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Jahrzehnte lief bei Fahrschulen digital gar nichts – dieser Berliner Gründer ändert das

Autonarr und Gründer: Tom Kedor will einen Marktplatz für Fahrschulen aufbauen und die Branche entstauben. - Copyright: Autovio
Autonarr und Gründer: Tom Kedor will einen Marktplatz für Fahrschulen aufbauen und die Branche entstauben. - Copyright: Autovio

Früher nahm Tom Kedor es nicht so genau, wenn er in sein erstes Auto – ein froschgrüner Golf 1 – eine Beule gerammt hatte. „Wenn du mal rückwärts ein Stück zu weit fährst in eine Laterne, dann knirscht es und quietscht es, aber es ist nicht so schlimm.“ Heute kümmert sich der Gründer darum, jungen Leuten das Autofahren beizubringen – allerdings nicht, indem er sich selbst neben das Steuer setzt. Stattdessen vernetzt Kedor selbstständige Fahrlehrer mit Schülern digital über zwei Apps. Die Tools wickeln sowohl die Terminplanung von Fahrstunden als auch die Bezahlung ab, außerdem teilen sie theoretische Übungen zur Führerscheinprüfung.

Das Ziel des Informatikers ist es, mehr Effizienz in eine verstaubte Branche zu bringen: Die schleppende Digitalisierung von Fahrschulen sei ein Problem, sagt er. Ein anderes sei die rekordverdächtige Durchfallquote von derzeit über 42 Prozent bei praktischen Prüfungen. Im Jahr 2021 hat Kedor deswegen zusammen mit Carsten Eckmiller, Philipp Goebel und Amir Hadi das Startup Autovio in Berlin gegründet.

Alle vier Unternehmer verbinde der „Entwicklergedanke“, so Kedor. Eine klassische Ausbildung zum Fahrlehrer habe keiner der Co-Founder, allerdings würden sie die Autobranche lange genug kennen und arbeiteten als Kollegen zusammen. Kedor selbst war über acht Jahre Geschäftsführer beim Mobilitäts-Forum Motor-Talk und arbeitete nach dem Verkauf an die Fahrzeugplattform Mobile.de dort als Manager. Nach seinem Ausstieg bei Mobile.de habe er sich eine Auszeit genommen und als Business Angel kleine Tech-Firmen unterstützt. In der Zeit sei ihm auch die Idee für Autovio gekommen.

Wichtig sei Kedor, die Perspektiven beider Seiten zu kennen: Einerseits die Jugendlichen, die viele Stunden mit sozialen Netzwerken verbringen und einen einfachen Einstieg in die Mobilität suchen. Auf der anderen Seite die Fahrschulen, denen das Werkzeug sowie IT-Skills fehlen, um auf digitale Bedürfnisse einzugehen. „Da prallen zwei Welten aufeinander“, sagt Kedor. „Wir wollen eine Brücke bauen, um Kleinstunternehmern beim Wachsen zu helfen und Schülern gleichzeitig die modernste Fahrschulerfahrung anzubieten.“

Mit zwei Apps: Autovio will Bürokräfte ersetzen

Herausgekommen ist ein komplettes Service-Paket, das Fahrschulen mit digitaler Infrastruktur ausstattet und ihnen Verwaltungsaufgaben abnimmt. Über die eine App können Fahrlehrer Vertragsunterlagen organisieren, Termine einstellen, Urlaubstage planen und Rechnungen erstellen. Ihre Schüler nutzen die zweite App, um Fahrstunden zu buchen, Bezahlungen durchzuführen und in einer prüfungsähnlichen Lernumgebung Theoriewissen zu wiederholen. Zudem kümmert sich Autovio um Website und Suchmaschinen-Marketing der Fahrschule und beantwortet Kundenfragen im Chat. Dadurch sollen Fahrschulen Kedor zufolge nicht nur Zeit, sondern auch Büropersonal sparen. „Wir nehmen den Fahrschul-Betreibern operativen Stress ab, sodass sie sich am Ende voll darauf konzentrieren können, ihre Schüler bestmöglich auszubilden.“ Im Gegenzug verdient das Startup an den Umsätzen mit – der Abschlag variiert zwischen 20 und 30 Prozent pro Partner.

Um zu verstehen, wie ein Fahrschulbetrieb funktioniert, entschieden sich die Gründer, zunächst eine eigene Fahrschule in Baden-Württemberg zu gründen. „Sie ist für uns wie ein Template, ein Trainingsplatz, um Konzepte zu testen und Fahrschule von null zu denken: modern, digital, papierlos und absolut zahlengetrieben“, erklärt Kedor.

Startup hilft Fahrlehrern beim Gründen

Das Gründerteam will dabei nicht nur bestehenden Fahrschulen Software und Wissen anbieten. Gleichzeitig wollen die Berliner Fahrlehrer dabei unterstützen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dazu stellt das Startup geleaste Autos bereit und kümmert sich um die Anmietung von Ladenlokalen sowie um rechtliche Details. Voraussetzung für die Gründung mit Autovio ist es, mindestens zwei Jahre lang im Beruf gearbeitet zu haben. Außerdem müssen die Fahrlehrer einen BWL-Grundlagenkurs absolvieren. In der Wahl des Namens sind die Gründer der Fahrschulen frei, ebenso bei der Gestaltung ihrer Preise.

Die Verträge laufen mindestens ein Jahr. Dazu Kedor: „Die Kosten haben wir nach einem Jahr ohnehin wieder reingeholt.“ Dennoch geht das Startup ein hohes Investitionsrisiko ein: „Wir schließen eine Wette ab. Natürlich versuchen wir, langjährige Partnerschaften am liebsten bis zur Rente einzugehen.“ So ist das Ziel, Neugründungen in den ersten zwei Jahren beim Wachstum zu unterstützen. Danach sollen die Kapitalanlagen an die Fahrschulen übergehen, die dann als Partner von Autovio weiterhin Serviceleistungen sowie Apps nutzen. Bislang hat das Startup eigenen Aussagen zufolge über 20 Partner und Neugründungen gewonnen. Zudem hätten bislang rund 550 Fahrschüler eine Fahrschule genutzt, die mit Autovio kooperiert.

Drei Millionen Euro Risikokapital im August

Um Fahrschulautos zu finanzieren, setzen die Gründer auf Risikokapital. Im August 2022 haben sie ihre zweite Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen: Rund drei Millionen Euro sammelten die Berliner bei Angel-Investoren und dem staatlichen Frühphasen-Fonds Coparion ein. Die Investitionssumme stieg somit auf 4,6 Millionen Euro. Künftig wollen die Gründer verstärkt auf Banken zugehen, um Kredite gewährt zu bekommen. „Wir versuchen zusätzlich Geld zu kriegen. Denn alles, was vom Risikokapital abgezogen wird, kann nicht fürs Wachstum verwendet werden. Das ist aus Unternehmersicht sehr teuer,“ gibt Kedor zu bedenken.

Dass Trends wie autonomes Fahren und ein gestiegenes Klimabewusstsein das Geschäft von Fahrschulen gefährden könnten, besorgt den Berliner nicht. Er ist überzeugt: Fahrschulen wird es auch in zehn Jahren noch geben. Er glaubt, dass in einem stark regulierten Deutschland selbst bei autonomen Autos ein Führerschein noch lange Pflicht bleiben könnte. CO2-neutrale Mobilität ist Kedor dennoch ein Anliegen: „Wenn es nach mir ginge, würden alle unserer Kooperationspartner nur mit E-Autos fahren.“ Von den rund 30 Fahrzeugen, die in der eigenen Fahrschule sowie in den Neugründungen derzeit zum Einsatz kommen, sei der Großteil elektrobetrieben.

Geplante Reform: Koalition will Fahrausbildung digitalisieren

Während der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Fahrstunden Kedor zufolge „durch die Decke gegangen“. Auch der TÜV-Verband geht davon aus, dass die Anzahl der Führerscheinbewerber in diesem Jahr hoch bleibt. Durch die Kontaktbeschränkungen und Lockdowns kam es außerdem zu langen Wartezeiten bei den Prüfungen, die noch nicht vollständig abgearbeitet wurden. Prüfer hätten daher extra Urlaube verschieben müssen, würden aus anderen Abteilungen „ausgeliehen“ oder aus dem Ruhestand rekrutiert, schreibt der TÜV-Verband.

Die Regierung will auf die Engpässe reagieren. Die FDP hat sich im Koalitionsvertrag dafür eingesetzt, dass TÜV und Dekra nicht mehr das Monopol bei Fahrprüfungen besitzen und demnach künftig dritte Prüfungsorganisationen Zutritt zum Markt erhalten sollen. Außerdem soll die Fahrausbildung digitaler werden. Trotz des Digitalisierungsschubs während der Pandemie verfestigen sich wieder alte Strukturen: Das Verkehrsministerium hatte zeitweise genehmigt, Theorie-Unterricht per Videokonferenz durchzuführen. Seit Juni 2022 müssen Fahrschulen in fast allen Bundesländern wieder zur bisherigen Regelung zurückkehren und Theoriestunden vor Ort vermitteln.

„Da tobt gerade eine riesige Debatte zwischen Verbänden und Politik,“ so Kedor. Der Gründer hofft, dass die Regierung im nächsten Jahr mehr Flexibilität zulässt und beide Varianten im Tagesgeschäft ermöglicht. „Machen wir uns nichts vor: Fahrschulwissen ist auch keine Atomphysik – das kriegt man schon hin“, meint Kedor. Außerdem sieht er Vorteile für Fahrschulen auf dem Land, wo Schülerinnen lange unterwegs wären, um sich für 90 Minuten in einen „miefigen Raum“ zu setzen. Er findet die Präsenz-Vorgabe nicht mehr zeitgemäß.

Fahrschul-Anbieter werden weniger

Durch eine Konsolidierung im Markt beginnen kleinere Fahrschul-Anbieter allmählich zu verschwinden. Dafür entstehen größere Player wie die Fahrschul-Kette Rettig, die 2021 einen Umsatz von 11,2 Millionen Euro erwirtschaftete. Auf digitale Infrastruktur setzt außerdem das Startup 123Fahrschule, das kleine Betriebe aufkauft und zuletzt einen Umsatz von 7,8 Millionen Euro einfuhr. Gemessen am Marktvolumen von rund 2,3 Milliarden Euro im Jahr 2021, ist die Konzentration dabei noch gering. Nach Zahlen des Marktforschungsinstituts IBISWorld liegt der Jahresumsatz bei 98 Prozent aller Branchenunternehmen unter einer Million Euro. Gründer Tom Kedor findet daher: „Keiner hat den Markt bisher durchdrungen. Da ist ausreichend Platz für viele Player.“