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„Unverfroren familienfeindliche Politik“: H&M schafft feste Schichten ab – insbesondere junge Mütter sollen am Wochenende und am späten Nachmittag arbeiten

·Lesedauer: 8 Min.
Eine junge Frau arbeitet in einer H&M-Filiale.
Eine junge Frau arbeitet in einer H&M-Filiale.

Mitte April verschickt der Moderiese Hennes & Mauritz eine Mitteilung an die deutsche Belegschaft, die auf den ersten Blick Hoffnung machen sollte. Es fallen Sätze und Begriffe wie „Schritt in die Zukunft“, „langfristig mitwachsen“, „Dankbarkeit“. Was so angenehm anmutet, ist in Wahrheit die Ankündigung einer Revolution. H&M will den Schicht-Dienst in Deutschland weitestgehend abschaffen und die Mitarbeiter vor allem in den Stoßzeiten am späten Nachmittag und am Wochenende arbeiten lassen. Diese Umwälzungen packt der Moderiese in rosa Watte.

Bei der Ankündigung handelt es sich um den zweiten Teil des betriebsinternen Sparprogramms. Im ersten Schritt wollte der Konzern 800 Stellen streichen und vor allem junge Mütter, Langzeitkranke und Schwerbehinderte loswerden. Das alles fand offiziell im Rahmen eines „Freiwilligenprogramms“ statt. Hinter den Kulissen übte der Konzern auf die besagten Beschäftigten massiven Druck aus. Business Insider berichtete exklusiv.

Dieses Sparprogramm sei nun so gut wie abgeschlossen, schreibt die Geschäftsführung in einer internen Mitteilung. In mehr als 100 Stores hätten Angestellte die Angebote von H&M akzeptiert, statt der 800 werden nun „lediglich“ 600 Stellen gestrichen. Offizielles Ziel nun von H&M: „Abbau von Vertragsstunden“.

Das Gemüseladenprinzip der H&M-Manager ist gescheitert

Warum aber überhaupt das Sparprogramm und der Abbau von „Vertragsstunden“ und Jobs? H&M hat lange auf das Prinzip Gemüseladen gesetzt. Die Konzernführung wollte möglichst viele Läden eröffnen, diese Expansion fache den Umsatz an, war die weitläufige Annahme an der Unternehmensspitze. Das Konzept ging lange Zeit auf, dann nahm der Onlinehandel vor einigen Jahren an Fahrt auf, die Kunden stellten ihr Kaufverhalten um. Viele Modeketten passten rasch ihr Geschäft an – H&M tat dies weitestgehend nicht.

Die Zahlen sprechen dabei eine klare Sprache: Besuchten im Jahr 2015 noch mehr als 300 Millionen Besucher die H&M-Läden in Deutschland, waren es im Jahr 2019 nur noch rund 270 Millionen. Das geht aus einem internen H&M-Bericht vor, der Business Insider vorliegt. Vergangenes Jahr verpasste die Corona-Pandemie dem Konzern einen weiteren Dämpfer, die Besucherzahlen fielen bis in dieses Jahr laut internem Bericht auf etwas mehr als 100 Millionen. Im Jahr 2020 fiel dementsprechend der Umsatz des Modekonzerns um 11 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro.

Die Reaktion der Geschäftsführung: Reduktion von Jobs und Vertragsstunden. An Letzterem orientiert sich nun auch der zweite Teil des Sparprogramms.

„Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dauerhaft festen Schichten nicht mehr den sich verändernden Kundenwünschen entsprechen können“, schreibt die Unternehmensführung an die Mitarbeiter. „Mit dem veränderten Modell können wir die verfügbaren Stunden noch besser in kundenrelevanten Zeiträumen einsetzen." Und: „Dies bringt natürlich Veränderungen in den Arbeitszeiten für einige Kolleg*innen mit sich“.

Im Klartext bedeutet das Ende des Schichtsystems, dass der Modekonzern seine Mitarbeiter insbesondere zu den Stoßzeiten am späten Nachmittag und am Wochenende flexibel einsetzen kann. "Ein Vertrag regelt den Umfang der Arbeitszeit, aber nicht deren Einsatz" heißt es H&M intern.

Die H&M-Geschäftsführung betont in der Mitteilung immer wieder, dass die Details noch ausgearbeitet werden müssten. Der Grundtenor der Mitteilung: die Wünsche der Angestellten seien wichtig, die Leitung lasse mit sich Reden.

Interne Unterlagen belegen das Gegenteil

Interne Unterlagen aus der Unternehmensführung, die Business Insider vorliegen, belegen allerdings das Gegenteil. Mehr noch, H&M zielt wie beim ersten Sparprogramm wieder explizit auf junge Mütter ab. So heißt es wörtlich in einem Abschnitt der Unterlagen, in denen es darum geht, wie die festen in flexible Arbeitsschichten umgewandelt werden sollen: „Vorbeugung einer festen Vertragsstruktur, z.B bei der Rückkehr aus Elternzeit durch festgelegte Teilzeit-Arbeitszeitmodelle“, und weiter: „Entzerrung Vertragsstruktur durch Versetzung Teilzeit-Mitarbeiters“.

Im Klartext heißt das: Wenn Mitarbeiter aus der Elternzeit zurückkehren, sollen sie nach dem Willen von H&M nicht wieder in das planbare Schichtsystem zurückkehren, sondern gleich in die Schichten am Wochenende und am späten Nachmittag versetzt werden. Im Zweifel soll dies durch eine Versetzung des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin passieren. Im Fall von H&M handelt es sich bei den Betroffenen zu einem überwiegenden Teil um junge Mütter, die aus der Elternzeit in den Job zurückkehren.

Es geht auch um Urlaub und Pausen

Es sind aber nicht nur die Arbeitszeiten, es geht auch im Urlaub und Pausen. In dem internen H&M Dokument ist die Rede von einem „langfristigen, an den Peakzeiten des Einzelhandel orientiertem Urlaubsplan“. Rechtlich darf H&M seinen Mitarbeitern nicht verbieten, in der Weihnachtszeit, der angesprochenen "Peakzeit" im Jahr, Urlaub zu nehmen. So etwas kann allerdings durchaus durch internen Druck erzwungen werden. Aus den Stoßzeiten am Wochenende und an den späten Nachmittagen unter der Woche würden sich „klare Rückschlüsse auf Besetzung und Pausenplanung ziehen“, heißt es weiter in dem Dokument.

Die Pläne des Moderiesen erzürnen die Gewerkschaft Verdi. „Nachdem H&M nun vor allem junge Mütter, Langzeitkranke und Schwerbehinderte aus dem Unternehmen rausgedrängt hat, will der Konzern nun die Arbeitszeiten für die verbleibenden Beschäftigten so grundlegend umwerfen, dass sie kaum noch mit einem normalen Familienleben vereinbar sind“, sagt Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel bei Verdi.

„Das ist ein weiterer Nachweis einer unverfroren familienfeindlichen Politik gegenüber den eigenen Beschäftigten bei H&M. Das Motto der Unternehmensleitung scheint zu sein: Elternsein unerwünscht!“, sagt der Gruppenleiter weiter.

„Der Moderiese will die Arbeitszeit, aber auch den Urlaubsanspruch der Beschäftigten dem Kundenaufkommen völlig unterwerfen. Das ist vor allem zum Wochenende hin stark und Richtung Feierabend und Ladenschluss. Also genau in den Zeiten, in denen sich junge Eltern um ihre Kinder kümmern müssen und wollen“, fügt Akman an.

Der Verdi-Mann sagt, dass die langfristigen Folgen der H&M Strategie absehbar seien: Der Moderiese wolle in Deutschland das Arbeitszeitvolumen abbauen, viele Vollzeitkräfte in Teilzeit schicken und Teilzeit in sogenannte Stundenlöhnerverträge umwandeln. Der Konzern drehe damit kräftig an der Kostenschraube zu Lasten der Beschäftigten, sagt Akman.

"Management so unflexibel wie rostige Schrauben"

Es sei ein Offenbarungseid, denn die Lage, in der sich H&M befinde, sei das Ergebnis des Missmanagements der Konzernführung, sagt der Gruppenleiter. Die Manager hätten jahrelang auf Laden- und Flächenexpansion, verlängerte Öffnungszeiten und Preisschlachten gesetzt, statt eine Verzahnung mit dem Onlinehandel zeitig in Angriff zu nehmen.

„Den Vorständen des drittgrößten Modeunternehmens der Welt fällt darauf aber keine andere Antwort ein, als dieser simple Schachzug aus dem Managerhandbuch für Anfänger: Kosten sparen, auf dem Rücken der Beschäftigten, allen voran bei Frauen. Das Management fordert Flexibilität von der Belegschaft, ist aber selber so unflexibel wie eine eingerostete Schraube.“, so Akman.

Business Insider hat H&M mit den Vorwürfen konfrontiert. Einige streitet der Konzern ab, andere räumt er ein. Etwa die Tatsache, dass der Konzern statt der 800 nun „lediglich“ 600 Stellen abbauen würde. H&M bestätigt auch, dass sich das Unternehmen in einer „Transformationsphase“ befinde und auf veränderte Wünsche seiner Kunden reagieren müsse. „Darauf müssen und wollen wir reagieren“, heißt es in der Antwort des Konzerns. Die „Arbeitszeiten werden sich ändern“, heißt es weiter. „Die Planung der Arbeitszeiten erfolgt aktuell in den meisten Geschäften in einem festen Wechsel aus Früh- und Spätschichten. Dies spiegelt jedoch nicht die aktuellen Anforderungen unserer Kund*innen wider und sorgt zudem für eine unausgewogene Verteilung von Arbeit. Es liegt nun in unserer Verantwortung, auf diese Umstände zu reagieren.“

Der Konzern bestätigt, dass die Peakzeiten am Wochenenden und in der Zeit zwischen 15 Uhr und 18 Uhr unter der Woche liegen. Und fügt an: „Unsere Ambition ist es, ein Modell zu schaffen, dass sowohl langfristige Planbarkeit im Vorfeld für unsere Kolleg*innen sichert, als auch auf die - sich immer wieder neu entwickelnden - Bedürfnisse der Kund*innen eingeht“.

"Arbeitszeitfixierung" sind "befristet" möglich

Gleichzeitig räumt H&M ein, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeiten der Mitarbeiter, also der Verzicht auf die vor allem für Mütter wichtige Planbarkeit von Arbeitszeit, sich am Kunden orientiert. „Ja, das trifft zu“, heißt es auf Anfrage von Business Insider. „Wir sind davon überzeugt, mit dauerhaft festen Schichten nicht mehr den sich verändernden Kundenwünschen zu entsprechen.“

In dem neuen Arbeitsmodell seien außerdem befristet auch „Arbeitszeitfixierungen“ möglich, etwa „für die Betreuung von Kindern“, heißt es in der Antwort.

Zur Pausenplanung heißt es: „Wir möchten die Zeit zwischen 15-18 Uhr gut besetzen, da hier die meisten Kund*innen unsere Geschäfte besuchen. Teil dieser Planung ist eine entsprechend sinnvoll gestaffelte Pausenplanung, d.h. nicht zu viele Kolleg*innen in einer Pausenzeit, mit wenig Überlappungen. So können wir sicherstellen, dass wenn ein*e Kolleg*in in die Pause geht, die Arbeitsbelastung für die anderen Kolleg*innen nicht zunimmt“. Pausen zwischen 15 und 18 Uhr seien damit „nicht ausgeschlossen“, heißt es in der Antwort des Konzerns.

H&M übt jetzt schon Druck auf Mütter aus

So wie bei den „befristeten Arbeitszeitfixierungen“ klingt es aber nicht danach, als sei das Unternehmen davon begeistert. Ganz im Gegenteil. Das erste Sparprogramm hat bereits gezeigt, zu welchen Mitteln das Unternehmen greift, um seine Pläne durchzusetzen.

H&M greift nun auch beim zweiten Sparprogramm zu den besagten Mitteln. Business Insider liegt ein Brief der Geschäftsführung an eine Mitarbeiterin von Anfang April vor, die ein junges Kind hat.

Darin heißt es, dass die Geschäftsführung ihr geltendes Direktionsrecht ausüben werde und die Mitarbeiterin „insbesondere“ von Montag bis Freitag bis einschließlich 18.30 einsetzen und an Samstag bis 16 Uhr einplanen werde, „solange du dein unter 12 jähriges Kind betreust“. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was den jungen Müttern von H&M in den kommenden Wochen und Monaten blüht.

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