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ZIA-Präsident: „Allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass Geschäfte und Hotels ‚safe places‘ sind“

·Lesedauer: 6 Min.
Für den ZIA-Präsidenten sind virtuelle Veranstaltungen keine Alternativen zu persönlichen Treffen. Foto: dpa
Für den ZIA-Präsidenten sind virtuelle Veranstaltungen keine Alternativen zu persönlichen Treffen. Foto: dpa

Der Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), Andreas Mattner, wirbt für einen fairen Umgang mit der Hotelbranche in der Pandemie.

Eigentlich hätte an diesem Mittwoch und Donnerstag die internationale Gewerbeimmobilienmesse Expo Real in München stattfinden sollen – diesmal als sogenanntes hybrides Event, eine Kombination aus Präsenz- und Online-Veranstaltung. Doch auch sie wurde infolge der gestiegenen Infektionszahlen nun abgesagt.

Kein Drama, meint Andreas Mattner, Präsident des Branchenverbands ZIA. Denn auch diese Veranstaltung hätte der Immobilienbranche nicht die notwendige Orientierung geben können, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Kein Interview mit einem der mächtigsten Immobilienlobbyisten in diesem Lande kommt ohne eine Forderung an die Politik aus. Der ZIA-Präsident wünscht sich von der Regierung, die „halbherzige“ Sanierungs-AfA nochmals anzupacken. Und es solle mehr Sonntagsöffnungen für den Einzelhandel geben.

Für Hotel- und Handelsimmobilien wünscht sich Mattner einen faireren Umgang in der Pandemie. Es müsse ins Bewusstsein der Verantwortlichen rücken, dass Hotels und Geschäfte „safe places“ seien, die nachweisbar eine wenn überhaupt nur untergeordnete Rolle beim Infektionsgeschehen spielten.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Mattner, wie geht es Ihnen?
Wenn Sie mich nach meiner Seelenlage fragen, bin ich verhalten optimistisch, dass wir weiter gut durch die Krise kommen. Bisher ist uns das jedenfalls im Vergleich zu anderen Ländern gelungen.

Also befinden Sie sich nicht mehr im akuten Krisenmodus?
Darauf gibt es kein Ja oder Nein. Quantitativ habe ich weiterhin das Gefühl, dass sich jeder deutlich mehr anstrengen muss als vor der Krise, um ebendiese zu bewältigen. Die Tage sind immer noch länger als früher, teilweise aber auch konzentrierter, weil viele Termine per Videokonferenz durchgeführt werden und die Reisezeit entfällt.

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An diesem Mittwoch und Donnerstag hätte das hybride Ersatzevent für die Expo Real stattfinden sollen. Die Messe München hat am Montagabend kurzfristig die Veranstaltung wegen des Infektionsgeschehens abgesagt. Wie sehr fehlt die „echte“ Expo Real?
Sie fehlt definitiv. Die Expo Real ist extrem wichtig als Stimmungsindikator für die Immobilienwirtschaft, um sich zu vernetzen, Vorhaben und Geschäfte anzubahnen und abzuschließen. Auf einer internationalen Branchenmesse wie der Expo Real entstehen immer auch neue Ideen und Partnerschaften. Das hätte virtuell und hybrid nicht so funktioniert wie in den vergangenen Jahren. Es gibt keine Alternative zu persönlichen Treffen. Und bei aller Euphorie über das digitale Zeitalter: Diese Messe wird in nicht wesentlich veränderter Form zu den vorigen Jahren in Zukunft auch wieder stattfinden und gebraucht werden. Ich wünsche mir jedenfalls eine Expo, wie sie früher war.

Fehlt es der Branche jetzt an der notwendigen Orientierung, die sie auf der Expo Real traditionell stets erhalten hat?
Komplett.

Dann versuchen Sie sich als ZIA-Präsident doch mal an der Aufgabe.
Es gibt zwar immer noch viele Unwägbarkeiten, und jedes Unternehmen muss auf Einschränkungen reagieren. Aber wir müssen nach vorne schauen. Dort, wo es keine oder kaum Betroffenheiten gibt, also bei Wohnen, Logistik und sicher auch Büros, da sollten wir ohne Abstriche weiter Projekte auf den Weg bringen.

Und die anderen, von der Pandemie besonders betroffenen Assetklassen gilt es zu stabilisieren. Bei Hotels können Entwickler meiner Ansicht nach sogar antizyklisch agieren. Bis Hotelprojekte fertiggestellt sind, dauert es schließlich ein paar Jahre. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass es auch für Handels- und Hotelimmobilien eine Zukunft geben wird, wenn wir es schaffen, mit vereinten Kräften diese Assetklassen vernünftig durch die Krise zu bringen. Das Ganze muss aber auch mit positiven Vorzeichen von der Politik begleitet werden.

Was verstehen Sie darunter?
Zum Beispiel sollten sich alle Beteiligten bewusst sein, dass Geschäfte und Hotels „safe places“ sind. Infektionen kamen aus allen Ecken, aber nicht aus Handelsimmobilien und Hotels. Auf unseren Vorschlag hin wurde eine interministerielle Runde unter Leitung von Baustaatssekretärin Anne Katrin Bohle ins Leben gerufen, an der unter anderem Vertreter des Handels und des Hotelgewerbes teilnehmen. Am vergangenen Mittwoch haben wir nach längerer Pause zum zweiten Mal getagt. Das ist wichtig, damit wir die politischen Entscheidungen besser begleiten und mit Substanz füllen können.

Für was haben Sie plädiert?
Dass wir uns an der Faktenlage orientieren und diese in die Entscheidungsfindung einfließen lassen. Nehmen Sie als Beispiel die Kontaktinfektionen. Die scheinen nach immer mehr Studien kaum eine Rolle für das Infektionsgeschehen zu spielen. Trotzdem wird enorm viel Geld für Hygienemaßnahmen aufgewendet, weil weiterhin unterstellt wird, dass sich das Coronavirus durch Kontaktinfektionen verbreitet. Wir brauchen bitte fundierte wissenschaftliche Untersuchungen, die klipp und klar sagen, was Sache ist. Wenn Desinfektionsmittel überflüssig wären, könnte man der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft viel Geld sparen.

Und das Thema Sonntagsöffnung für den Einzelhandel?
Das haben wir natürlich auch adressiert. Das wäre übrigens ein einfaches Mittel, vielen Betrieben zu helfen, ohne dass der Staat auch nur einen Cent dafür ausgeben müsste. Es geht hier nicht um eine Sonntagsöffnung für jedes Wochenende, sondern um bis zu acht Öffnungen im Jahr. Das sollte doch zu machen sein.

Das wird aber voraussichtlich viele Ladeninhaber und Kaufhäuser nicht mehr retten. Als Nachnutzungen werden Wohnen und Last-Mile-Logistik genannt. Ist der strukturelle Wandel der Innenstädte noch aufzuhalten?
Der Wandel hat bereits vor der Coronakrise begonnen, und jetzt haben die Diskussionen, wie man damit umgeht, Fahrt aufgenommen. Was wir uns nicht wünschen, ist, dass ein Kaufhaus dichtmacht und die Etagen von oben bis unten mit Wohnungen gefüllt werden. Dann bricht das Flanieren ab, so weit darf es nicht kommen. Innenstädte müssen lebendig bleiben. Deswegen brauchen wir eine Art Masterplan für die Innenstädte. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie die Lücken intelligent geschlossen werden können. Das ist nicht die Aufgabe des einzelnen Eigentümers. Das wird er auch gar nicht schaffen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Als eine solche gilt auch der Klimaschutz. Bleibt der bei den ganzen Bemühungen, die Wirtschaft wieder in die Spur zu bekommen, gerade auf der Strecke?
Das hoffen wir nicht. Wir sagen ja, dass Klimaschutz auch ein Konjunkturprogramm sein kann. Deswegen bringen wir auch das Thema energetische Sanierung wieder auf die Tagesordnung. Was die Regierung vor der Coronakrise dazu verabschiedet hat, war halbherzig, eine regelrechte Mogelpackung.

Was passt Ihnen nicht?
Die Abschreibungsmöglichkeit von energetischen Sanierungen gilt nur für selbst genutzte Objekte. Damit fallen im Prinzip alle gewerblich genutzten Immobilien raus. Die Förderung reduziert sich also auf Einzelwohnungen, und dafür gibt es bereits genügend Programme der KfW. Warum hat man sich nicht für eine Sanierungs-AfA nach dem Vorbild beim Denkmalschutz entschieden? Da funktioniert das bestens. Kapazitäten bei der Bauwirtschaft wären jedenfalls vorhanden, nachdem die öffentlichen Bauaufträge weggefallen sind.

Und warum glauben Sie, dass der Gesetzgeber zu einer Anpassung bereit wäre?
Jetzt basteln die Ministerien an Maßnahmen und Instrumenten, wie die konjunkturelle Erholung nachhaltig erreicht werden kann. Da reichen keine Zwischenfinanzierungen oder Überbrückungshilfen.