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Massenimpfungen mit russischem Mittel „Sputnik V“ verschieben sich

·Lesedauer: 5 Min.

Mit der Zulassung eines Corona-Impfstoffs verblüffte Putin im Sommer die Welt. Doch die angekündigten Massenimpfungen verzögern sich. Nun bittet Moskau im Ausland um Hilfe.

„In den nächsten Monaten“ beginne die Massenimpfung gegen Corona in Russland, verspricht Kremlsprecher Dmitri Peskow. Das ist ein dehnbarer Begriff. Denn eigentlich sollte die Immunisierung des Volkes bereits im Oktober beginnen. Das hatten im Sommer hochrangige russische Politiker herausposaunt, als Wladimir Putin mit dem symbolisch „Sputnik V“ genannten Vakzin den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen hatte.

Später war dann von November oder Dezember die Rede. Nun nennt der Direktor des Gamaleja-Instituts für Epidemiologie und Mikrobiologie, Alexander Ginzburg, den Januar oder Februar als Impftermin für die Bevölkerung. Das Institut hat „Sputnik V“ entwickelt. Laut Ginzburg können zu Beginn des nächsten Jahres monatlich fünf bis sechs Millionen Dosen des Impfstoffs hergestellt werden. Russland hat aber 145 Millionen Einwohner.

Gegen den Optimismus Ginzburgs sprechen zwei Hauptprobleme: Die entscheidende dritte Testphase hatte Moskau im Sommer bei der Zulassung einfach übersprungen, um sich als Weltmarktführer bei der Covid-Bekämpfung zu präsentieren. Derzeit erst wird das Serum an 40.000 Freiwilligen in Russland und Weißrussland erprobt sowie klinische Studien in den Emiraten, Indien, Venezuela, Brasilien und Ägypten angestoßen.

Das Gemaleja-Institut hatte zuletzt angegeben, „Sputnik V“ sei mit 92 Prozent Wirksamkeit sogar besser als der vom Mainzer Unternehmen Biontech entwickelte Impfstoff. Zuletzt häuften sich in Russland aber Meldungen darüber, dass sich Teilnehmer der Impfstudie mit Covid infiziert hatten: Duma-Abgeordnete und Ärzte aus den sibirischen Regionen Kusbass und Altai hatten sich angesteckt.

Die Behörden erklärten die Vorfälle mit der Besonderheit des Impfstoffs, der in zwei Etappen im Abstand von drei Wochen gegeben wird. Die Betroffenen seien etwa eine Woche nach der ersten Injektion krank geworden, als sie noch keine Immunität aufgebaut hätten. Zudem sei nicht klar, ob die Infizierten den wirklichen Impfstoff oder einen wirkungslosen Placebo gespritzt bekommen hatten.

Im Oktober registrierte Russland mit Epi-Vac-Corona zudem bereits einen zweiten Impfstoff gegen das Sars-Cov2-Virus.

Es fehlt an Produktionskapazitäten

Zweitens fehlen Russland derzeit noch die Produktionskapazitäten, um den Impfstoff in den gewünschten Mengen herstellen zu können. Das musste zuletzt sogar Präsident Wladimir Putin einräumen: „Es gibt bestimmte Probleme, die mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen einer vorgegebenen Kapazität von Apparaturen zusammenhängt“, gab Putin bereits Ende Oktober zu. Aus Pharmakreisen sickerte durch, dass es Schwierigkeiten gibt, die Stabilität des Serums zu gewährleisten, also eine gleichbleibende Qualität aller Ampullen.

Zunächst wird der Impfstoff nämlich in geringen Mengen hergestellt. Im Bioreaktor werden um die 500 Milliliter produziert, später muss die Menge auf Dutzende Liter erhöht werden. Dazu wiederum sind große Bioreaktoren nötig. Und daran fehlt es in Russland.

Darum soll Putin einem Medienbericht zufolge in Frankreich um Hilfe gebeten haben. Am 7. November telefonierte Putin mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Auf der offiziellen Kreml-Website heißt es dazu bürokratisch chiffriert. „Es wurde das Interesse an einer Vertiefung der Zusammenarbeit beim Kampf gegen die Corona-Infektion ausgesprochen, darunter auch durch den Aufbau von Beziehungen zwischen russischen fachorientierten Strukturen und dem Pasteur-Institut im Bereich Entwicklung und Produktion von Impfstoffen.“

Dem Bericht nach soll Russland schon seit einigen Wochen verstärkt Kooperationsangebote an Frankreich geschickt haben. Bei dem Telefonat soll Putin dann bei Macron angefragt haben, ob Frankreich bei der Massenproduktion des Serums behilflich sein könne. Der französische Staatschef seinerseits bat sich Bedenkzeit aus, um die Frage mit französischen Wissenschaftlern zu besprechen.

Parallel hat der russische Staatsfonds RDIF bereits Abkommen mit der indischen Pharmagröße Dr. Reddy’s für Phase-3-Tests sowie am Freitag mit Südkorea zur Produktion von 150 Millionen „Sputnik“-Dosen jährlich in Südkorea abgeschlossen. Auch Exportverträge sowie Abkommen zur Lizenzherstellung in anderen Ländern hat der Staatsfonds bereits abgeschlossen. Der RDIF hat die Entwicklung von „Sputnik V“ finanziert.

Russland wittert Milliardengeschäft

RDIF-Chef Kirill Dmitriew geht davon aus, dass sein Land ein Drittel des entstehenden Milliarden-Weltmarkts für Corona-Impfstoffe abbekomme. Die Chancen dafür sieht auch der US-Chefvirologe Anthony Fauci. Denn das von Biontech und Pfizer entwickelten Vakzin müsse bei mindestens –70 Grad gelagert werden. Das sei gerade für ärmere Staaten „sehr herausfordernd“, sagte Fauci. Dagegen kommt der russische Stoff mit Raumtemperatur zurecht.

Allerdings rechnen die Analysten der russischen Investmentbank BCS Global Markets mit Exportpreisen für „Sputnik“ von vier bis 14 Dollar pro Dosis. Dagegen könnten die in Entwicklung befindlichen Corona-Vakzine von Moderna 25 bis 30 Dollar pro Ampulle und der von Pfizer vertriebene Biontech-Impfstoff durchschnittlich 19,5 Dollar kosten.

Problematisch für den „Sputnik“-Vertrieb ist auch, dass im Westen der russische Impfstoff generell kritisch gesehen wird. Mediziner, unter anderem vom Paul-Ehrlich-Insitut, warnten in den vergangenen Monaten vor einer verfrühten Zulassung von Medikamenten, die dann am Ende entweder unwirksam oder gar gefährlich seien. Als Vorwurf gegen Russland steht immer wieder die zu geringe Transparenz bei der Entwicklung und bei der Weitergabe von Daten zur Wirksamkeit im Raum.

Auf der anderen Seite drängt die Zeit: Die zweite Welle hat sowohl Westeuropa als auch Russland schwer getroffen. Am Freitag vermeldete Russland mit knapp 22.000 Neuinfektionen einen neuen Rekord. Mit insgesamt fast 1,9 Millionen Infizierten seit Beginn der Pandemie liegt Russland weltweit auf Rang fünf.

Offiziellen Angaben nach sind inzwischen mehr als 32.000 Russen an einer Covid-Infektion verstorben. Und in ganzen Regionen im Süden Russlands gibt es nicht mehr genügend freie Beatmungsplätze in Kliniken. Dort werden Corona-Tote unter Planen gestapelt.