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Nicht nur ein einzelner Erreger: Warum derzeit so viele Menschen krankgeschrieben sind

(Symbolbild) Was steckt hinter dem drastischen Anstieg der Atemwegserkrankungen? - Copyright: Getty Images/ Roos Koole
(Symbolbild) Was steckt hinter dem drastischen Anstieg der Atemwegserkrankungen? - Copyright: Getty Images/ Roos Koole

An jeder Ecke hustet, schnieft und schnaubt es dieser Tage: Laut einem Bericht des RKI nehmen akute Atemwegserkrankungen deutlich zu. Vor allem Kinder werden vermehrt in Kliniken aufgenommen – so viele, dass vielerorts die Betten knapp werden. Was aber steckt hinter dieser Krankheitswelle?

Atemwegserkrankungen nehmen immer weiter zu

Eine aktuelle Auswertung der Barmer-Krankenkasse zeigt, dass Krankschreibungen wegen Atemwegserkrankungen wie Corona oder der Grippe zuletzt stark gestiegen sind. Waren in der Kalenderwoche 36 noch 200 je 10.000 Beschäftigte krankgeschrieben, waren es in der KW 40 bereits 410 Krankschreibungen je 10.000 Beschäftigte. Die Krankschreibungen haben sich demnach mehr als verdoppelt.

Ein Wochenbericht des Robert Koch Instituts (RKI) zeigt, dass die Zahl der akuten Atemwegserkrankungen in den vergangenen Wochen auf sieben Millionen Fälle gestiegen ist. Diese Zahlen liegen deutlich über dem Niveau im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie, heißt es im Bericht weiter. Saisonal bedingt sei in den kommenden Wochen mit weiter steigenden Zahlen zu rechnen.

„Insbesondere die Positivenrate und die Zahl der Erkrankungen durch Influenza zeigen einen deutlich steigenden Trend“, schreibt das RKI. Zudem führen Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial Virus (RSV) „insbesondere bei Kleinkindern vermehrt zu Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen“.

RSV betrifft vor allem Kleinkinder

Der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner Florian Hoffmann sagte der Deutschen Presse-Agentur zur Entwicklung bei Kleinkindern: „Es ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben.“ Zwar verlaufen RSV-Erkrankungen meist harmlos, gerade Säuglinge und Kleinkinder können jedoch in lebensbedrohliche Zustände geraten. Viele Kinder müssen teils beatmet werden.

Wenn RSV auch Menschen jeden Alters betreffen kann, seien vor allem Kinder von ein bis zwei Jahren betroffen, die bislang keinen Kontakt mit dem Virus hatten – unter anderem aufgrund der Hygienemaßnahmen während Corona. Innerhalb des ersten Lebensjahres hätten normalerweise 50 bis 70 Prozent und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen waren viele solche Infektionen allerdings zeitweise ausgeblieben. Zu den Risikopatienten zählen Frühgeborene und Kinder mit Lungen-Vorerkrankungen, aber auch solche mit einem geschwächten Immunsystem.

Ein „dramatisches epidemisches Geschehen“

In mehreren Bundesländern, darunter Bayern und Niedersachen, gebe es derzeit kaum noch ein freies Kinderbett in Kliniken, erklärt Hoffmann und spricht zudem von „Katastrophenzuständen“. So müssten Familien mit kranken Kindern teils auf Pritschen in der Notaufnahme schlafen. Das sei für Deutschland ein Armutszeugnis. Auf der gesamten Nordhalbkugel gebe es derzeit ein „dramatisches epidemisches Geschehen“.

„Wir werden diesen Winter nicht mehr alle versorgen können. Die Kollegen landauf, landab wissen nicht, wohin mit unseren kleinen Patienten“, sagt Hoffmann. Strukturen zur Bewältigung der Situation seien nicht vorhanden und die vorhandenen Register zur Bettensituation aus Zeitmangel oft nicht aktuell. „Wir müssten nun eigentlich Notfall-Mechanismen aktivieren, zum Beispiel Pflegepersonal aus der Erwachsenenmedizin hinzuziehen.“

Bei Erwachsenen häufen sich die Infektionen ebenfalls

Auch Hausarztpraxen stellen derzeit eine erhöhte Welle an Atemwegserkrankungen fest, bestätigt Jens Lassen, Hausarzt in Leck und Vorsitzender des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein. „Viele Patientinnen und Patienten kommen mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit – dafür ist allerdings nicht nur ein einzelner Erreger verantwortlich.“ Für die Infekte seien unter anderem auch RS-Viren, aber nach wie vor auch Coronaviren verantwortlich. Und: „Wir nehmen in unseren Praxen einen sehr frühen Anstieg an Grippefällen wahr.“

In den letzten Pandemiejahren seien Atemwegserkrankungen teilweise ausgeblieben – zum Teil wegen Maßnahmen wie Maskentragen oder Abstand halten. Daher sei der Anstieg von Atemwegserkrankungen nun im Vergleich sehr stark spürbar. „Gleichzeitig wird es sicherlich auch einen gewissen Nachholeffekt geben, da wir uns inzwischen nicht mehr ganz so zurückhaltend zeigen wie in den vergangenen Jahren“, erklärt Lassen.

Wie ihr euch schützen könnt

Lassen empfiehlt, sich weiterhin an Hygienemaßnahmen zu halten, um sich vor einer Ansteckung zu schützen, „etwa regelmäßiges Händewaschen oder Lüften, die gerade in Herbst und Winter sehr sinnvoll sind.“

Mit der Grippeimpfung habe man außerdem eine sehr gute Schutzmaßnahme direkt zur Hand, sagt der Arzt. „Wir können nur immer wieder unsere Patientinnen und Patienten, insbesondere die besonders gefährdeten Gruppen, dazu aufrufen, sich spätestens jetzt an ihre Hausarztpraxis zu wenden und sich impfen zu lassen.“