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Ich habe die Kraft der Powerposen entdeckt – und empfehle sie jedem, der sich im Berufsalltag unsicher fühlt

Vorher-Nachher: Wie Powerposen mein Selbstbewusstsein gestärkt haben.  - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Vorher-Nachher: Wie Powerposen mein Selbstbewusstsein gestärkt haben. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Manchmal ertappe ich mich dabei, unsicher in der Gegend herumzustehen. Ob auf Partys, in Meetings oder an der Kinokasse. Ich kaue auf meiner Unterlippe, lasse meinen Körper in eine buckelige Haltung fallen, kreuze die Beine und falte zu allem Überfluss auch noch die Hände ineinander. Alles an dieser Haltung schreit: „Hallo, könnt ihr mir vielleicht sagen, was ich hier überhaupt mache?“

Wenn mich diese Anfälle von Unsicherheit auch häufiger überkommen, habe ich nicht vor, das weiterhin nach außen zu zeigen. Eine Möglichkeit, wie ich das beenden kann: Powerposen.

Powerposen sind raumeinnehmende Körperhaltungen, die das Selbstwertgefühl stärken sollen. Aber tun sie das wirklich? Unsere Redakteurin hat den Selbstversuch gemacht. - Copyright: Lisa Kempke
Powerposen sind raumeinnehmende Körperhaltungen, die das Selbstwertgefühl stärken sollen. Aber tun sie das wirklich? Unsere Redakteurin hat den Selbstversuch gemacht. - Copyright: Lisa Kempke

Powerposen sind Körperhaltungen, die möglichst viel Raum einnehmen. Also das komplette Gegenteil von meiner bis dato viel zu häufig eingenommen Körperhaltung. Die klassischste ist wohl die „Super-Woman-Pose“: beide Arme in die Hüfte, gerade Brust, stolzer Blick. Sitzend gelingt so eine dominante Pose, indem man beispielsweise breitbeinig sitzt und die Hände lässig in die Hosentaschen hängt.

Ich nahm mir vor, immer dann eine solche Powerpose einzunehmen, wenn ich mich mal wieder in meiner unsicheren Anti-Powerpose wiederfand. Das war vor allem zu Beginn alles andere als leicht, oft sogar ziemlich unangenehm. Mit der Zeit aber wurde ich besser. Und nicht nur das: Gefühlt gewann ich an Selbstsicherheit.

Powerposen oder: Wie Körpersprache das eigene Denken ändern kann

Gehen wir zurück in das Jahr 2010, in welchem der Begriff der Powerpose von den Forschenden Dana Carney, Andy Yap (beide Columbia University) und Amy Cuddy (Harvard Business School) ins Leben gerufen wurde. In verschiedenen Studien gingen sie der Frage nach, ob raumeinnehmende Posen sich auf den Körper, die Psyche und das Verhalten von Menschen auswirken können. Dafür ließen sie unter anderem 42 Probandinnen und Probanden je machtvolle oder machtlose Posen einnehmen. Im Anschluss sollten sie Glücksspielaufgaben lösen sowie ihr subjektives Machtgefühl bewerten. Zudem wurde anhand von Speichelproben ihr Cortisol- und Testosteron-Level gemessen.

Im Ergebnis zeigte sich, dass diejenigen, die Powerposen einnahmen, einen höheren Testosteronspiegel sowie einen niedrigeren Cortisolspiegel aufwiesen. Außerdem waren sie risikobereiter und fühlten sich mächtiger als diejenigen, die machtlose Posen einnahmen. Carney, Cuddy und Yap waren sich ihrer Zeit sicher: Powerposen lassen mächtiger fühlen und senken das Stresslevel. Cuddy präsentierte die Forschungsergebnisse sogar in einem Ted-Talk (“Your body language may shape who you are“), der bis heute millionenfach angesehen wurde. In der Tat gehört er mit 65 Millionen Klicks (Stand Juli 2022) plus 21 Millionen Klicks auf Youtube (Stand Juli 2022) zu den meistgesehen Ted-Talks überhaupt.

Powerposen – eine umstrittene Idee

Klingt alles ziemlich gut? Nur gibt es ein Problem. Die Ergebnisse konnten in zahlreiche Folgestudien von anderen Forscherinnen und Forschern nicht bestätigt werden. Carney distanzierte sich später sogar von ihren Ergebnissen und sagte: „Ich glaube nicht, dass die Power-Posing-Effekte wahr sind.“ Die Effekte von Powerposen werden seither in der Forschung kontrovers diskutiert. Immer wieder poppen Meta-Analysen auf, die sich die Studienlage genauer ansehen.

Viele von diesen Übersichtsstudien haben laut der Persönlichkeitspsychologin Astrid Schütz von der Universität Bamberg allerdings ein Problem: Sie berücksichtigen oft unveröffentlichte Studien nicht, die keine signifikanten Effekte aufzeigen. Gerade die seien jedoch wichtig, um dem sogenannten Publikationsbias zu begegnen. Heißt: Studien mit erwartungskonformen Ergebnissen werden häufiger als Studien mit unerwarteten Effekten publiziert.

Schütz war später Teil des Forschungsteams, welches die jüngste Meta-Analyse zum Thema Powerposen durchführte. Genau wurde die Analyse von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der Universität Bamberg und der Ohio State University durchgeführt. Das Team von Forschenden wertete 130 Experimente mit über 10.000 Probanden aus und veröffentlichte seine Ergebnisse 2022 im "Psychological Bulletin".

Welche Effekte haben Powerposen tatsächlich?

Sie fanden im Ergebnis heraus, dass Powerposen keineswegs physiologische Effekte auf den Hormonspiegel, die Herzfrequenz und den Hautleitwert haben, die unter anderem Aufschluss auf den Stresspegel eines Menschen geben können. Heißt: Powerposen reduzieren Stress nicht. Und auch die Risikofreude von Menschen wird nicht durch sie gesteigert. Sehr wohl konnten in der Meta-Analyse jedoch die sogenannten selbstberichteten Effekte bestätigt werden. Die Gedanken und Gefühle von Menschen, die Powerposen einnehmen, können demnach tatsächlich positiver sein. "Eine dominante Körperhaltung kann also zum Beispiel dazu führen, dass man sich selbstbewusster fühlt", folgert Astrid Schütz.

Was uns zurück zu meinem Selbstversuch bringt. Wenngleich auch diese neuesten Forschungsergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind, da etwa in vielen Studien Kontrollgruppen fehlten, die eine neutrale Körperhaltung einnahmen und nur Menschen aus westlichen, industrialisierten Ländern berücksichtigt wurden, ließen sie mich aufhorchen. Ich fragte mich: Kann es wirklich so einfach sein? Immer wenn ich mich unsicher fühle, muss ich einfach eine Powerpose einnehmen?

„Anders als erwartet, spürte ich zunächst nicht, wie das Selbstbewusstsein in mir wuchs“

Schnell musste ich feststellen: Einfach ist hieran schon mal gar nichts. Das erste Mal bewusst versuchte ich mich im Powerposen auf der Party eines Freundes. Ich stand im Kreis mit Bekannten und versank sichtlich in meiner Unsicherheit und Schonhaltung. Als mir auffiel, wie unsicher ich dastand, stemmte ich kurzerhand beide Arme in meine Hüften, streckte den Rücken durch und hob den Kopf.

Anders als erwartet, spürte ich zunächst nicht, wie das Selbstbewusstsein in mir wuchs. Stattdessen spürte ich vor allem eines: Unbehagen. Als Frau, der gesellschaftlich eingetrichtert wurde, nicht so laut, nicht so frech, nicht so bossy, nicht so groß oder nicht zu irgendwas zu sein, war es neu für mich, plötzlich bewusst so viel Raum einzunehmen. Ich fühlte mich wie auf dem Präsentierteller. Als würde ich ansetzen, einen Schlag aus meinem Leben zu erzählen. Als wäre das meine Party.

Wie ich früher oft in Meetings saß... - Copyright: Lisa Kempke
Wie ich früher oft in Meetings saß... - Copyright: Lisa Kempke

Aufgeben wollte ich die Powerposen dennoch nicht. Denn so unbehaglich sie sich im ersten Moment auch anfühlten, so viel Kraft gaben sie mir im zweiten. Also begann ich, auch auf der Arbeit vermehrt Powerposen einzunehmen. Statt mit überkreuzten Beinen und Armen in wichtigen Meetings zu stehen oder sitzen, lehnte ich mich locker zurück. Bei Gesprächen mit Kollegen oder Vorgesetzten stützte ich meine Arme jetzt immer häufiger in die Hüften. Oft kam ich mir dabei lächerlich vor. Beispielsweise, wenn ich meine Lunchpläne besprach und dabei wie Superwoman posierte. Doch: „Lieber stehe ich so da als wie ein Schluck Wasser", dachte ich.

Mittlerweile fühlt es sich keineswegs mehr lächerlich oder unbehaglich an, wenn ich powerpose. Wann immer ich auf Networking-Events verloren herumstehe und niemanden kenne, nehme ich eine starke Körperhaltung an und stelle mich einfach zu einer Gruppe von Menschen dazu. Kürzlich durfte ich auf einem Event moderieren. Meine Aufregung kurz vorm Auftritt verjagte ich als Superwoman. Und kurz vor meinem Gehaltsgespräch stellte ich mich vor den Spiegel im Badezimmer, stützte beide Hände in die Hüfte, zwinkerte mir zu und sagte: „Du hast das verdient!"

...und wie eine Powerpose stattdessen aussieht.  - Copyright: Lisa Kempke
...und wie eine Powerpose stattdessen aussieht. - Copyright: Lisa Kempke

"Denn plötzlich wurde mir klar: Ich bin wichtig"

Es fühlt sich beinahe wie ein Befreiungsschlag an, dazustehen, als wäre ich wichtig. Denn immer dann wird mir wieder klar: Ich bin wichtig, wenn auch "nur" mir selbst. Scheinbar hatte ich mich jahrelang kleiner gemacht, als ich eigentlich bin – körperlich wie psychisch. Powerposen sind daher für mich nicht mehr wegzudenken, sie lassen mich stark, fokussiert und selbstbewusst fühlen. Ganz so, wie es den Powerposen in diversen Studien attestiert wurde. All jenen, die auch ab und an in der Gegend stehen, als würden sie sich fragen "Was mache ich hier eigentlich?", würde ich daher empfehlen, die machtvollen Posen auszuprobieren. Mir hat es geholfen.