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Deutschland rutscht in wichtiger Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit weiter ab – Autoren der Studie kritisieren Ampel

Deutschland verliert weltweit an Wettbewerbsfähigkeit. - Copyright: Picture Alliance
Deutschland verliert weltweit an Wettbewerbsfähigkeit. - Copyright: Picture Alliance

Wer Christian Lindner häufiger zuhört, wird die Liste aus Lausanne kennen. Der Finanzminister liebt es, aus der jährlichen Untersuchung der Schweizer Management-Akademie IMD zur Wettbewerbsfähigkeit zu zitieren – jüngst wieder auf dem Wirtschaftstag der CDU in der vergangenen Woche.

Für den FDP-Politiker ist die Rangliste ein Beleg dafür, wie stark Deutschland unter den letzten Regierungen in der Wettbewerbsfähigkeit abgerutscht ist. Tatsächlich warnen die Schweizer Forscher auch in ihrer aktuellen Publikation, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands weiter im Sinkflug befindet.

Auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Potenz im Jahr 2014 hatte Deutschland sich auf den sechsten Platz hochgearbeitet. Danach ging es bergab: In den vergangenen zehn Jahren dokumentierte die jährliche Untersuchung den Abstieg des Standorts. Deutschland verlor gegenüber dynamischeren Volkswirtschaften jedes Jahr ein bisschen mehr an Boden und landete im vergangenen Jahr nur noch auf Rang 22.

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In der aktuellen Ausgabe erodiert die relative Wettbewerbsfähigkeit weiter und Deutschland rutscht von Platz 22 auf Platz 24. Die Fallhöhe ist beachtlich: Von der Spitzengruppe ist Deutschland innerhalb von zehn Jahren ins obere Mittelfeld zurückgefallen.

 - Copyright: Welt
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Am Ende der 67 Plätze umfassenden Rangliste tummeln sich ökonomische Irrlichter wie Argentinien und Venezuela. An der Spitze finden sich die üblichen Verdächtigen: vor allem nordische Länder und kleinere sehr offene Volkswirtschaften wie Singapur, Hongkong und die Schweiz.

Für den internationalen Vergleich, den es in dieser Form seit 1989 gibt, nutzen die Forscher statistische Daten von Organisationen wie der Weltbank, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Ergänzt werden diese harten Daten durch eine europaweite Befragung von rund 4000 Managern der mittleren und obersten Führungsebene. Und deren Antworten werfen ein schlechtes Licht auf Deutschland.

Vor allem das hiesige Steuersystem bewerten die Führungskräfte negativ. Nur etwas weniger als zehn Prozent von ihnen finden, es mache Deutschland als Standort attraktiv. Insgesamt gilt Deutschland als teurer Standort: Lediglich etwas mehr als zehn Prozent finden, dass die Kostenstruktur für Deutschland als Standort spricht.

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Was Bundesfinanzminister Lindner wohl weniger gefallen dürfte: Der größte Kritikpunkt der befragten Manager ist die Politik der Ampel-Regierung, die bereits seit gut zweieinhalb Jahren im Amt ist.

Gerade einmal gut fünf Prozent der Befragten glauben, dass eine kompetente Regierung zu den Stärken Deutschlands gehört. Dem politischen System an sich, der Rechtssicherheit, der politischen Stabilität und dem Bildungssystem geben die Manager hingegen gute Noten.

Tatsächlich vermengen sich hierzulande aus Sicht der befragten Manager Frust um die derzeitige Regierungspolitik mit einem grundsätzlich pessimistischen Ausblick auf die Zukunft, zu einer Stimmung, die sich wie Mehltau auf die Wirtschaft legt. „Mit dem Blick auf Deutschland ist beunruhigend, dass einige Faktoren sich sehr stark verschlechtert haben“, sagt Arturo Bris, Direktor des IMD World Competitiveness Centers und verantwortlich für die Untersuchung.

Bei der Digitalisierung ist Deutschland auf dem Niveau von Venezuela

„Entscheidend ist, dass der Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung zunehmend negativ ist und dass sich in der Folge die Stimmung insgesamt verschlechtert habe.“ Für ihn ist die fehlende Zuversicht ein Grund dafür, dass deutsche Unternehmen zu wenig investieren.

Die Forscher sehen die Verantwortung für die derzeitige Malaise bei Politik und Unternehmen gleichermaßen. Sie diagnostizieren, dass es den Verantwortungsträgern im Land vor allem an Beweglichkeit und Flexibilität mangele.

Langsam vor sich hintaumelnd, werde Deutschland so im internationalen Standortwettbewerb zunehmend abgehängt. „Die deutsche Wirtschaft war in der Vergangenheit extrem produktiv und innovativ“, sagt IMD-Direktor Bris. „Inzwischen können Unternehmen und die Regierung aber international nicht mehr mithalten, wenn es darum geht, mit den Veränderungen in der Welt umzugehen.“

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Das gelte auch für den digitalen Wandel, hier seien Unternehmen in den USA, China und auch im Nahen Osten weit offener und flexibler. Deutschland rangiere bei der Digitalisierung auf dem Niveau von Brasilien oder Venezuela, die in dem Bereich hinterherhinken.

Dabei gehe es nicht um international aufgestellte Großkonzerne wie Volkswagen, Siemens oder SAP, auch wenn die bekanntermaßen teilweise Probleme haben, mit dem grünen und digitalen Wandel umzugehen.

Betroffen seien vielmehr kleine und mittelständische Unternehmen, denen es nicht mehr gelinge, mitzuhalten. Betroffen ist mithin das Fundament der deutschen Wirtschaft. „Die Mittelständler in Deutschland passen sich der neuen Welt nicht so schnell an wie Unternehmen in anderen Ländern, auch in europäischen Ländern. Das macht mir große Sorgen“, sagt Bris.

Die Schweizer Veröffentlichung ist inzwischen die einzige dieser Art. Das World Economic Forum in Davos hat seine Berichte dieser Art im Jahr 2020 eingestellt und konzentriert sich seitdem auf Risiken für die Weltwirtschaft.

In die Bewertung für Deutschland fließen allerdings nur einheimische und ausländische Manager ein, die seit mindestens fünf Jahren in Deutschland arbeiten. Ihre Einschätzungen machen ein Drittel der Bewertung aus. Zwei Drittel entfallen auf die harten Daten.

Die Rangliste hängt dadurch nicht nur von statistisch überprüfbaren Fakten ab, sondern von der Innenansicht der im Land tätigen Manager. Die Macher des Rankings halten das für eine Stärke ihrer Untersuchung: Schwer quantifizierbare Faktoren wie Korruptionsanfälligkeit ließen sich anders kaum erfassen.

Zudem liefere die Online-Umfrage, die von Februar bis Mai lief, eine aktuelle Einschätzung – anders als die statistischen Daten, die in der Regel mit erheblicher Verzögerung vorliegen und ein Bild der Vergangenheit liefern.

Ein Blick zurück auf Deutschlands Abschneiden in der Rangliste zeigt allerdings auch ein Auf und Ab bei der wahrgenommenen Wettbewerbsfähigkeit im Laufe der Jahre. So schlecht wie derzeit schnitt Deutschland zuletzt im Jahr 2006 ab, damals landete die Bundesrepublik auf dem 25. Platz.

Aber bereits kurz danach setzte, getrieben durch die gewaltige Nachfrage Chinas nach deutschen Produkten und modernisiert durch die Hartz-Gesetzgebung, Deutschlands Goldene Dekade ein. Das damit verbundene Wachstum wurde begleitet von einer beständigen Verbesserung in dem internationalen Vergleich.

Auch heute sieht IMD-Direktor Bris durchaus Potenzial nach oben. Denn aus seiner Sicht seien auch geopolitische Entwicklungen mit dafür verantwortlich, dass Deutschland im Ranking zurückgefallen ist.

Der Krieg in der Ukraine habe Deutschland und anderen Ländern in Europa sehr stark geschadet, besonders was die generelle Stimmung in Deutschland und den Unternehmen angehe.

„Wir sehen eine ähnliche Entwicklung auch in Polen, Lettland oder Litauen. Je enger die Beziehungen zu Russland sind, desto stärker hat sich die Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert“, sagt der Finanzwissenschaftler. .„Wenn der Krieg einmal vorbei ist, werden sich die europäischen Volkswirtschaften sofort erholen.“

Der Artikel erschien zuerst in der Welt.