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Währungsstrategen sehen viele Gründe für einen wieder schwächeren US-Dollar

·Lesedauer: 7 Min.

In den vergangenen Monaten hat der US-Dollar deutlich gegenüber dem Euro abgewertet. Zuletzt hat sich der Trend gedreht. Es gibt jedoch weitere Risiken.

Die US-Währung gehörte in der vergangenen Woche zu den großen Gewinnern am Devisenmarkt. Foto: dpa
Die US-Währung gehörte in der vergangenen Woche zu den großen Gewinnern am Devisenmarkt. Foto: dpa

Der US-Dollar hat schwankungsvolle Zeiten hinter sich. Seit Anfang Mai wertete die US-Währung fast acht Prozent im Vergleich zum Euro ab. Zuletzt aber hat sich der Abwärtstrend gedreht und der Dollar gehörte zu den Gewinnern am Devisenmarkt.

Grund dafür war vor allem die Angst vor einer zweiten Coronawelle in Europa. Sie hat dazu geführt, dass Anleger zuletzt Risiken wieder stärker gemieden haben und ihr Kapital eher in den US-Dollar steckten, der als Zufluchtsort in der Krise gilt.

Die Frage ist allerdings, ob dieser Aufwärtstrend für den Dollar nachhaltig ist. Viele Devisenexperten sind skeptisch. „Dass der Dollar nach monatelanger Schwächephase sich mal wieder etwas erholen kann, sei unbenommen. Jedoch darf man sich schon wundern, dass diese Erholung wenige Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl stattfindet“, urteilt Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann. Der Investmentstratege des französischen Vermögensverwalters Carmignac, Gergely Majoros, hält die US-Währung nach wie vor für überbewertet. Er sieht vor allem angesichts der extrem lockeren Geldpolitik und der massiven Staatsausgaben in den USA Potenzial für eine weitere Abwertung. „Historisch hat der Dollar immer dann besonders gelitten, wenn Geld- und Fiskalpolitik in den USA sehr expansiv waren“, sagt er. Noch deutlicher ist der Devisenchef der Deutschen Bank, George Saravelos. Er spricht in einer aktuellen Analyse vom „schlechtesten Policy-Mix für den Dollar seit dem Ende von Bretton Woods“. Eine Anspielung auf das historische Abkommen zur Währungsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, das 1973 zusammenbrach.

Als Gründe für seine Dollar-Skepsis verweist Saravelos sowohl auf die schlechte Ausgangslage als auch auf Risiken in den kommenden Monaten. So sind zum Beispiel die Realzinsen in den USA aktuell so niedrig wie nie, also die Nominalzinsen abzüglich der Inflation. Die amerikanische Notenbank Fed hat als Reaktion auf die Coronakrise die Leitzinsen im Frühjahr von bis zu 1,75 Prozent auf bis 0,25 Prozent gesenkt. Ähnlich wie die Fed lockerten zwar auch andere Notenbanken die Geldpolitik. Unter dem Strich aber ist die Zinsdifferenz zwischen den USA und der restlichen Welt in der Coronakrise zurückgegangen. Für internationale Investoren spielt das eine wichtige Rolle: Sinken in den USA die Zinsen stärker als anderswo, wird es für sie attraktiver, in anderen Währungsräumen anzulegen.

US-Haushalt dank Corona in noch tieferem Rot als ohnehin schon

Ähnlich wie in der Geldpolitik sieht es auch in der Finanzpolitik aus. Auch hier gehen praktisch alle Länder in der Krise höhere Defizite ein, aber die USA ragen besonders hervor. Schon vor der Coronakrise waren dort der Haushalt und die Leistungsbilanz tiefrot, also der Saldo im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland. Für dieses Jahr wird im langfristigen Budgetausblick allein für den Haushalt ein Minus von 16 Prozent der Wirtschaftsleistung prognostiziert – das höchste Defizit in Friedenszeiten. Deutsche-Bank-Analyst Saravelos geht davon aus, dass sich daraus zusammen mit dem negativen Leistungsbilanzsaldo für die USA das höchste Zwillingsdefizit aller Zeiten ergibt. Das wiederum hat zur Folge, dass die USA auf hohe Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen sind – was tendenziell den Dollar schwächt. Eine Verschlechterung der Zwillingsdefizite sei „ein wichtiger Negativfaktor für den Dollar“, sagt Saravelos. Im Vergleich zu den USA haben sich andere Länder in der Krise eher zurückgehalten. „China macht längst nicht so viel wie nach der Finanzkrise 2009“, betont Majoros von Carmignac. Damals hatte das Land ein massives Konjunkturprogramm aufgelegt.

Angesichts des schwindendenden Zinsvorteils der USA gegenüber vielen anderen Ländern und hoher Defizite ist der Dollar in einer schwierigen Ausgangslage. Hinzu kommen gravierende Risiken in den kommenden Monaten – allen voran durch die US-Senats- und Präsidentschaftswahlen am 3. November.
Deutsche-Bank-Analyst Saravelos rechnet im Falle eines Doppelerfolgs des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und seiner Partei bei den Wahlen für den Senat mit Steuersenkungen für untere Einkommensschichten und einer höheren Belastung von Kapitaleinkünften. „Dies würde das Leistungsbilanzdefizit durch höhere Konsumausgaben ausweiten und Kapitalzuflüsse in die USA durch höhere Kapitalsteuern dämpfen.“

Ein anderes wichtiges Thema ist an den Kapitalmärkten die Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Laut Saravelos könnte ein Erfolg bei der Impfstoffsuche den Dollar ebenfalls schwächen. Er stützt sich dabei auf den Zusammenhang zwischen dem Dollar-Kurs und der Risikostimmung an den Märkten. Tendenziell ist die US-Währung eher dann gefragt, wenn Anleger Risiken meiden. Ein Impfstoff hätte jedoch wohl genau den entgegengesetzten Effekt: Er würde für Optimismus und zunehmende Risikobereitschaft der Investoren sorgen. Saravelos hält in diesem Fall eine von zyklischen Sektoren angeführte Aktienrally für möglich und erwartet einen schwächeren Dollar.

Welche Währungen aber profitieren im Gegenzug? In den vergangenen Monaten war es vor allem der Euro. Zuletzt allerdings haben führende Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) vor den Risiken einer weiteren Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung gewarnt. Für die EZB ist ein starker Euro unerwünscht, weil er Importe billiger macht und damit die ohnehin äußerst niedrige Inflation im Euro-Raum weiter drückt. Andererseits macht er Exporte auf dem Weltmarkt teurer und weniger wettbewerbsfähig.

Die EZB könnte eingreifen

Sollte der Euro daher weiter zulegen, könnte die EZB gegensteuern. Zum Beispiel durch weitere verbale Interventionen oder indem sie ihr Anleihekaufprogramm in der Coronakrise im Umfang von aktuell 1,35 Billionen Euro noch einmal aufstockt.

Tendenziell würde das einer weiteren Euro-Aufwertung entgegenwirken. Deutsche-Bank-Experte Saravleos hält daher das Abwertungspotenzial des Dollars gegenüber dem Euro für begrenzt – trotz seiner Skepsis gegenüber dem Dollar. Im Falle einer breit gestützten Dollar-Schwäche rechnet er damit, dass der Euro-Kurs über 1,20 US-Dollar je Euro steigt in Richtung der Marke von 1,25 US-Dollar.

Deutlich größeres Potenzial sieht er dagegen für andere G10-Währungen wie den neuseeländischen Dollar, den australischen Dollar oder die norwegische Krone, aber auch für Schwellenländer-Währungen wie den brasilianischen Real und den südafrikanischen Rand. Letztere sind in der Coronakrise besonders stark unter Druck geraten: Der brasilianische Real hat seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet und der südafrikanische Rand um etwa 22 Prozent. Saravelos hält beide Währungen aktuell für sehr niedrig bewertet. Sie und andere Schwellenländerwährungen würden insgesamt von einem besseren Wachstumsausblick, stärkeren Fundamentaldaten und den weltweit extrem vorteilhaften Liquiditätsbedingungen profitieren.

Schwacher Dollar hilft Schwellenländern

Auch für die Weltwirtschaft wäre eine Abwertung des Dollars gegenüber den Schwellenländer-Währungen tendenziell besser als gegenüber dem Euro oder dem japanischen Yen. Auf diesen Zusammenhang weist zum Beispiel der Chefvolkswirt des Institute for Internationale Finance (IIF), Robin Brooks, hin. „Nötig wäre, dass der Dollar gegenüber den Schwellenländer-Währungen fällt. Das würde die Finanzierungsbedingungen lockern und das globale Wachstum anschieben“, schrieb er auf Twitter. Anders als im Euro-Raum und in Japan, wo eine weitere Abwertung des Dollars eher die Gefahr einer Deflation verstärkt, ist in den Schwellenländern ein anderer Effekt entscheidender: Weil sich dort viele Unternehmen und zum Teil auch Staaten in Dollar verschuldet haben, erleichtert ein schwächerer Dollar die Bedienung der Schulden. Eine Aufwertung der Schwellenländer-Währungen gegenüber dem Dollar wirkt also wie eine Lockerung der Geldpolitik.

Ob Währungen wie der brasilianische Real oder der südafrikanische Rand gegenüber dem Dollar wieder zulegen, hängt aber auch davon ab, wie diese Länder mit den Lasten der Coronakrise fertigwerden. Zumindest sind ihre Bewertungen inzwischen sehr niedrig. Der Dollar hat zwar zuletzt etwas gegenüber dem Euro an Wert verloren, unter dem Strich aber hatte er in den vergangenen Jahren eine lang anhaltende Phase der Stärke. In den kommenden Monaten gibt es deutliche Risiken, die ihn schwächen könnten.