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Tesla gegen VW – So schneiden die Aktien im Vergleich ab

Zwei Kurswelten prallen aufeinander: Volkswagen ist die billigste Aktie im Dax und in der Branche. Tesla hingegen sprengt herkömmliche Bewertungsmaßstäbe.

Beide Unternehmen produzieren Autos, doch der Blick in die Bilanzen zeigt: Größer können die Gegensätze kaum sein. Auf der einen Seite ragt der Börsenstar Tesla mit immer höheren Kursen und Bewertungen heraus, trotz jahrelanger Verluste und steigender Schulden.

Auf der anderen Seite präsentiert sich das bestverdienende deutsche Unternehmen, von dem Anleger dennoch wenig wissen wollen.

Knapp 14 Milliarden Euro Reingewinn dürfte VW 2019 erwirtschaftet haben. Jahreszahlen gibt es am 17. März. Anleger bezahlen das Unternehmen und heruntergerechnet jede Aktie nur mit dem sechsfachen Jahresgewinn. So preiswert ist kein anderer Dax-Wert und kein anderer Automobilhersteller weltweit.

Die niedrige Bewertung spiegelt tiefe Skepsis wider. Anleger bezweifeln, dass Volkswagen künftig noch zur Weltspitze in der Branche zählen wird, und vermuten, dass die Zeiten hoher Gewinne bald vorbei sind – aufgrund der teuren Entwicklung neuer Antriebssysteme und der sich rasant ändernden Kundenwünsche, die VW zumindest aus Sicht der meisten Börsianer nicht erfüllen kann.

Für den großen Bewertungsabschlag sorgen auch die ab 2021 geltenden EU-Grenzwerte. Demnach darf die Neuwagenflotte jedes Herstellers im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft pusten. Ansonsten drohen Strafzahlungen. Mit 4,5 Milliarden Euro dürften auf den VW-Konzern nach Berechnungen der Unternehmensberatung PA Consulting die branchenweit höchsten jährlichen Strafen zukommen, wenn der Konzern nicht rasch umsteuert.

VW: Anleger wetten auf die Mobilitätswende

Die niedrige Bewertung birgt aber auch enorme Chancen. Wie kein anderer Autobauer profitiert VW von seinem markenübergreifenden Baukastensystem, das auch bei den Elektromodellen des Konzerns zum Einsatz kommen wird. Dadurch sinken die Produktionskosten, was VW in die Lage versetzt, noch mehr Geld in die Elektromobilität und die Vernetzung seiner Autos zu investieren.

Mit über zwölf Milliarden Euro haben die Wolfsburger im abgelaufenen Geschäftsjahr so viel in die Forschung gesteckt wie kein anderer Industriekonzern auf der Welt. In den nächsten fünf Jahren will VW knapp 60 Milliarden Euro in die neuen Technologien investieren.

Wer heute VW-Aktien kauft, wettet darauf, dass diese Investitionen Früchte tragen. Wenn VW der Sprung ins neue Tech-Zeitalter gelingt, dann winken künftig weit höhere Kurse – und die Aktie wäre aus heutiger Sicht ein Schnäppchen.

Allerdings beinhaltet diese Spekulation viele Ungewissheiten. „Die Autoindustrie zeigt, dass die deutschen Unternehmen keineswegs an den Innovationsausgaben sparen“, urteilt Alexander Kron, Geschäftsführer beim Wirtschaftsprüfer EY, „die Frage ist nur, ob das reicht, um der wachsenden Marktmacht der US-amerikanischen Digitalriesen Paroli bieten zu können.“

Zumindest bei den Analysten ist die Präferenz eindeutig: 27 Kaufurteilen für VW steht nur eine Verkaufempfehlung gegenüber. Das ist selbst in der notorisch optimistischen Analystenzunft ein starkes Votum. Beinahe einhellig heben die Experten die niedrige Bewertung hervor und trauen VW angesichts der hohen Produktionsvolumina am ehesten zu, den Umbruch zur Elektromobilität zu schaffen.

Tesla: Ist die Aktie überbewertet?

Hingegen raten bei Tesla 17 Bankanalysten zum Verkauf, nur neun zum Kauf. Zwar heben derzeit fast alle Analysten die Kursziele für Tesla an, am stärksten die Schweizer Großbank UBS von 160 auf 410 Dollar.

Doch die Experten holen nur nach, was die Aktie längst vorgemacht hat. Seit Herbst hat sich der Tesla-Kurs mehr als verdoppelt. Die vielen skeptischen Analysten halten Tesla für „stark überbewertet“, wie es JP-Morgan-Analyst Ryan Brinkman ausdrückt.

Die Bilanz gibt den Skeptikern recht. Innerhalb von zehn Jahren ist Teslas Nettoverschuldung von weniger als null – der Autobauer verfügte 2010 über Nettoguthaben von 20 Millionen Euro – auf über sieben Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig vergrößerte sich der Jahresverlust von 117 Millionen auf 770 Millionen Euro im abgelaufenen Jahr.

Wer die Aktie kauft, spekuliert auf einen Weltmarktführer, der mit seinen Elektroautos Milliarden verdienen wird. Nur so rechtfertigt sich die Börsenbewertung von 95 Milliarden Euro. VW kommt auf 85 Milliarden.

Für Anleger zählen nicht vergangene Verluste, sondern mögliche Verkaufszahlen und Gewinne von morgen. Tesla geht davon aus, 2020 mehr als eine halbe Million Autos auszuliefern. Solche Hoffnungen, gepaart mit schwarzen Zahlen im abgelaufenen vierten Quartal, versetzen Anleger in Jubelstimmung.

Sie kaufen die nach allen üblichen Bewertungsmodellen überbewertete Aktie, weil Tesla keine Risiken scheut und schneller als die etablierte Konkurrenz seine Elektroautos nicht nur entwickelt, sondern auch verkauft. Konzernchef Elon Musk bezeichnete das Model 3 schon als massentauglich, als es den Wagen noch gar nicht gab. Jetzt entwickelt sich genau dieses Auto tatsächlich zum bislang einzigen Massenprodukt in der Welt der E-Mobilität. Eine Welt, in der die Etablierten erst noch ankommen wollen.