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Nach ihrem Master entschied sich diese Ulmerin für eine Lehre – und ist jetzt Teilhaberin des Buchladens, der sie ausbildet

·Lesedauer: 7 Min.
Wie verlaufen Berufswege? Nur noch selten linear. Mit 22 das Studium hinwerfen, um zu gründen, mit 35 oder 40 Jahren das Berufsleben noch mal komplett neu denken, mit 50 einen hohen Posten verlassen? Oft sind es erst die Brüche in der Berufs-Biografie, die unser Arbeitsleben ausmachen. Ein Umbruch verlangt Mut – und befreit. Das kann ein Talent sein, dem wir spät folgen, oder eine sich plötzlich bietende Chance.
In unserer Reihe #Biografie-Brüche befragen wir Menschen nach ihrem Weg.

Studierende sollen sich möglichst vor dem Berufseinstieg zurechtlegen, was sie nach Bachelor oder Master machen wollen. Franziska Pentz aus Illertissen bei Ulm machte das auch. Nur etwas anders als viele. Sie studierte mit Passion Literatur. Machte in Ruhe ihren Master. Noch während sie ihre Abschlussarbeit schrieb, fiel ihr dann der spätere Job in den Schoß. Ein Weg, der kaum anders vorstellbar ist, wenn man davon hört. Hier ist ihre Geschichte.

Franziska, welche Geschichte steckt hinter deinem Biografie-Bruch?

Mut und Spontaneität und ein roter Faden, den ich aus heiterem Himmel wieder aufnahm. Im Grunde hat alles in der zehnten Klasse der Schule in Ulm begonnen. Ich ging für ein halbes Jahr zum Schüleraustausch in die USA. Der genaue Ort war Zufall, er wurde zugelost. Mich verschlug es nach Memphis, Tennessee. Die Zeit dort hat mich geprägt. Später, nach dem Abitur, hatte ich keinen direkten Plan, was ich mit mir anfangen soll. Ich fühlte mich nicht bereit für einen Beruf. Allerdings kannte ich mein Interesse an Sprache - und entschied, Englisch zu studieren.

Ich bekam einen Studienplatz für Amerikanistik in Heidelberg. Ein glücklicher Zufall. Dort gibt es einen kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt, es geht also um Kultur, Land und Leute. Ich spezialisierte mich auf Literatur und Geschichte der USA. Als ich den Master hatte, war ich 24. Das wissenschaftliche Arbeiten gefiel mir. Aber mir fehlte der Austausch mit anderen. Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Als ich das Angebot hatte, zu promovieren, fiel mir ein alter Traum wieder ein: eine eigene Buchhandlung. Mein eigenes Ding machen.

In welchem Moment wurde dir klar, dass du gehen wirst?

Während der Masterarbeit im Mai 2020. Es war, als käme etwas zum Ende. Als der Distanzunterricht für Studierende kam, wusste ich, an der Uni bleibe ich nicht. Eines Tages, ich war ein paar Tage zu Hause bei meiner Familie, lief ich durch Ulm. Spontan betrat ich die Buchhandlung Aegis. Etwas zog mich hin. Ich fasste mir ein Herz und fragte, ob sie jemanden suchen. So kam ich ins Gespräch mit Rasmus Schöll. Er hat die Buchhandlung als Inhaber erst 2018 übernommen. Damals war er gerade 30. Wir unterhielten uns lange. Ich erzählte ihm von meinem Wunsch, eines Tages eine Buchhandlung zu haben. Sagte, dass ich gern eine Lehre machen würde. Das hier, dachte ich, könnte der richtigen Moment sein, mich zu trauen und einfach zu fragen. Mir war klar, dass die Ausbildung zur Buchhändlerin eine essenzielle Voraussetzung für meinen Wunsch ist.

Warum fiel die Wahl gerade auf den Job?

Meine Liebe zu Büchern war immer schon groß. Und Aegis gab mir ein vertrautes Gefühl. Es gibt wenig tolle inhabergeführte Buchhandlungen wie diese. Es könnte der perfekte Ort für mich sein, fand ich. Nicht nur, weil ich die Buchhandlung schon kannte. Es ist auch ein Ort mit Geschichte. Aegis ging als Verlag und Buchhandlung aus dem Widerstandsgeist des Verlagsbuchhändlers Ernst G. S. Bauer gegen die Nationalsozialisten hervor. Bei Aegis hat der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld seine Lehre gemacht. Es gab enge Verbindungen zur Familie von Hans und Sophie Scholl und zur Ulmer Hochschule für Gestaltung. Alles an Aegis gefiel mir.

Rasmus Schöll hatte zu dem Zeitpunkt gerade eine Vollzeitkraft und zwei Mitarbeiterinnen in Teilzeit. Kurz nach dem Gespräch bot er mir an, bei ihm in die Lehre zu gehen. Ungefähr ein halbes Jahr lang war ich als „normale“ Auszubildende bei Aegis. Dann fragte mich mein Chef, ob ich Teilhaberin in der neuen Filiale in Söflingen werden will. Wir teilen Ideen und Visionen. Für mich wurde ein Traum wahr.

Jetzt bin ich Teil des kleinen Teams. Alle sind noch relativ jung, die meisten von uns sind um die 30. Die Stimmung ist gut. Einmal pro Woche bin ich in der Berufsschule in Stuttgart. In dieser Klasse sind wir zu fünft. Die Ausbildung ist nicht so beliebt. Ein Grund dafür sind wohl die großen Filialisten wie Thalia oder Hugendubel. Sie dominieren die Branche. Wir bei Aegis machen vieles ein bisschen anders als andere. Wir wollen den Leuten wirklich Literatur vermitteln und wieder mehr Kinder und Jugendliche zum Lesen bringen. Weniger bekannte Autoren und unabhängige Verlage liegen uns am Herzen. Alles an diesem Beruf und an diesem Umfeld begeistert mich.

Spielte Geld eine Rolle bei der Entscheidung?

Ja, wenn auch anders, als man denken könnte. Geld verdient hatte ich auch schon an der Uni. Ich hatte mir mein Studium durch einen Job als wissenschaftliche Hilfskraft finanziert. Im Vergleich mit dem damaligen Verdienst bekomme ich als Azubi jetzt zwei Jahre lang ein sehr kleines Gehalt. Wer in den Buchhandel geht, tut es allerdings nicht wegen des Geldes.

Mein Großvater hatte mein Erbe für ein Herzensprojekt von mir vorgesehen. Um Teilhaberin zu werden, habe ich dieses Erbe in diese Buchhandlung investiert. Dass ich mir so schnell diesen Traum erfüllen konnte, kam unerwartet. Eine einmalige Chance.

Für mich gibt es nichts Schöneres, als im Buchhandeln zu arbeiten. Die vielen Stunden fallen mir gar nicht auf. An Samstagen zum Beispiel ist es besonders schön. Die Leute haben mehr Zeit als sonst. Sie genießen es, im Buchladen zu sein, wir kommen ins Gespräch. Es gibt mir ganz viel, wenn ich bemerke, dass sie sich bei uns wohlfühlen.

Gibt es etwas, das sich für Dich von Grund auf geändert hat?

Im Grunde hat mein Mut mein gesamtes Leben verändert. Der Weg, der sich daraus ergeben hat, lässt mich jeden Tag Neues lernen. Durch das Arbeiten mit Menschen weiß ich zum Beispiel, wie verschieden Menschen sind und reagieren. Ist jemand im Laden unfreundlich, liegt das nicht unbedingt an mir. Als wir im März unsere neue Filiale in Söflingen eröffnet haben, kam viel Zuspruch. „Es ist so schön, eine Buchhandlung zu haben“ oder „Wir sind so froh, dass Sie da sind“ – solche Aussagen berühren und motivieren mich.

Wir haben die Chance, an der Zukunft eines innovativen jungen Buchhandels mitzuwirken. Und wer weiß, Modelle wie meine Kombination aus Ausbildung und Teilhaberschaft könnten Signalwirkung für unsere ganze Branche haben.

Das Team der Buchhandlung Aegis. 5. v.l.: Franziska Pentz.
Das Team der Buchhandlung Aegis. 5. v.l.: Franziska Pentz.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Weg reagiert? Mit Skepsis? Freude? Neid?

Wer kreativ arbeitet, muss sich oft rechtfertigen. Das begann bei mir schon mit dem Studium. In meinem Umfeld gab es nur wenige Geisteswissenschaftler. Ich habe aber immer schnell verdeutlicht, dass das mein Weg ist. Nicht jeden Beruf machen Menschen aus rein finanziellen Anreizen, oft reicht es, wenn man gut davon leben kann. Für die meisten war ich also eine dieser Kreativen, die heute das machen, morgen etwas anderes.

Auf die Ausbildung und die gleichzeitige Teilhabe haben Freunde und Bekannte dagegen total positiv reagiert. Wenn die Frage kam, warum ich das mache, obwohl ich doch studiert habe, war meine Antwort eindeutig. „Buchhalterisches und betriebswirtschaftliches Wissen hat mir mein Studium nicht vermittelt. Außerdem hab ich mich so wohlgefühlt.“ Für meine Familie war es keine Überraschung. Sie haben von Anfang an gesagt: „Mach das, wir wissen seit 10 Jahren, dass das deine Vision ist.“ Meine Eltern arbeiten auch selbstständig.

Vervollständige den Satz: Das Wichtigste für mich ist…

… daran mitzuwirken, dass das Buch bleibt. Bücher haben einen so zentralen Stellenwert für jeden Bereich des Lebens. Es ist mein Lebensthema. Wer sowas mit Leidenschaft betreibt, hat eine reelle Chance auf ein rentables Geschäft.

In diesem Job muss ich nicht warten, bis ich nach Hause komme, um in die Welt der Bücher zu flüchten. Das darf ich jeden Tag.

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