarbeitern der Gothaer Krankenversicherungen und mehr als 30 von weiteren Partnern koordinierte diese Aufgaben. Innerhalb von drei Tagen entstand ein Portal im Internet.

„Wichtig ist es, dass die Mitarbeiter rund um die Uhr Fragen stellen können, bis hin zu einem telemedizinischen Zugang zu Ärzten per Videotelefonie“, erzählt Schoeller aus der Praxis. So konnten die Webasto-Mitarbeiter über den Gothaer-Partner Teleclinic bei Unsicherheit eine Erstdiagnose stellen lassen. „Das beruhigt die Lage unglaublich, zumal die Menschen remote von zu Hause gesteuert werden mussten“, lautet Schoellers Erkenntnis heute.

Dabei ging es auch um die Erfahrung von Ausgrenzung. Kitas schickten die Kinder von Mitarbeitern nach Hause. Eine Autowerkstatt weigerte sich, den Wagen eines Beschäftigten zu reparieren. „Wir müssen auch als Gesellschaft lernen, mit solchen Krisen besser umzugehen“, sagte Webasto-Chef Holger Engelmann dazu am Donnerstagabend in der ZDF-Talkshow bei Markus Lanz.

Alle Infizierten haben das Krankenhaus verlassen

Insgesamt 14 Personen waren nach dem ersten Corona-Fall bei Webasto von der Krankheit betroffen, neun Mitarbeiter und fünf aus deren Umfeld. Alle haben inzwischen das Krankenhaus verlassen, viele sind wieder bei der Arbeit. „Die schnelle Identifikation und Eingrenzung der Risikogruppe hat eine weitergehende Ausbreitung erfolgreich verhindert“, zieht Gothaer-Vorstand Schoeller heute als Lehre aus dem Vorgehen im Februar.

Unternehmen, deren Mitarbeiter womöglich in Zukunft noch von der Krankheit betroffen sind, sollten Schoeller zufolge schnell diese Fragen klären: Was ist zu tun, wenn es das Unternehmen trifft? Wie können wir vermeiden, dass wichtige Mitarbeiter in großer Zahl betroffen sind? Können möglichst viele Mitarbeiter von zuhause arbeiten? Und wie kann der ökonomische Workflow in diesen Zeiten möglichst gut aufrechterhalten werden?

In Branchen, in denen das möglich ist, sollte schon jetzt für möglichst viele Mitarbeiter die Möglichkeit geschaffen werden, im Home-Office zu arbeiten. So kann laut Schoeller der Arbeitsalltag weitgehend geregelt ablaufen.

Außerdem stünde so die Expertise jeder Abteilung und jedes Bereichs weiter zur Verfügung. Auch in einer „Quasi-Quarantäne“. Es entstünde zudem ein Gefühl des Zusammenhalts, wie ihn auch Webasto-Chef Engelmann nach eigener Aussage dadurch erlebt hat.

Geklärt werden muss in diesem Zusammenhang auch der Umgang mit Geschäftsreisen, vor allem in betroffene Hochrisikogebiete. Die eingerichtete Website im Intranet behalten sie bei Webasto trotz des guten Heilungsverlaufs bei den betroffenen Mitarbeitern und keinen neuen Fällen vorerst weiter bei. Schließlich sind die Region und viele Teile von Deutschland und dem benachbarten Ausland nach wie vor nicht risikofrei.

Auch die Produktionsstätten in China bleiben für Webasto weiter von zentraler Bedeutung: „Unsere hohen Innovationen hier werden finanziert durch Gewinne in China“, sagte Holger Engelmann am Donnerstag bei Markus Lanz.

Für die Gothaer Krankenversicherung, die mit einem jährlichen Beitragseinkommen von 865 Millionen Euro eine Säule im Konzern ist, waren die Erfahrungen bei Webasto jedenfalls prägend für die weitere Entwicklung. Das Unternehmen ist zwar bundesweit im Bereich der betrieblichen Krankenversicherung gut positioniert. In Zukunft soll jedoch das Geschäftsfeld um den Wandel zum Gesundheitsdienstleister erweitert werden.

Neben der Leistungsabwicklung im Krankheitsfall sollen dann auch Beratung und Vorsorge im Vordergrund stehen, so die Strategie von Schoeller. „Webasto hat hier wertvolle Erkenntnisse geliefert, was funktioniert“. Darauf könne man jetzt aufbauen.