Deutsche Märkte öffnen in 1 Stunde 59 Minute
  • Nikkei 225

    30.143,94
    +472,24 (+1,59%)
     
  • Dow Jones 30

    31.961,86
    +424,51 (+1,35%)
     
  • BTC-EUR

    41.356,15
    -646,89 (-1,54%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.006,76
    +12,10 (+1,22%)
     
  • Nasdaq Compositive

    13.597,97
    0,00 (0,00%)
     
  • S&P 500

    3.925,43
    +44,06 (+1,14%)
     

Start-up Wingcopter bereitet Serienfertigung deutscher Lieferdrohnen vor

Kapalschinski, Christoph
·Lesedauer: 5 Min.

Die Hessen erhalten 18 Millionen Euro. Mit dabei ist ein Investor, der zwar auch den größten US-Konkurrenten stützt – was aber das weltweite Potenzial zeigt.

Es ist ein kleiner Schwenk, der die Drohne von Wingcopter zu etwas Besonderem macht. Die Rotoren, die das weiße Fluggerät senkrecht in die Höhe heben, klappen nach dem Start im rechten Winkel um. Aus dem mannsgroßen Senkrechtstarter wird so ein zwischen 130 und 240 Stundenkilometer schnelles Flugzeug.

Die ersten Drohnen mit dieser selbst entwickelten Kipprotortechnik fertigten die beiden Gründer Tom Plümmer und Jonathan Hesselbarth 2015 noch in Modellbauer-Manier aus Styropor. Inzwischen bereiten sie im hessischen Weiterstadt schon die Serienfertigung der nächsten Generation des Lieferfliegers aus Kohlefasern vor.

Das Geld dazu stammt auch von einem Investor aus dem Silicon Valley, der bereits bei einem hochfinanzierten US-Konkurrenten an Bord ist. Gut 18 Millionen Euro erhalten die Gründer in ihrer ersten größeren Wachstumsfinanzierung, wie Plümmer am Montag offiziell mitteilen will.

Die Idee von ferngelenkten oder autonomen Drohnen, die Pakete durch die Luft vorbei an Stau und Hindernissen zustellen, fasziniert. Entsprechend arbeiten Start-ups weltweit an Prototypen und Kleinserien. Wingcopter ist einer der aussichtsreichsten deutschen Anbieter. Der 30-jährige Mitgründer und Chefverkäufer Plümmer denkt groß, auch dank Entwicklungspartnern wie dem US-Paketdienst UPS.

Förderer aus der Pharmaindustrie

Plümmer ist allerdings nicht durch kommerzielle Ideen, sondern durch Idealismus auf die Drohnen gekommen. Er hat vor Beginn seines Medien- und Management-Studiums im freiwilligen sozialen Jahr in Ghana Filmworkshops für Schüler veranstaltet. Drohnen, die beim Film bereits regelmäßig aufwendige Kamerakräne ersetzen, sollen im Versorgungsbereich Medikamente, Blutproben und Impfstoffe in schwer erreichbare Dörfer liefern können.

Plümmer verfolgt das Konzept nicht allein: Humanitäre Einsätze gehören zu den ersten konkreten Projekten von Lieferdrohnenherstellern weltweit, die so ohne allzu aufwendige Zulassungsprozedur die Tauglichkeit ihrer Modelle demonstrieren wollen.

Zurück in Deutschland kam Plümmer mit dem wenige Jahre älteren Hesselbarth in Kontakt. Der Sohn eines Professors für Luftfahrtleichtbau studierte Ingenieurswissenschaft an der TU Darmstadt. Der begeisterte Modellbauer arbeitete da bereits an dem Schwenkrotor. Für den Kreativen Plümmer ist das eine ideale Kombination: „Während Jonathan der Kopf hinter der Technologie ist, bin ich für die Strategie zuständig und kann Leute von unserer Vision begeistern.“

Noch ein dritter Partner half: Die beiden Gründer sprachen nach einem Vortrag an ihrer Darmstädter Hochschule Merck-Chef Stefan Oschmann an. Sie überzeugten ihn schnell, Wingcopter in das konzerneigene Start-up-Programm aufzunehmen. Das ermöglichte es den Gründern, selbstfinanziert im Labor die ersten Drohnen zu bauen und an Projektpartner zu verkaufen.

Zusammen mit der staatlichen Entwicklungsagentur GIZ erprobte Wingcopter den Einsatz etwa in Malawi, wo die Drohne in der Regenzeit Medikamente lieferte. Ein anderer Probeflug ging mit einer Ladung Insulin auf eine irische Insel. „Für unser Start-up-Programm ist Wingcopter ein Erfolg“, sagt ein Merck-Sprecher. Nach Testflügen zwischen Werkstandorten gebe es aber aktuell keine gemeinsamen Projekte mehr.

Knapp 150 Drohnen des ersten Modells habe das Start-up montiert und so den Anlauf weitgehend selbst finanziert. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde, an der neben dem amerikanischen Investor Xplorer Capital auch der junge hessische Fonds von Land und Wirtschaft, Futury, teilnimmt, wollen die Gründer die nächste Generation der Fluggeräte auf den Markt bringen.

Dafür sind sie aus den Merck-Büros in eine eigene Halle gezogen. In den kommenden Monaten startet die Fertigung des zweiten Modells. Plümmer hofft, je nach Nachfrage, jährlich auf eine vierstellige Produktionskapazität. Unter den inzwischen 100 Mitarbeitern sind auch Kräfte aus der Autoindustrie mit Erfahrung in der Serienproduktion.

Mehr Sicherheit für die Zulassung

Wichtigster Schritt für den kommerziellen Einsatz ist eine breitere Zulassung. Erstmals verspricht Wingcopter, dass im neuen Modell alle Bauteile doppelt vorhanden sind, um so Abstürze zu vermeiden. Ein Zulassungsverfahren in den USA läuft, zusammen mit nur neun anderen Anbietern. Bislang sind Sicherheitsbedenken ein Grund, dass die Drohnen nur über unbewohnten oder dünn besiedelten Gebieten und Gewässern zum Einsatz kommen.

„Unsere großen Visionen müssen zur Regulatorik passen. Drohnen sind Luftfahrt – und die Luftfahrt ist zum Glück stark reguliert“, sagt Plümmer. „Es werden nur die Unternehmen erfolgreich skalieren können, die neben effizienten auch extrem sichere Drohnen auf den Markt bringen.“ Mit sechs Kilogramm ist die Nutzlast des neuen Modells relativ gering – zulasten der Wirtschaftlichkeit der Drohnen, die teurer sind als ein Lieferwagen.

Entsprechend ist bislang der größte Markt das Militär, das derlei Modelle für Erkundungsmissionen und gezielte Tötungen einsetzt – ein Bereich, den Plümmer kategorisch ausschließt. Er will sich zunächst ganz auf Logistik konzentrieren, später auch kommerzielle Erkundungsflüge anbieten.

Die großen Paketdienste sind zurückhaltend. „Wir halten den Drohnen-Einsatz für realistisch, wenn sich wirtschaftliche, operativ sinnvolle und vor allem skalierbare Lösungen herauskristallisieren. Dennoch ist eine flächendeckende Haustürzustellung per Drohne aus unserer Sicht noch weit entfernte Zukunftsmusik“, sagt etwa ein Hermes-Sprecher. Realistisch sei zunächst die Paketzustellung per Drohne etwa auf Inseln oder der Einsatz in interner Logistik.

Einen internationalen Schub könnte Wingcopter durch den Investor Xplorer bekommen. Die Kalifornier investieren in Technologie, der sie globales Potenzial zutrauen – etwa in das Start-up Paleton, das automatisch gesteuerte Lkw-Konvois bildet, oder Farmwise, einen Anbieter automatisierter Landmaschinen.

Xplorer hat auch den direkten Wingcopter-Konkurrenten Zipline im Portfolio. Wie Wingcopter will auch Zipline in der Pandemie zeigen, dass die Drohnen Impfstoff in entlegene Gegenden transportieren können. Allerdings benötigt Zipline recht teure Startrampen. Nach einer Finanzierungsrund über 190 Millionen Dollar 2019 gilt Zipline jedoch bereits als „Einhorn“, also als Start-up mit mehr als einer Milliarde Dollar Firmenbewertung.

Für den Familienvater Plümmer ist das Investment in Wingcopter auch eine Genugtuung: Ihn habe gewurmt, dass der Konkurrent durch den Standort in den USA bislang stärker im Fokus der Investoren gestanden habe, sagt er. Jetzt kann er mit internationalem und regionalem Geld von Hessen aus durchstarten.