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Getrennte Werbung und möglicherweise getrennte Lieferdienste – droht wieder der Bruch zwischen Aldi Nord und Aldi Süd?

Hatten in vergangenen Jahren bei Werbung und Sortiment stärker kooperiert – gehen nun aber wieder stärker eigene Wege: Aldi Nord und Aldi Süd. - Copyright: picture alliance | SPA
Hatten in vergangenen Jahren bei Werbung und Sortiment stärker kooperiert – gehen nun aber wieder stärker eigene Wege: Aldi Nord und Aldi Süd. - Copyright: picture alliance | SPA

Sparsamkeit oder Nachhaltigkeit: Nicht nur Verbraucher empfinden das angesichts der drastisch gestiegenen Lebensmittelpreise als Dilemma, die Frage entzweit auch die beiden Discounter-Geschwister Aldi Nord und Aldi Süd. Zumindest, wenn man auf die Werbung zum Jahresanfang schaut: Aldi Süd setzt erneut auf den „Veganuary“, stellt bewusste Ernährung in den Vordergrund und reduziert dafür seine veganen und Bio-Produkte. Aldi Nord hingegen setzt wie ein Großteil der Konkurrenz hingegen stärker auf den Preis: „Bewusst preisbewusst“ heißt dort der Slogan – und obwohl im Werbespot viele Bio-Produkte zu sehen sind, liegt die Betonung stärker auf Sparsamkeit.

Wie die „Welt“ berichtet, hatten die Manager der beiden Discounter sich nicht erneut auf eine einheitliche Stoßrichtung einer gemeinsamen großen Kampagne einigen können – daher die unterschiedlichen Schwerpunkte. Ganz vorbei ist die Kooperation zwar nicht, denn zusätzlich gibt es die Kampagne „Mit Aldi kannst du's dir leisten“, die von beiden entwickelt und in Fernsespots genutzt werde. Preisbetonung im Slogan – Bio-Ingwershots und Yoga-Kurs im Video.

Die Differenz ist insofern bemerkenswert, als die Zeichen bei den Discountern in der Vergangenheit stärker auf Kooperation standen. Bereits 1961 von Theo und Karl Albrecht in Nord und Süd geteilt, gingen die beiden Schwesterunternehmen 2016 erstmals mit einem gemeinsamen TV-Spot an den Start und vereinheitlichten vor drei Jahren die Namen ihrer Eigenmarken. Und der Onlinehandel mit Nonfood-Artikeln ist in einer gemeinsamen Gesellschaft zusammengelegt.

Handelsexperte: Unterschiedliche Werbestrategien „nicht überbewerten“

Wirtschaftswissenschaftler und Handelsexperte Gerrit Heinemann allerdings sieht hier keinen eklatanten Bruch: „Die beiden Unternehmen sind ja nie wirklich zusammengegangen, insofern sollte man das nicht überbewerten“, erklärte er Business Insider. Vielmehr würden sie genau schauen, wo es Sinn ergebe, die Kräfte zu bündeln. „Es ist durchaus plausibel, dass sie in Nord- und Süddeutschland unterschiedliche Kunden haben.“

Der Fokus auf Bio-Produkte und bewusste Ernährung bei Aldi Süd liege auch daran, dass der Discounter damit in der Vergangenheit erfolgreicher war als seine Schwester: „Aldi Süd hat konsequent auf Nachhaltigkeit umgeschwenkt, da kommt Aldi Nord einfach nicht mit“, sagt Heinemann. So habe er es über Jahre geschafft, ein relativ günstiges Bio-Sortiment aufzubauen, das ihm jetzt zugutekomme. „In den vergangenen Jahren war Aldi durch das Nachziehen von Supermärkten bei den Eigenmarken im Nachteil“, sagt Heinemann. „Nachhaltigkeit ist für Aldi Süd eine Chance, vorzupreschen.“

Zumal der Bio-Fachhandel infolge der hohen Inflation „komplett einbricht“, sagt Heinemann. Tatsächlich lagen die Umsätze von Bio-Märkten laut einer GfK-Studie im August rund 10,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau, bei Naturkostläden und Reformhäusern waren es sogar 37,5 Prozent, wie die „Lebensmittelzeitung“ berichtet hatte. Trotzdem werde nach wie vor Bio gekauft – nur eben öfter von Handelsmarken oder gleich beim Discounter.

Aldi Süd auch bei Digitalisierung weiter – könnte bei Lieferdienst allein vorpreschen

Aldi Süd ist laut Heinemann auch bei der Digitalisierung weiter als Aldi Nord. Zwar hatten die beiden Schwester-Discounter im Nonfood Bereich einen gemeinsamen Onlineshop auf die Beine gestellt. Bei der Entwicklung eines Lebensmittellieferdienstes stehen die Zeichen aber nicht unbedingt auf Kooperation: "Ich schließe nicht aus, dass Aldi Süd sagt: 'Da gehen wir eigene Wege, anstatt Aldi Nord als Klotz am Bein mitzutragen'", sagt der Experte.

Tatsächlich testen beide Discounter schon länger im Ausland verschiedene Pilotprojekte. Zuletzt hatte das „Handelsblatt“ im November berichtet, dass Aldi Süd in den USA einen neuen Webshop ins Rennen geschickt hat, der auch als Blaupause für den deutschen Markt dienen soll. Hierzulande wurden dafür bereits E-Commerce-Spezialisten gesucht – und der Start sei bereits für das erste Halbjahr 2023 geplant.

Spannend wird laut Heinemann, wo der Discounter künftig liefert – ob er beispielsweise auch im Vertriebsgebiet von Aldi Nord aktiv sein werde. Die sind traditionell nämlich streng aufgeteilt. Auch die Frage, wie Aldi in dem bereits stark umkämpften Gebiet Fuß fassen kann, ist noch offen: „Ich würde sagen, Aldi ist spät dran, aber nicht zu spät“, sagt Heinemann. Es könne durchaus ein Vorteil sein, erstmal zu schauen, welche Modelle erfolgversprechend sind. „Der ein oder andere Lieferdienst ist ja bereits gescheitert“, sagt der Handelsexperte. „Die anderen Lieferdienste sind außerdem noch klein genug, dass Aldi mit geballter Kraft aufholen kann. Die Ressourcen hat der Discounter.“