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„Das System ist quasi heruntergefahren“ – Alpecin-Chef Dörrenberg über das Coronavirus und die Folgen

Alpecin-Hersteller Dr. Wolff wächst stark in Asien. Gesellschafter Eduard Dörrenberg erklärt, wie sein Unternehmen mit dem Coronavirus umgeht.

Eduard Dörrenberg, 51, ist geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Wolff Gruppe mit 313 Millionen Euro Jahresumsatz. Einen Großteil des Wachstums verdankt das Bielefelder Familienunternehmen der Begeisterung der Chinesen für das Shampoo Alpecin. Dörrenberg, der selbst einige Jahre in Asien gelebt hat, beobachtet die aktuelle Ausbreitung des Coronavirus und die Folgen für das Geschäft in Asien daher genau.

Herr Dörrenberg, die Dr. Wolff Gruppe produziert in Deutschland, aber verdankt einen großen Teil Ihres Wachstums der vergangenen Jahre der Nachfrage in China. Wie trifft Sie nun die Ausbreitung des Corona-Virus?
Unsere Mitarbeiter in China arbeiten derzeit von zu Hause aus. Wir hoffen, dass sie nächste Woche wieder in unserem Büro in Schanghai arbeiten können. In Taiwan, in Singapur und Korea läuft alles noch normal, wir sind beständig in Kontakt mit unseren Mitarbeitern. Aber in China ist das Geschäft seit dem Neujahresfest Ende Januar noch nicht wieder richtig in Gang gekommen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie vor Ort?
Wir betreiben in China ein Vertriebs- und Marketingbüro mit acht Mitarbeitern, ansonsten arbeiten wir mit vielen Partnerfirmen zusammen. Unsere deutschen Mitarbeiter sind alle vor dem Neujahrsfest in die Ferien und noch nicht zurückgekehrt oder in Taiwan, unsere chinesischen Beschäftigten sind vor Ort oder noch in bei ihren Familien.

Dr. Wolff hat in China vor allem mit Shampoo der Marke Alpecin Erfolg – ein Produkt des täglichen Bedarfs. Wie wirkt sich die Ausbreitung des Virus auf Ihre Geschäfte aus?
Vielerorts sind die Geschäfte geschlossen, das spüren wir natürlich. Auch online ist das Geschäft erschwert: Die Informationen fließen nicht wie gewohnt, die Logistik liegt lahm, das System ist quasi heruntergefahren. Die Menschen können zwar ordern, aber es wird nicht geliefert – oder es dauert länger. Wir sehen, dass die Logistik in manchen Regionen jetzt wieder hochfährt. Wie lange es dauert, bis es wieder einwandfrei landesweit läuft, ist derzeit allerdings nicht absehbar.

Sie sind oft selbst in Asien vor Ort, reisen viel international. Wie beeinflusst die Ausbreitung Ihren Arbeitseinsatz?
Ich war zum Beispiel im Januar noch mal in Schanghai und musste daraufhin eine Reise in die USA verschieben – ich musste erst die vollen 14 Tage abwarten, um einreisen zu können. Und einer meiner Mitarbeiter aus Australien, der nach Taipeh reisen wollte, sollte zwei Wochen in Quarantäne verbringen, weil er mit Zwischenstopp über Hongkong gereist war. Zum Glück konnte er dann klarmachen, dass es nur eine Zwischenlandung war. Er durfte wieder zurück nach Australien, ohne Quarantäne. Im Land ist die Lage noch komplexer: Manche Chinesen müssen innerhalb bestimmter Bewegungsradien bleiben, flächendeckend wurden Fieberkameras installiert.

„Ich finde das schrecklich, das ist nicht in Ordnung“

Um das Geschäft in China aufzubauen, haben Sie einige Jahre lang mit Ihrer Familie in Asien gelebt. Sie sind auch großer Befürworter der chinesischen Innovationskultur, sehen das Land als Vorreiter etwa beim Thema E-Commerce. Wie gehen die Chinesen aus Ihrer Sicht mit der Situation um?
Ich finde es außergewöhnlich, wie die chinesische Gemeinschaft damit umgeht. Der konsequente Umgang damit ist sicher manchmal grenzwertig, hat aber auch eine Schutzwirkung nach außen, das ist nicht zu unterschätzen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in Europa das schaffen würden, zum Beispiel ein Krankenhaus innerhalb von 14 Tagen zu bauen. Es kursieren schon Witze, die Bauarbeiter von dort auch den Berliner Flughafen endlich fertigstellen zu lassen. Nein, ganz im Ernst: Ich beobachte in China und auch in den angrenzenden Ländern ein sehr geordnetes Verhalten, und das in einer absoluten Stresssituation.

Hier in Deutschland lässt der Virus auch Ressentiments gegenüber Asiaten und der asiatischen Kultur aufkeimen. Da ist dann von der „gelben Gefahr“ die Rede, es werden Klischees etwa über Speisen und Hygiene bemüht.
Ich finde das schrecklich, das ist nicht in Ordnung. Wir leben zusammen in einer großen globalen Welt!

Beobachten Sie solches Verhalten auch im Business-Kontext?
Nein, das habe ich bislang nicht erlebt. Es gibt Firmen, die jetzt gar keine Besucher mehr empfangen, das halte ich auch für übertrieben. Ich war gerade auf der „Hinterland of Things“ in Bielefeld, da treffen viele Menschen aufeinander, tauschen sich aus, obwohl mancher auch Schnupfen hatte. Das Leben geht ja weiter. Aber klar ist auch: Dieses Virus hat globale Auswirkungen, die manche vielleicht noch nicht sehen oder verstehen können. Das Engagement der Chinesen dagegen ist auch deshalb auf jeden Fall hoch zu schätzen.

Herr Dörrenberg, vielen Dank für das Interview.