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Jeff Bezos gibt den Amazon-Chefposten ab

Demling, Alexander
·Lesedauer: 4 Min.

Der Amazon-Gründer zieht sich im dritten Quartal aus dem Vorstand zurück. Sein Nachfolger wird der Leiter des Cloud-Geschäfts Andy Jassy.

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon leitet einen Wechsel an seiner Konzernspitze ein. Unternehmensgründer Jeff Bezos wird den Vorstandsvorsitz im dritten Quartal 2021 an Andy Jassy abgeben, den Leiter des boomenden Cloud-Geschäfts. Das teilte Amazon am Dienstag nach US-Börsenschluss in Seattle mit. Bezos dürfte danach aber als geschäftsführender Vorsitzender des dem Vorstand übergeordneten Verwaltungsrats weiterhin großen Einfluss ausüben.

„Wir freuen uns, dass Jeff eine sehr wichtige Rolle in dem Unternehmen behalten wird, das er vor mehr als 25 Jahren gegründet hat“, sagte Finanzchef Brian Olsavsky in der Analysten-Telefonkonferenz zur Vorstellung von Amazons Jahreszahlen.

In einem Memo an die Amazon-Mitarbeiter erklärte Bezos, dass es bei seiner Entscheidung nicht darum gehe, sich in den Ruhestand zu verabschieden. „Ich hatte noch nie mehr Energie“, betonte der Konzernchef. In seiner zukünftigen Rolle als Verwaltungsratschef wolle er seine Energie und Aufmerksamkeit auf neue Produkte und Initiativen ausrichten.

Bezos hatte sich schon seit einigen Jahren anderen Interessen wie seiner Raumfahrtfirma Blue Origin zugewendet. Seitdem 2019 seine Beziehung mit der Schauspielerin Lauren Sanchez bekannt wurde, war Bezos auch häufiger Gast auf roten Teppichen in Hollywood. Die tägliche Arbeit, Amazons breit gefächertes Technologie-Imperium zu führen, ging stärker auf die Spartenchefs über. Deren Verantwortung drückt sich auch darin aus, dass sie nicht Bezos’ Stellvertreter sind, sondern CEOs ihrer jeweiligen Sparten.

Der unbestritten wichtigste von ihnen ist Andy Jassy, CEO der Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS). Der New Yorker mit einem MBA-Abschluss aus Harvard führt AWS seit dessen Gründung 2006, als Bezos und sein Führungsteam auf die Idee kamen, überschüssige Kapazitäten in Amazons Rechenzentren an Start-ups zu vermieten.

AWS ist seit Jahren für einen Großteil des Gewinns von Amazon verantwortlich, während das Onlinehandelsgeschäft zwar mehr Umsatz, aber kaum Marge bringt. 2020 machte AWS bei 45 Milliarden Dollar Umsatz rund 13,5 Milliarden Dollar Gewinn. Der Gesamtkonzern kam bei 386 Milliarden Dollar Umsatz auf 21 Milliarden Dollar Gewinn.

AWS ist im stark wachsenden Cloud-Geschäft der klare Marktführer vor Microsofts Azure und Google Cloud. Allerdings holen die Herausforderer auf: So hat Google am Montag eine große Cloud-Partnerschaft mit dem Autohersteller Ford bekanntgegeben. Bei AWS hat sich das Wachstum 2020 auf 30 Prozent verlangsamt. 2019 waren es noch von 37 Prozent gewesen.

Jassy war seit einigen Monaten in der Poleposition für die Bezos-Nachfolge. Als einziger Konkurrent galt Jeff Wilke, der Chef des Handelsgeschäfts. Wilke gab im August aber bekannt, dass er das Unternehmen verlassen werde, was als Vorentscheidung für Jassy gewertet wurde.

Der 57-jährige Bezos gründete Amazon 1994 und baute das Unternehmen vom Online-Buchladen zum Billionenkonzern auf. Mit einem geschätzten Vermögen von 197 Milliarden Dollar (163,5 Milliarden Euro) ist Bezos derzeit dem „Bloomberg Billionaires Index“ zufolge der zweitreichste Mensch der Welt. Im vergangenen Jahr hatte Bezos Amazon-Aktien im Wert von rund drei Milliarden Dollar verkauft.

Amazon hat ein erfolgreiches, aber auch herausforderndes Jahr hinter sich. Die globale Corona-Pandemie hat praktisch jede Sparte des Tech-Konzerns gestärkt, vom Handelsgeschäft über die Cloud bis hin zu Prime Video, dem TV-Streamingdienst des Unternehmens. Gegenüber dem Vorjahr stieg Amazons Umsatz um mehr als 100 Milliarden Dollar.

Die Größe und Bedeutung des Tech-Konzerns aus Seattle hat aber auch Misstrauen geweckt und sowohl in der EU als auch in den USA Wettbewerbsbehörden auf den Plan gerufen. Besonders Amazons Umgang mit Händlern auf seiner Handelsplattform steht dabei in der Kritik. In einer Kongressanhörung im Juni musste sich der eher öffentlichkeitsscheue Bezos Vorwürfe anhören, Amazon missbrauche die Daten kleiner Händler, um ihnen unfair Konkurrenz zu machen. Bezos versicherte dabei zwar, solche Praktiken seien bei Amazon verboten. Er traute sich unter Eid jedoch nicht auszuschließen, dass sie je angewendet wurden.

Jassy stand bislang wenig im Rampenlicht

Künftig sind solche Auftritte Jassys Job. Der Manager, der kürzlich 53 geworden ist, stand als Chef einer auf Unternehmenskunden ausgerichteten Sparte bislang wenig im Rampenlicht – die alljährliche Keynote auf der AWS-Hausmesse Reinvent war schon der meistbeachtete Auftritt.

Eine Kostprobe der politischen Seite des Jobs als Amazon-Chef bekam Jassy kürzlich trotzdem: Nach der Attacke von Trump-Anhängern auf das US-Kapitol warf er die bei den Rechtsradikalen beliebte Plattform Parler aus der AWS-Cloud. Auch wenn der Schritt selbst von Kritikern der Tech-Branche begrüßt wurde, wurde vielen die schiere Macht der großen Plattformkonzerne erneut bewusst.

Jassy hat praktisch seine gesamte Karriere bei Amazon verbracht. Er startete 1997, im Jahr des Börsengangs, als Marketingmanager und rückte schnell in Bezos’ engeren Führungskreis, das sogenannte S-Team, auf. 2003 wurde Jassy Bezos’ erster „Schattenberater“, eine Rolle, in der er mit Bezos reiste und an jedem Meeting seines Chefs teilnahm. Nach einem Jahr als Bezos’ Sherpa übernahm Jassy AWS.

Obwohl Jassy kein Softwareentwickler ist, hat er sich großen Respekt an der Spitze des weltgrößten Cloud-Anbieters erarbeitet. „Er ist ein Hai, der einen Tropfen Blut aus 100 Meilen Entfernung wittert, wenn du nicht vorbereitet bist“, sagte ein Mitarbeiter dem Nachrichtenportal „Business Insider“ über Jassy.