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Wirtschaftsweisen-Chef Lars Feld: „Ein starker Aufschwung im Frühjahr ist möglich“

Riedel, Donata
·Lesedauer: 11 Min.

Lars Feld ist überzeugt, dass nach der wirtschaftlichen Winter-Schwäche die Erholung ähnlich stark wird wie im Sommer 2020. Die Unternehmenshilfen der Regierung hält er für ausreichend.

Feld erwartet, dass die Dezember-Verschärfungen des Lockdowns bis 10. Januar wegen der vielen Feiertage nur geringe Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft haben werden. Foto: dpa
Feld erwartet, dass die Dezember-Verschärfungen des Lockdowns bis 10. Januar wegen der vielen Feiertage nur geringe Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft haben werden. Foto: dpa

Wirtschaftsweisen-Chef Lars Feld hält es für nicht realistisch, ein Ende des Lockdowns im Februar zu erwarten. Dazu seien die Infektionszahlen noch zu hoch. „Vielleicht dürfen wir darauf hoffen, dass die Restriktionen im Februar milder ausfallen als im Januar, mehr aber nicht“, sagte Feld im Handelsblatt-Interview. Die Wirtschaft hänge wie das ganze Leben in diesem Winter vom weiteren Infektionsgeschehen ab.

„Wenn wir im Februar oder März wieder zu leichten Lockerungen kommen können, dann ist im zweiten Quartal durchaus ein so starker Aufschwung möglich wie im Sommer 2020“, sagte er. Im dritten Quartal 2020 war die deutsche Wirtschaftsleistung um 8,5 Prozent gewachsen.

Feld erwartet, dass die Dezember-Verschärfungen des Lockdowns bis 10. Januar wegen der vielen Feiertage nur geringe Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft haben werden: „Hinzugekommen ist der stationäre Einzelhandel, und wir hatten verlängerte Weihnachtsferien“, sagte er.

Mit der Verlängerung bis Ende Januar dürften diese Maßnahmen allerdings das Wachstum nun stärker bremsen – auch weil Schul- und Kitaschließungen geplant seien. „Dann können die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht so weiterarbeiten wie bisher, weil sie ja die Kinderbetreuung sicherstellen müssen“, so der Ökonom.

Seinen eher optimistischen Blick auf die Wirtschaft 2021 begründet Feld damit, dass viele Menschen ihren Konsum nur aufgeschoben hätten und die Industrie von der Erholung in China und den USA profitiere. „Auch die Rettungshilfen sollte man nicht unterschätzen“, betonte er. Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen liefen weiter. Und die Konjunkturhilfen seien bei Weitem nicht ausgeschöpft: „Da hat der Finanzminister sich ein dickes Polster geschaffen“, so Feld.

Volle Kassen für die nächste Bundesregierung

Die neue Bundesregierung finde daher nach der Wahl im Herbst volle Kassen vor, aus denen sie Impulse für die Modernisierung des Landes finanzieren könne. Er hoffe, dass dann bei der Digitalisierung nicht mehr nur über Breitbandleitungen gesprochen werde, sondern auch über die notwendige Reorganisation der öffentlichen Verwaltung.

Den langsamen Beginn der Impfkampagne sieht Feld nicht als Skandal. „Ich finde aber, dass die EU jetzt mehr von Biontech, Moderna und Curevac bestellen sollte, als man bisher bestellt hat“, sagte er. Nur wenn dies auf EU-Ebene „zu zäh vorankommt, sollte man auch auf nationaler Ebene nachbestellen“, sagte Feld.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Feld, was bedeutet es für die Wirtschaft, wenn der Lockdown jetzt verlängert wird?
Wir müssen akzeptieren, dass das ganze Leben in diesem Winter und damit auch die Wirtschaft vom Infektionsgeschehen abhängen. Wegen der vielen Feiertage sind die aktuellen Indikatoren leider sehr unzuverlässig. Es ist unklar, wie viele Infektionen noch nachgemeldet werden und wie stark sich die Infektionsdynamik wirklich verändert hat. Es hat mich deshalb verwundert, dass die Politik den härteren Lockdown nur bis 10. Januar verhängt hat. Man hätte die Maßnahmen gleich bis zum 31. Januar beschließen können.

Wie kann man mit der unklaren Lage jetzt am besten umgehen?
Unklarheit bedeutet ja auch, dass die Infektionszahlen gesunken sein können und die Infektionsdynamik eventuell durchbrochen worden ist. Deshalb muss man die Daten in den nächsten 14 Tagen genau analysieren, um daraus zu schließen, wie die Politik vermutlich weiter reagieren wird.

Welche Szenarien ergeben sich daraus für den weiteren Konjunkturverlauf in diesem Winter?
Wir hatten in unserer Prognose Anfang November erwartet, dass es über den gesamten Winter hinweg Einschränkungen geben wird, etwa im Umfang des anfänglichen „Lockdown light“. Diese Einschränkungen sind verschärft worden, allerdings aus wirtschaftlicher Perspektive noch relativ geringfügig. Hinzugekommen ist der stationäre Einzelhandel, und wir hatten verlängerte Weihnachtsferien, also eine Schul-Teilschließung. Würden die Schulen und Kitas ab dem 11. Januar wieder öffnen, müssten wir die Prognose nur leicht nach unten korrigieren.

Wie viel macht das aus?
Wenn wir die Zeit bis 10. Januar betrachten, nicht viel. Aber wenn der verschärfte Lockdown nun bis Ende Januar dauert und Schul- und Kitaschließungen in irgendeiner Form dazugehören, wird die Wirtschaft das stärker spüren. Denn dann können die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht so weiterarbeiten wie bisher, weil sie ja die Kinderbetreuung sicherstellen müssen. Das verschlechtert die Jahresprognose für 2021. Von den 3,7 Prozent Wachstum, die wir erwartet haben, müssen wir dann einige Zehntelprozentpunkte abziehen. Aber ein Wachstum über drei Prozent könnte noch möglich sein.

Wie realistisch ist es denn, im Februar ein Ende des Lockdowns zu erwarten?
Wenn Sie mich nach meinem Bauchgefühl fragen, halte ich ein komplettes Ende des Lockdowns im Februar für nicht realistisch. Vielleicht dürfen wir darauf hoffen, dass die Restriktionen im Februar milder ausfallen als im Januar, mehr aber nicht.

Rutscht Deutschland in eine zweite Rezession, mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen?
Ich gehe davon aus, dass wir im ersten Quartal 2021 ein Minus bekommen, und wir hatten für unsere Prognose im vierten Quartal 2020 bereits ein leichtes Minus unterstellt. Wir gehen im Sachverständigenrat aber nicht von der einfachen Formel aus: Zweimal Quartalsminus ist gleich Rezession. Sondern wir schauen uns ein ganzes Set an Indikatoren an, die den Konjunkturverlauf bestimmen. Und da würde ich die Lage insgesamt noch nicht als Rezession bezeichnen, sondern als stagnatives halbes Jahr.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagt, ein starker Aufschwung sei inzwischen Wunschdenken …
Das sehe ich nicht so pessimistisch, und andere Ökonomen, etwa aus dem Umfeld des IMK, haben darüber ja ebenfalls die Stirn gerunzelt. Wenn wir im Februar oder März wieder zu leichten Lockerungen kommen können, dann ist im zweiten Quartal durchaus ein so starker Aufschwung möglich wie im Sommer 2020. Im ersten Lockdown im April 2020 hatte man dem Sachverständigenrat vorgeworfen, mit einer Projektion von minus 5,4 Prozent BIP-Wachstum für 2020 zu optimistisch zu sein. Aber jetzt werden wir zwischen minus fünf und minus fünfeinhalb Prozent landen.

Was stimmt Sie optimistisch?
Es gibt viel zurückgestauten Konsum, und wir haben eine sehr hohe Sparquote. Mancher Konsum wird nachgeholt werden, nicht der Wintermantel und der Restaurantbesuch, aber bestimmt manche Reise, die dann vielleicht sogar teurer sein darf. Auch die fiskalpolitischen Maßnahmen sollte man nicht unterschätzen. Es sind bei Weitem nicht alle Konjunkturhilfen ausgeschöpft, die Überbrückungshilfen für Unternehmen und die Kurzarbeit laufen weiter. Selbst wenn man den Wiederanstieg der Mehrwertsteuersätze und mögliche höhere Zusatzbeiträge der Krankenkassen bedenkt, macht sich die Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags positiv bemerkbar. Der fiskalpolitische Impuls bleibt somit deutlich positiv. Der Aufschwung im verarbeitenden Gewerbe ist außerdem derzeit noch immer intakt. Und außenwirtschaftlich gibt es durch die Nachfrage aus China und den USA Wachstumsimpulse.

Reichen die Rettungshilfen der Bundesregierung?

Ich finde ja. Ich halte sogar einzelne Hilfen für zu üppig, etwa die Teilerstattung des Umsatzes im Gastgewerbe im November und Dezember. Dass man jetzt mit den Überbrückungshilfen zur Fixkostenerstattung zurückkehrt, halte ich für richtig. Was mir fehlt, ist ein generöserer steuerlicher Verlustrücktrag. Der Bund sollte ihn jetzt auf zwei Jahre ausdehnen. Er wird es aber wohl leider nicht tun, weil der Bundesfinanzminister dies leider ablehnt.

Bislang gibt es überraschend wenig Firmenpleiten. Fürchten Sie eine Insolvenzwelle in diesem Jahr?
Es wird sicher mehr Insolvenzanträge geben. Es wird aber vermutlich auch viele Firmenschließungen ohne Insolvenz geben. Das liegt daran, dass vom Lockdown viele Firmen betroffen sind, die wenige Reserven haben, die sie meist während des ersten Lockdowns auch schon aufgezehrt haben, etwa im Gastgewerbe, im Einzelhandel und in der Hotellerie.

Kann man das in Zahlen beschreiben?
Das ist ausgesprochen schwierig. Der wichtigste Insolvenzgrund ist die Zahlungsunfähigkeit. Und dieser Grund zwingt die Unternehmen bereits seit Oktober wieder dazu, Insolvenz anzumelden. Trotzdem konnte man in den letzten drei Monaten keine Pleitewelle beobachten. Die Liquiditätshilfen, Kurzarbeit, Steuerstundungen und der geltende Verlustrücktrag helfen den Unternehmen durchaus.

Wenn nur kleinere Betriebe aufgeben müssen: Sind dann die vielen Warnungen vor Bankpleiten im Anschluss an Firmeninsolvenzen nicht maßlos übertrieben?
Solange es vor allem die kleineren Firmen sind, die aufgeben müssen, würde ich mir über die Banken keine allzu großen Sorgen machen. Beobachten muss man allerdings jene großen Hotelkomplexe, die jetzt über Monate nicht ausgelastet werden können, aber hoch mit Immobilienkrediten belastet sind. Wenn die dahinterstehenden Fonds die Verluste nicht auffangen, dann merken die Banken das schon.

Für die ganz Großen, auch im Tourismus, gibt es ja noch die Möglichkeit der Staatsbeteiligung …
Ja, Lufthansa und Tui fängt der Bund auf. Man unterstellt mir als Ordnungsökonom oft, dass ich vorschlagen würde: Lasst die Unternehmen pleitegehen. In einer Krise wie dieser bin ich aber sehr zurückhaltend. Man muss gleichwohl fragen: Wie sieht das Zukunftskonzept aus? Denn man kann ja nicht mit den alten Geschäftsmodellen einfach weitermachen. Die Lufthansa stellt sich bereits um, weil sie davon auszugehen hat, dass das Geschäft mit den Dienstreisen längere Zeit nicht mehr so laufen wird wie früher.

Die Opposition klagt, es fehle eine Langfriststrategie zur Bekämpfung der Coronakrise. Stimmen Sie zu?
Ich frage lieber: Was ist im vergangenen Jahr gut gelaufen, und was ist weniger gut gelaufen? Und da sehe ich Nachbesserungsbedarf, beispielsweise bei der Corona-Warn-App. Auch auf Basis des bestehenden Datenschutzrechts gibt es viele Möglichkeiten, sie besser zu nutzen. Im Januar und Februar bringt uns das nichts mehr, aber wir müssen doch auf die nächste Welle vorbereitet sein!

Liegt der mangelnde Erfolg der Warn-App nicht vor allem daran, dass bei den Gesundheitsämtern und den Testlaboren die Digital-Logistik fehlt und deshalb Testergebnisse viel zu spät dort ankommen?
Absolut. Es fehlt überall im öffentlichen Bereich an Digitalisierung, nicht nur bei den Gesundheitsämtern, sondern insgesamt im Gesundheitswesen und vor allem auch im Bildungsbereich. Wir führen immer die große Infrastrukturdiskussion, dabei heißt Digitalisierung mindestens zur Hälfte: Reorganisation. Und da müsste man in diesen Bereichen viel verändern, unabhängig von Corona.

Böte die Pandemie also die Chance, die öffentliche Verwaltung durchzudigitalisieren?
Ja. Das hat die Bundesregierung durchaus erkannt und setzt in der Zukunftssäule des Konjunkturpakets Impulse. Aber konkret stehen dort wieder nur Infrastrukturprojekte und Forschungsausgaben, Gesetzesinitiativen zur Modernisierung der Bürokratie fehlen.

Oft ist es dabei doch so: Der Bund beschließt etwas, und dann wird es von den dafür zuständigen Landesregierungen nicht umgesetzt …
Wir haben einen ausgeprägten Verwaltungsföderalismus. Das sieht man jetzt bei der Diskussion um einen sogenannten Impfskandal: Was da schiefläuft, haben die Länder zu verantworten, und nicht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Es gibt große Unterschiede zwischen den hohen Impfraten in Mecklenburg-Vorpommern und in anderen Ländern, wie etwa Thüringen, in denen bisher weniger schnell vorangeschritten wird. Was geliefert wurde, sollte zügig verimpft werden, auch an Feiertagen.

Gibt es denn überhaupt einen Impfskandal? Der Aufbau einer Massenproduktion dauert doch ohnehin eine Weile …
Ich würde das nicht als „Skandal“ bezeichnen. Ich frage aber: Wo hat es gehakt, und wo kann man nachbessern? Ich finde, dass die EU jetzt mehr von Biontech, Moderna und Curevac bestellen sollte als bisher. Ich habe den Eindruck, dass Biontech bereit ist, mehr zu liefern, und das Werk in Marburg schon ab März hochfahren kann. Eine europäische Lösung ist hier gut und schön. Aber wenn das dort zu zäh vorankommt, sollte man nationale Lösungen suchen.

Geht’s denn da wirklich voran?
Es ist allen in der Wirtschaft und der Politik bewusst. Erkenntnisdefizite bestehen nicht. Wenn wir im Herbst die Bundestagswahl hinter uns haben, müssen von der neuen Bundesregierung Anstöße in die richtige Richtung kommen. Wir werden aus Corona viel gelernt haben. Und wir haben die finanziellen Mittel, selbst wenn die Schuldenbremse 2022 wiedereingesetzt wird. Es sind enorme Reserven aus den Konjunkturpaketen übrig. Da hat der Finanzminister sich ein dickes Polster geschaffen und zudem die älteren Fonds nicht aufgelöst. Reserven sind da, um politische Impulse zu setzen.

Besteht die Gefahr, dass die Soziale Marktwirtschaft zu sehr in eine Staatswirtschaft abdriftet?
Ich bin bei jeder staatlichen Maßnahme kritisch, ob sie denn das gesetzte Ziel effektiv erreicht. Man muss zudem jedes Mal wieder neu die richtige Balance finden zwischen Staat und Markt. Im Moment haben wir vielleicht ein bisschen zu viel Staatsgläubigkeit. Es wird darauf ankommen, die Corona-Maßnahmen zu beenden, sobald das Infektionsgeschehen dies erlaubt, und die getroffenen Einschränkungen der Freiheitsrechte wieder zu beseitigen. Außerdem müssen wir nach der Pandemie überlegen, wie die Staatsfinanzen konsolidiert werden können und wie der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik aussehen kann. Die Geldpolitik sollte sich nicht auch noch um Klimaschutz kümmern.

Die Keynesianer feiern die Krise als Sieg ihrer Theorie: Haben Sie sich in der Krise von irgendeinem Glaubenssatz verabschiedet?
Ich hänge nicht an Glaubenssätzen, ich bin Agnostiker. Ich versuche herauszufinden, wo Probleme liegen und wie man sie am besten lösen kann. Natürlich darf man mich gern als Ordnungspolitiker einordnen, weil ich stärker auf Rahmenbedingungen und auf Regeln aus bin als auf direkte Eingriffe des Staates in das Wirtschaftsgeschehen. Aber in der jetzigen pandemiebedingten Wirtschaftskrise ist doch völlig klar, dass der Staat mit expansiven Maßnahmen dagegenhalten muss.

„Wenn wir im Februar oder März wieder zu leichten Lockerungen kommen können, dann ist im zweiten Quartal durchaus ein so starker Aufschwung möglich wie im Sommer 2020.“ Foto: dpa
„Wenn wir im Februar oder März wieder zu leichten Lockerungen kommen können, dann ist im zweiten Quartal durchaus ein so starker Aufschwung möglich wie im Sommer 2020.“ Foto: dpa