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KORREKTUR: Bevölkerungsschwund? Der Osten trotzt und lockt

(Im 6. Absatz, 2. Satz wurde die Jahreszahl korrigiert: 2040 rpt 2040)

SANGERHAUSEN (dpa-AFX) - Der Wohnraum erschwinglich, das Internet schnell, die Autobahn gut erreichbar und die Kinder betreut: Im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt lässt es sich gut leben. Das meint zumindest Landrat André Schröder. "Es gibt natürlich auch Probleme, aber die gibt es überall. Wir müssen uns überhaupt nicht verstecken", sagt der CDU-Politiker, selbst ein Kind der Region. Bloß nicht von anderen herunterziehen lassen, die das Gegenteil behaupten, scheint seine Devise.

Jüngste Zahlen der Bertelsmann Stiftung malen jedoch nirgends in Deutschland ein düstereres Bild als in Mansfeld-Südharz. Zwischen 2020 und 2040 soll die Bevölkerungszahl dort demnach um 21,1 Prozent schrumpfen. Gleichzeitig werde der Anteil der Älteren immer größer, das Thema Strukturwandel immer drängender - in Mansfeld-Südharz und in anderen Regionen Ostdeutschlands. Viele westdeutsche Regionen sollen hingegen wachsen. Wie umgehen mit solchen Prognosen?

Die Zahlen prognostizieren Stillstand

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Landrat Schröder trotzt ihnen auch mit Kritik: "Die nach Weltuntergang klingenden Szenarien sind schon in der Vergangenheit nie eingetroffen - und werden es auch in Zukunft nicht", ist er sich sicher. Damit ist er nicht allein. "Die Studien werden ja regelmäßig erstellt und die sind immer falsch gewesen", kommentierte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in der Talkshow von Markus Lanz (11. April). Die Zahlen zeigten, was sein werde, "ohne dass sich irgendwas bewegt".

Es sollte sich also was bewegen. Ein Beispiel für Bewegung - für das Anpassen an die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger - soll in Mansfeld-Südharz der Familienbesuchsdienst sein. Frisch gebackene Eltern werden von ihm nach der Geburt kontaktiert. Das Angebot: ein Besuch von Ivonne Wehde und Daniela Kunze. Im Gepäck haben sie ein offenes Ohr und einen Ordner voll mit den Leistungen des Landkreises.

Katharina Otto wohnt mit ihrem Mann in Questenberg, einem Ortsteil der Gemeinde Südharz. Rund 130 Einwohner zählt das Dorf. Vor einigen Monaten ist Ottos Tochter Ronja hinzugekommen. In wenigen Wochen soll das Baby mit auf eine Wanderung. Wo gibt es Trageberatung? Und wer bietet eigentlich Kinderschwimmen an? Fragen, auf die Kunze und Wehde Antworten haben.

Sachsen lockt ebenfalls

Auch Sachsens Bevölkerung wird in den nächsten Jahren immer älter und kleiner. Minus 5,7 Prozent bis 2040, sagt die Bertelsmann Stiftung. Das sind 230 000 Menschen weniger als noch 2020.

Besonders vom Bevölkerungsrückgang betroffen ist in Sachsen das Erzgebirge. Im Erzgebirgskreis mit seinen gut 327 000 Einwohnern wird ein Rückgang um fast ein Fünftel (19,1 Prozent) erwartet. Für viele Unternehmen ein echtes Problem. Schon jetzt halten etliche Hotels und Gaststätten ihren Betrieb verstärkt mit Fachkräften aus Tschechien am Laufen.

Um gegenzusteuern, wirft die Wirtschaftsförderung ihre Angel in verschiedene Richtungen aus. Besonders im Fokus steht dabei Berlin. Dabei setzt sie auf Humor, nimmt Klischees und Eigenheiten der Menschen im Erzgebirge auf die Schippe. Etwa im Videoclip "Weit weg von allem: Erzgebirge", der auf Youtube gut 377 000 Mal geklickt wurde. In der pfiffigen Kampagne #Hammerleben wird zum Beispiel mit dem Slogan "Unbezahlbar ist hier nur die Landschaft" auf niedrige Mieten und Grundstückspreise bei gleichzeitiger Nähe zur Natur verwiesen. Oder mit "Hammerjobs" die Breite der Wirtschaft von Handwerk bis Hightech angepriesen.

"Wir wollen zeigen, dass man bei uns nicht nur Urlaub machen, sondern gut leben und arbeiten kann", sagt Peggy Kreller vom Regionalmanagement-Team. Zwischen Berlin und dem Erzgebirge gebe es eine emotionale Nähe, verbrächten doch viele Berlinerinnen und Berliner hier ihre Ferien. Wer großstadtmüde sei, könne nicht nur in Brandenburg nach einem ruhigeren Plätzchen zum Leben suchen, so der Gedanke. Zudem wird regelmäßig um Rückkehrer gebuhlt, die bislang zur Arbeit in andere Regionen pendeln oder ganz dorthin gezogen sind. Etwa mit einer Job- und Karrieremesse zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn es über die Weihnachtstage viele in die Heimat zieht.

Um die Rückkehr oder einen Neustart im Erzgebirge zu erleichtern, gibt es seit einigen Jahren auch ein Welcome Center. Im vergangenen Jahr hat es den Angaben zufolge 163 Menschen und 72 Unternehmen beraten. Darunter waren 41 Rückkehrer, 35 Zuwanderer aus dem In- und 87 Zuwanderer aus dem Ausland.

Kopf hängen lassen ist auch in Thüringen keine Option

In Thüringen prognostizierte die Stiftung einen Rückgang von 10,9 Prozent auf 1,89 Millionen Menschen. Besonders betroffen ist demnach der Landkreis Greiz mit einem Minus von 19,5 Prozent. Die dortige Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) gibt sich gelassen: "Eine ähnliche Studie gab es vor 20 Jahren schon mal. Dann haben meine Bürgermeister weitsichtig ihre Kindergartenplätze abgebaut, die sie alle in den letzten Jahren wieder aufbauen mussten." Sie wolle die Zahlen nicht ignorieren, damit aber sachlich umgehen. Der Kreis im Vogtland biete nicht nur ein "tolles Kultur- und Freizeitangebot", sondern auch genügend Arbeitsplätze, gute Schulen und günstigen Wohnraum.

Landesweit versucht die Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung seit geraumer Zeit, Menschen in den Freistaat zu locken. Über Informationsveranstaltungen wie etwa die "Pendler- und Rückkehrertage" wird versucht, abgewanderte Menschen zu einer Rückkehr in den Freistaat zu bewegen. Dazu bündelt die Agentur Tausende Jobangebote in Thüringen auf einer Homepage und will so die Vermittlung von Arbeitskräften verbessern.

Noch einen Schritt weiter geht Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Zuletzt reiste der Regierungschef etwa nach Vietnam, um dort um junge Leute zu werben. Bis zu 1000 von ihnen sollen nach seinem Willen jährlich eine Berufsausbildung in Thüringen anfangen. Ende vergangenen Jahres waren demnach über 700 junge Vietnamesinnen und Vietnamesen bereits in Thüringen in einer Ausbildung.

In Ostdeutschland wird also nicht der Kopf hängen gelassen. Schlechten Prognosen wird getrotzt und es wird zu sich gelockt. Der bundesweite Trend verspricht Wachstum statt Schwund. Ob Statistiker oder die Politik Recht behalten, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Bis dahin kann sich noch einiges bewegen.