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Naturkatastrophen wüten in Deutschland – und sorgen dafür, dass einige Regionen unbewohnbar werden

Ein Landstrich brennt: In Brandenburg wüten die Flammen bereits die ganze Woche. - Copyright: picture alliance/dpa | Jan Woitas
Ein Landstrich brennt: In Brandenburg wüten die Flammen bereits die ganze Woche. - Copyright: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Es wird heißer auf der Welt und der menschengemacht Klimawandel verändert auch Deutschland. Aktuell brennt der Wald in Brandenburg und Sachsen, begünstigt durch eine lange Periode, in der es kaum regnete. Das Feuer bedroht Naturschutzgebiete, aber auch immer wieder Siedlungen. Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Während an der einen Stelle Wasser fehlt, führt woanders zu viel davon zur Katastrophe. Vergangenes Jahr offenbarte sich die gesamte Wucht des Klimawandels in einer Nacht, als die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 184 Menschen das Leben kostete. Die Welt wird wärmer. Das Wetter wird extremer.

Oberster Bevölkerungsschützer warnt davor, bestimmte Gegenden wiederzubesiedeln

Deutschland muss in Zukunft verstärkt gegen Umweltkatastrophen wappnen muss und das zwingt zu drastischen Entscheidungen. Eine davon lautet: Teile des Landes könnten künftig nicht mehr für Menschen bewohnbar sein.

Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), sagte kürzlich der Funke-Mediengruppe: „Als Bevölkerungsschützer sage ich, dass manche Flächen aufgrund des Klimawandels und der akuten Bedrohung durch Unwetterkatastrophen und Flutkatastrophen nicht wiederbesiedelt werden sollten. Auch an den Küsten stellt sich diese Frage“, sagte er. Bei jedem Ort oder Landstrich in Deutschland müsse genau hingeschaut werden. Welche Landstriche sind besonders gefährdet?

Das BBK selbst nennt keine konkrete Region. Eine Liste, wo man in Deutschland künftig nicht mehr siedeln könne, gebe es noch nicht, heißt es auf Anfrage von Business Insider. Die Zurückhaltung ist verständlich, denn das Thema ist politisch heikel. Würde eine Bundesbehörde wie das BBK tatsächlich unbesiedelbare Regionen definieren, würden dort Immobilienpreise fallen, Unternehmen nicht mehr investieren oder sogar wegziehen.

Experte: Bestimmte Siedlungen werden in den nächsten Jahrzehnten unbewohnbar

Doch es gibt bereits Orte, die nicht wieder besiedelt werden. Im von der Flut zerstörten Ahrtal dürfen 33 Grundstückseigentümer aufgrund der zu hohen Risiken ihre Häuser nicht wieder aufbauen. Holger Schüttrumpf glaubt, dass Deutschland in den nächsten Jahrzehnten Gebiete aufgrund von Hochwasserrisiken freigeben muss. Der Leiter des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Universität Aachen, prognostiziert, dass Hochwasserereignisse künftig nicht mehr alle 100, sondern alle 50 Jahre oder noch häufiger auftreten. Unmittelbar in den nächsten Jahren seien solche Schritte allerdings noch nicht notwendig.

Dennoch warnt er: "Jeder, der ein Haus bauen möchte, sollte sich darüber informieren, ob das Grundstück in einem Hochwasserrisikogebiet liegt. Wenn ja, rate ich dringend davon ab, dort zu bauen", sagt Schüttrumpf.

Doch nicht immer wird die Expertenmeinung gehört. Das Problem liegt wie so oft in Deutschland an unterschiedlichen Zuständigkeiten. Schüttrumpf sagt, er stehe im engen Austausch mit den Innen- und Umweltministerien von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die Maßnahmen gegen zum Hochwasserschutz vorantreiben wollen. Doch manche Gemeinden würden trotzdem Baugebiete in überschwemmungsgefährdeten Gebieten ausweisen. Der Grund: An neuen Baugebieten verdienen die Gemeinden. Und manche seien auf diese Einnahmen angewiesen.

Einige Bundesländer rechnen damit, dass in einigen Jahrzehnten Gebiete aufgegeben werden müssen

In den Bundesländern wird die Lage unterschiedlich bewertet, wie eine Umfrage von Business Insider zeigt. In Mecklenburg-Vorpommern sei wegen des steigenden Meeresspiegels damit zu rechnen, dass manche Landesteile in ungefähr 80 Jahren nicht mehr besiedelt werden können, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels wären zum Beispiel die Siedlungen um den Fluss Peene direkt betroffen. Für den Küstenschutz werden schon heute 24 Millionen jährlich investiert.

Es gibt auch Gegenden, wo zwar weiter gewohnt werden kann, aber auch mehr getan werden muss, um Menschen und Siedlungen zu schützen. Vom Umweltministerium Baden-Württemberg heißt es, das Land richte seine Anstrengungen insbesondere auf Flusshochwasser, Starkregen und Wassermangel. Das Ministerium empfiehlt den Kommunen auch in konkreten Überschwemmungsgebieten keine Baugenehmigungen zu erteilen. Das Land weist zudem darauf hin, dass es bei Flusshochwassern stark getroffen würde: Bei einem Extremereignis wären nach eigenen Angaben rund 1,2 Millionen Personen betroffen. Daher greift das Land seinen Kommunen beim Wasserschutz finanziell unter die Arme. 51 Millionen Euro stehen bereit, um etwa Rückhaltebecken zu bauen.

Vom Umweltministerium Niedersachsen heißt es, man gehe nicht davon aus, dass ganze Gebiete künftig nicht mehr besiedelbar sein werden. Das setze aber voraus, dass Gefahrengebiete durch höhere Deiche besser geschützt würden. Deswegen sollen konkret die Deiche an der Elbe höher und breiter gebaut werden. Teilweise müssen sie um bis zu 1,5 Meter höher gebaut werden.

Allgemein wird das Risiko durch Überflutungen höher eingeschätzt, als das durch Waldbrände. Allerdings heißte es aus dem Umweltministerium Brandenburg, dass die Gemeinden bei der Bauplanung künftig die Risiken durch Dürre, Stürme, Insektenschäden im Wald und ein massiv gestiegenes Waldbrandrisiko stärker berücksichtigen müssen. Vor allem nahe den Kieferwäldern sei das Risiko deutlich größer. Die Forstbehörde fordere daher eine besondere Risikoprüfung, wenn neue Siedlungen inmitten von Kiefernwäldern vorgesehen werden. Ganz aktuell gebe es aber keine Überlegungen, ganze Regionen nicht mehr zu besiedeln.

Versicherungsunternehmen sind vorsichtig

Das steigende Risiko von Naturkatastrophen ist auch eine Frage des Geldes, denn nicht immer sind Hausbesitzer dagegen versichert. Diskutiert wird daher eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden, die Ministerpräsidenten der Länder haben die Bundesregierung beauftragt, hier einen Vorschlag zu machen.

Insgesamt haben die Versicherer nach Angaben des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 213.000 Schadenfälle verzeichnet, die durch die Hochwasser seit Juli vergangenen Jahres entstanden sind. Im Kreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz), der massiv von der Flut betroffen war, lag der Durchschnittsschaden bei 210.000 Euro pro Wohngebäude. Das sei laut GDV der höchste jemals gemessene Schadendurchschnitt bei Wohngebäuden.

Die Versicherer haben ein eigenes Klassifikationssystem, um die Überflutungs-Gefahren für bestimmte Regionen einzustufen. Je höher die Einstufung im sogenannten ZÜRS-System, desto teurer ist die Versicherung. In der höchsten der vier Stufen versichern die Unternehmen grundsätzlich nicht mehr gegen Überschwemmung, das Risiko ist ihnen zu hoch. Der Anteil der Adressen in der Gefährdungsklasse ZÜRS 4 habe vergangenes Jahr allerdings nur bei 0,4 Prozent gelegen, heißt es. Zum Vergleich: In ZÜRS-Zone 1 liegen 92,4 Prozent aller Gebäude in Deutschland. Für Waldbrandgebiete gibt es eine solche Risikoklassifikation bislang nicht.

Noch ist das Phänomen, dass bestimmte Gebiete aufgegeben werden, gering. Doch die Landesregierungen haben das Thema auf der Agenda und Politiker wie Experten rechnen damit, dass es in den nächsten Jahrzehnten dazu kommen wird. Und die Aussichten sind trüb. Denn eines muss man sich angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung und den daraus folgenden Naturkatastrophen klarmachen: Unser aktuelles Wetter wird auf Jahrzehnte das beste sein, das wir haben. Denn ja: Es wird noch schlimmer werden.

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