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Ein Land vor der Pleite: Italien steht durch die Coronakrise vor dem Abgrund

Schlimmer geht es nicht: In Italien trifft das Coronavirus auf eine Wirtschaft nahe der Rezession und auf ein Land mit hohen Schulden.

Nur ein paar Zeilen hat die Mitteilung. Es ging darin weder um die Bilanz noch um eine neue Kollektion von Prada. Der Luxuskonzern habe die Produktion von 110.000 Gesichtsmasken und 80.000 Kitteln aufgenommen. Auf Bitten der Region Toskana würden diese im einzigen noch nicht geschlossenen Standort Montone bei Perugia produziert.

In dieser Mitteilung zeigt sich die Dramatik und Dimension der Corona-Pandemie für Italien. Kein Land in Europa ist mehr getroffen – und schlechter vorbereitet. Die Zahl der Infizierten und der Toten will auch nach fünf Wochen nicht zurückgehen. Unternehmen und Banken spenden in Millionenhöhe, neue Intensivstationen und ganze Krankenhäuser entstehen auf die Schnelle.

Die Regierung scheint überfordert. Das erste Hilfspaket hat ein Volumen von 25 Milliarden Euro, 1,4 Prozent des BIP. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was andere einsetzen, „eine Wasserpistole statt einer Bazooka“, meint ein Kommentator. Stefano Manzocchi, Chefvolkswirt des Industrieverbands Confindustria, schätzt, dass zehnmal so viel nötig wäre. „Die 25 Milliarden waren nur die ersten Maßnahmen zum Auffangen des extremen Notstands.“

Auch wenn Premier Giuseppe Conte die Zahl im April verdoppeln will: Die Wirtschaft Italiens leidet schwer. Nach der Ausgangssperre für die Italiener, verhängt am 10. März, hat die Regierung am 25. März die Produktion der Firmen gestoppt, mit Ausnahme von „lebensnotwendigen, essenziellen“ Gütern.

Ein ohnehin geschwächtes Land steht vor der Pleite. 100 Milliarden Euro pro Monat werde der Stopp kosten, erklärte der Präsident des Industrieverbands Confindustria, Vincenzo Boccia, und spricht von „Kriegswirtschaft“. Das ist nur eine erste Schätzung.

Die ökonomischen Auswirkungen sind enorm. „In Italien trifft die Verbreitung von Covid-19 auf ein Umfeld von moderatem Wirtschaftswachstum, das relevanten Risiken ausgesetzt ist“, teilt die Notenbank in Rom mit. Das ist zurückhaltend formuliert. Denn auch ohne die Pandemie ist Italien nach einem Minus von 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal 2019 auf dem Weg von der Stagnation in die Rezession.

Italien steht still, seit Langem: Die Wirtschaftsleistung ist auf dem Niveau von 2006, der Internationale Währungsfonds schätzt sie für 2019 auf 33 000 US-Dollar pro Kopf – die Wirtschaft ist also in den vergangenen dreizehn Jahren nicht gewachsen.

Hausaufgaben nicht gemacht

Die Probleme sind bekannt, allesamt chronisch wie hausgemacht: Zur Wachstumsschwäche kommen das öffentliche Schuldenmachen der jeweiligen Regierung, die fehlenden Strukturreformen, der rigide Arbeitsmarkt, eine ausufernde Bürokratie, eine öffentliche Verwaltung, die schlecht läuft, die langsame Ziviljustiz, die hohe Steuerlast, die große Steuerhinterziehung, die sinkende Produktion und die im Europadurchschnitt hohe Arbeitslosigkeit von fast zehn Prozent, die bei den Jugendlichen im Süden bei 29,3 Prozent. „Diese Probleme müssen gelöst werden, damit das Land wieder so wächst wie zuvor“, sagt Ökonom Carlo Cottarelli von der Mailänder Università Cattolica.

Dazu kommt die Staatsverschuldung. Ende Januar lag sie nach Angaben der Banca d’Italia bei gut 2,4 Milliarden Euro, 136 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Schuldenberg wird mit der Krise weiter wachsen.

Doch immerhin, die EU-Kommission hat die Schuldengrenze aufgehoben. Und die Europäische Zentralbank den Aufkauf von Schuldentiteln und Unternehmensanleihen von 750 Milliarden Euro zugesagt – das kam gut an in Italien. 

Getroffen werden jetzt auch Branchen, in denen es bisher gut lief wie der Tourismus, der dreizehn Prozent zum BIP beiträgt. Es gibt keine Flüge mehr, die Reisen sind storniert, Hotels sind geschlossen. Es fehlen vor allem die 5,3 Millionen chinesischen Touristen, die 2019 nach Italien kamen und im Schnitt pro Person 1 500 Euro beim Shopping ausgaben. Darunter leidet die exportabhängige Luxusbranche. „Die Krise wird sich mindestens noch anderthalb Jahre auf die Unternehmen niederschlagen“, erwartet Claudio Marenzi, Präsident der Herrenmodemesse Pitti Uomo.

„Dieses sehr schwere Unwetter kam, als es der Wirtschaft trotz allem gerade besser ging“, sagt Manzocchi, Chefvolkswirt der Confindustria. „Es lief bis Januar ganz gut, im letzten Jahr haben wir Waren im Wert von 550 Milliarden Euro exportiert, außerdem waren die Investitionen wieder angestiegen.“ Jetzt werde die Bilanz sehr negativ aussehen, vor allem im zweiten Quartal.

„Wenn 50 bis 70 Prozent der Unternehmen stillstehen, rechnen wir mit Verlusten von 85 bis 100 Milliarden Euro pro Monat“, so Manzocchi. Vor Jahresmitte sieht er keine Stabilisierung, alles hänge davon ab, wie lange die Pandemie noch andauere. Sein Kollege Fabiano Schivardi von der römischen Wirtschaftsuniversität hat ein Szenario durchgerechnet: 40.000 italienische Unternehmen könnten bereits im März Liquiditätsengpässe haben.

Was ist zu tun? „Um die Wirtschaft zu stützen, kann man im Moment nichts anderes tun, als das Defizit zu erhöhen, denn das Bruttoinlandsprodukt fällt und wird weiter fallen“, sagt der ehemalige IWF-Ökonom Cottarelli. Gebraucht würden jetzt Garantien des Staates und Hilfe für die, die ihre Einkünfte verlieren.

Die Regierung müsse den Unternehmen mit einem Garantiefonds die „gesamte Liquidität zur Verfügung stellen, die sie benötigen, um die Übergangsphase im Falle einer freiwilligen oder unfreiwilligen Schließung zu überwinden“, fordert auch Confindustria, der italienische BDI. Die Rückzahlung der so entstehenden Schulden müsse auf 30 Jahre nach der Überwindung der Krise gestreckt werden.

Cottarelli ist kategorisch. „Das ist ein klassischer, heftiger Schock, der mit keynesianischen Mitteln behandelt werden muss.“ Ein Land, das so eine hohe Verschuldung habe wie Italien, könne so viel Geld nicht leihen.

Warum Banken besonders belastet sind

Besonders im Fokus stehen die italienischen Banken. Die Gefahr ist groß, dass sie Auslöser einer neuen Finanzkrise werden können, wenn es zu Kreditausfällen kommt. Zwei Probleme belasten die Branche: die notleidenden Kredite und die Anzahl der Staatsanleihen in den Büchern. Das waren nach Angaben der Notenbank Ende Dezember gut 380 Milliarden Euro.

„Nach der Krise 2011/12 haben sich die Banken in Italien schneller erholt als von vielen gedacht. Der Abbau der notleidenden Kredite verlief gut, und die Banken hatten neue Renditequellen gefunden, etwa Finanzdienstleistungen wie Versicherungen für die eigenen Kunden“, sagt Cottarelli. Doch jetzt bestehe die Gefahr, dass bei einer Rezession die notleidenden Kredite wieder anstiegen.

Der Bankenverband ABI versucht zu beruhigen. „Alles hängt von der Dauer des Notstands ab“, sagt Generaldirektor Giovanni Sabatini. Die Auswirkungen könnten vorübergehend sein, „wir rechnen mit einem robusten Wachstum 2021“.

Auch die Anzahl der Staatsanleihen bei den Banken war gesunken. Ende Dezember 2019 hätten sie ein Volumen von 313 Milliarden gehabt, ein Anteil von 9,8 Prozent an den Bilanzen, noch zu Beginn 2015 seien es 403 Milliarden gewesen, so Notenbankgouverneur Ignazio Visco kurz vor der Coronakrise. Alles hängt jetzt davon ab, wie sich die Risikoaufschläge, der Spread, entwickeln.

Egal, mit wem man spricht, alle fordern mehr europäische Solidarität. „Das ist endlich ein Test für die Glaubwürdigkeit“, meint Paolo Scudieri, Chef des Verbands der Autozulieferer in Italien, Anfia. Dazu gehört die übereinstimmende Forderung nach Euro-Bonds, die nun Corona-Bonds heißen.

„Jetzt wäre die Gelegenheit, etwas Ähnliches wie in den USA zu schaffen, einen gemeinsamen Haushalt, der im Krisenfall ins Defizit gehen kann“, meint Cottarelli. „Wer glaubt, dass jedes Land in Europa im Alleingang vorgehen kann, hat nichts von der Welt kapiert, in der wir leben“, so der Ökonom Andrea Boitani.

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