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Die neuen E-Smarts sind Daimlers winzige CO2-Hoffnung

Als erste Automarke wechselt Smart von Benzinmotoren komplett auf elektrische Antriebe. Daimler hofft dadurch, drohende Klimastrafen zu vermeiden.

Zum Schluss versuchte es Daimler bei seiner Kleinwagentochter Smart mit Humor. Mit Zeilen wie „Bevor Otto nur noch ein Vorname ist“, bewarb die Marke im vergangenen Jahr seine letzten Modelle mit Benzinmotor. Allzu viel gebracht hat das aber nicht.

Der Absatz der Winzlinge ist um mehr als neun Prozent eingebrochen – auf weniger als 117.000 verkaufte Fahrzeuge. Nun wagt der ewige Verlustbringer von Daimler einen Neustart. Als erste Automarke der Welt wechselt Smart vom Verbrenner komplett auf elektrische Antriebe.

Zum Start in die neue Ära präsentierte die Marke im spanischen Valencia für ihren 2,70 Meter kurzen Zweisitzer EQ fortwo und den Viersitzer EQ forfour ein völlig überarbeitetes Design- und Infotainmentsystem. Smart verspricht konsequent emissionsfreie Mobilität gepaart mit einer „neuen Dimension an Fahrspaß“.

Doch der Totalumstieg auf reine Stromer ist nicht völlig schmerzfrei zu haben, räumt Daimler-Vertriebsvorständin Britta Seeger ein: „Es ist klar, dass Smart als rein elektrische Marke zunächst nicht so viele Einheiten absetzen wird wie in den Vorjahren, als wir auch noch Benzinvarianten angeboten haben“, sagte die Managerin dem Handelsblatt. „Aber wir streben, gemessen an den Verkaufszahlen unserer E-Smarts in 2019, dieses Jahr eine deutliche Steigerung des Absatzes an.“

Im vergangenen Jahr verkaufte Daimler etwas mehr als 18.400 vollelektrische Smarts. In Relation zum Gesamtabsatz des Mercedes-Herstellers von jährlich fast 2,5 Millionen Pkw liegt der Anteil der E-Smarts damit unter einem Prozent.

Dennoch können die wendigen Kleinwagen für Daimler noch sehr hilfreich werden. Denn die Stuttgarter haben ein PS-Problem, die Sternenflotte stößt zu viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) aus. Bis 2021 muss Daimler seinen CO2-Flottenausstoß in der EU von 138 Gramm pro Kilometer auf etwa 105 Gramm drücken, andernfalls drohen hohe Strafzahlungen aus Brüssel.

„Smart ist hier eine starke Unterstützung und ein echtes Asset, das wir haben“, konstatiert Seeger. Schon heute sei der Beitrag der Marke zur Erreichung von Daimlers CO2-Zielen „interessant“. Und weil die Topmanagerin von einer nachhaltigen Absatzsteigerung der Winzlinge ausgeht, „wird dieser Impact mit der aktuellen Smart-Generation in den nächsten Jahren sicherlich weiter steigen“, so Seeger.

„Ein Tropfen auf dem heißen Stein“

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht dagegen wenig Anlass für allzu viel Optimismus: „Es ist gut für Daimler, den EQ Smart zu haben, aber er ist eher ein Tropfen auf den heißen Stein als eine umfassende Lösung, um die CO2-Vorgaben zu erreichen“, erklärt der Leiter des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen.

Durch den Wegfall des vergleichsweise großen Volumens an Smart-Modellen mit Benzinmotoren müsste Daimler 2020 schon mehr als 30.000 E-Smarts verkaufen, um den aktuellen CO2-Ausstoß auch nur zu halten. Um ihn signifikant zu senken, wäre wohl zumindest eine Verdopplung des Absatz an E-Smarts vonnöten.

Das Problem: Mit rund 22.000 Euro ist der grüne Kleinstwagen kein Schnäppchen. Die elektrische Reichweite taugt mit 153 Kilometern lediglich für Stadtfahrten, größere Strecken machen nicht zuletzt wegen der Ladedauer von etwa 40 Minuten um den Akku von 10 auf 80 Prozent zu hieven, mäßig Sinn. Das schränkt die potenzielle Kundschaft ein. „Diese Fahrzeuge werden überwiegend bei Pflegdiensten oder Apotheken-Bringdiensten zum Einsatz kommen“, glaubt Dudenhöffer.

Die aktuelle Generation des Bonsai-Benz ist aber ohnehin nur eine Überbrückung. Alle künftigen Smart-Modelle laufen nicht mehr im französischen Hambach vom Band, sondern werden in China entwickelt und gebaut. Anfang des Jahres überführte Daimler seine Kleinwagenmarke in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Geely. Beide Partner halten zwar 50 Prozent der Anteile, aber die operative Führung liegt künftig bei dem chinesischen Autobauer, dessen Gründer Li Shufu Daimlers größter Einzelaktionär ist.

Die Zusammenarbeit soll den Absatz von Smart in nie gekannte Höhen katapultieren, schließlich sind gerade die chinesischen Megacities prädestiniert für die winzigen Autos. Daimler-Vorständin Seeger glaubt daher weiter „stark an die Marke Smart“. Zugleich ist aber klar: Nach zwei Jahrzehnten mit Verlusten ist der Sprung nach Fernost für die Kleinwagenmarke auch die allerletzte Chance.