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Inbegriff des Einzelkämpfers: Warum Sam Altman 80 Milliarden Dollar wert ist

OpenAI-Gründer Sam Altman - Copyright: Win McNamee/Getty Images
OpenAI-Gründer Sam Altman - Copyright: Win McNamee/Getty Images

Am Ende des Dramas zeigte Sam Altman Größe: „Wir werden alle auf die eine oder andere Weise zusammenarbeiten, und ich bin so aufgeregt. Ein Team, eine Mission“, schrieb der alte und neue CEO des Chat GPT-Unternehmens OpenAI via X, vormals Twitter. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits bewiesen, dass er und das Team in der Firma eine Einheit bilden – und dass beim Milliarden-Startup OpenAI nichts ohne Altmans Team geht.

Begonnen hatte das Drama um den Chat GPT-Erfinder mit einem Putsch gegen den Chef: Die vier Direktoren im Verwaltungsrat des Unternehmens hatten mehrheitlich dafür gestimmt, ihn zu feuern. Die Reaktion der Belegschaft zeigte, wie sehr die vier Revolutionäre unterschätzt hatten, dass OpenAI ohne die Person Altman derzeit nicht denkbar ist.

Prompt kündigten nach der Demission des CEO sein Vize Greg Brockmann und diverse weitere Top-Forscher. In einem eilends angesetzten Gespräch zwischen Altman und seinem Management-Team auf der einen Seite und dem restlichen Verwaltungsrat auf der anderen, machten Altmans Leute deutlich: Ohne ihn gehen auch sie. Wenig später unterzeichneten 90 Prozent der 800 Mitarbeiter einen Brief mit einem Ultimatum: Entweder mit Altman – oder ohne uns.

OpenAI drohte ein Fiasko. Denn wie für jede andere Top-Firma im Bereich künstliche Intelligenz (KI) gilt hier: Das Team ist das Unternehmen, an wenigen Schlüsselpersonen hängen Milliardenbewertungen. „Eine erfolgreiche KI-Firma benötigt gute Trainingsdaten, genügend Rechenleistung und ein Team, dass daraus etwas bauen kann. Die ersten beiden Zutaten kann man einkaufen. Aber gute Teams sind aktuell sehr rar“, kommentiert Aljoscha Burchardt, Forscher für KI-Sprachmodelle beim Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI).

Selbst kleine KI-Startups werden aktuell zu hohen Preisen aufgekauft, allein weil die Käufer die Forschungsteams für sich einsetzen wollen – vergangene Woche etwa kaufte AirBnB das zwei Jahre alte Startup Gameplanner für 200 Millionen Dollar, um das Team für sich einzusetzen. „Es ist aktuell immer noch einfacher und günstiger, ein Team zu kaufen als über zwei Jahre hinweg die Expertise selbst zu erarbeiten“, kommentierte der US-Strategie-Analyst Bill Gately den Deal auf der Plattform LinkedIn.

Der Fall OpenAI hat noch dazu eine völlig andere Dimension: Mit etwa 80 Milliarden Dollar wurde OpenAI in der letzten Beteiligungsrunde bepreist, eine absurd hohe Summe für eine Firma mit gerade einmal etwa 800 Angestellten. Jeder Mitarbeiter repräsentiert im Schnitt einen Firmenwert von 100 Millionen Dollar. Selbst Transfers von Top-Fußballspielern sind billiger.

„Wir sind so was von zurück“

Die Loyalitätsbezeugungen seines Teams für Altman beweisen dann auch, für wie wichtig die Mitarbeiter ihren Chef im Gesamtgefüge halten. Altman selbst ist weder brillanter Forscher noch begnadeter Programmierer, seine Spezialität liegt im Zusammenstellen und Führen erfolgreicher Startup-Trupps. Als Präsident des Startup-Beschleunigers Y Combinator bewies er von 2011 an sieben Jahre lang, dass sich Erfolg in der Startup-Welt reproduzieren lässt. Dieses Wissen brachte er mit zu OpenAI und baute das beste KI-Team der Welt.

Vermittelt wurden die Verhandlungen im Streit mit Altman und dem Verwaltungsrat von Microsoft-CEO Satya Nadella, der sein Zehn-Milliarden-Dollar-Investment in OpenAI gefährdet sah. Zu Recht, denn Altmann und sein Team machten deutlich: Wo Altman hingeht, gehen auch seine Top-Forscher und Manager hin. Als die Gespräche am Sonntag zu scheitern drohten, verkündete Nadella öffentlich die Gründung einer Auffanggesellschaft bei Microsoft für Altman und Kollegen, auch um einen Kurssturz bei Microsoft zu verhindern.

„Wir freuen uns darauf, schnell zu handeln und ihnen die Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die sie für ihren Erfolg benötigen.“ Nadella wusste: Dieses Team ist die derzeit vermutlich wertvollste Angestellten-Truppe der Welt. Es galt um jeden Fall zu verhindern, dass ein Konkurrent Altman oder seine Leute einsammelt – koste es, was es wolle.

Gehen die Forscher, nehmen sie ihre Erfahrungen mit

Gerade weil die Technologie für künstliche Intelligenz so schnell voranschreitet, sind KI-Firmen von ihren Top-Forschern abhängig. Das gilt umso mehr für OpenAI, wo Teile des Programmcodes für jeden einsehbar veröffentlicht wurden. Das gelte erst recht, da nur die an der Entwicklung direkt beteiligten Experten genau wüssten, wie Trainingsdaten ausgewählt, wie Trainings-Parameter gewichtet werden, erklärt Forscher Burchardt. „Da geht es viel um Erfahrungswissen, um Ausprobieren, viele Prozessschritte werden wahrscheinlich gar nicht sauber dokumentiert.“

Die Entwicklung von generativer künstlicher Intelligenz gleicht aktuell ein wenig der Alchemie der Renaissance: Nur die Forscher selbst wissen, welche Zutaten sie in den Kessel geworfen haben, und selbst sie können ihre Ergebnisse oftmals weder erklären noch genau reproduzieren. Gehen die Forscher, nehmen sie ihre Erfahrungen mit. Selbst wenn sie ihre Ergebnisse dokumentiert haben, können ihre Nachfolger nicht einfach den Faden wieder aufnehmen. „Hinzu kommt, dass es viele teure Trainingsstunden auf Supercomputern kosten kann, bis ein neues Team ein Ergebnis reproduzieren kann“, sagt Burchardt.

Mehr noch: Da die Technologie so rasend schnell voranschreitet, wird jede Verzögerung zum Problem: Das Wissen von vor drei Monaten verliert so rasant an Wert, dass einer Firma wie OpenAI ohne ihre Mitarbeiter nichts bleibt, was die Milliardenbewertungen rechtfertigen würde. Zu fragil ist das KI-Ökosystem noch, zu schnell können die Kunden zur Konkurrenz wechseln.

Das wissen auch die Wettbewerber: Am Montag tauchten dutzende Postings im Karrierenetzwerk LinkedIn und auf X auf, in denen OpenAI-Forschern der Himmel auf Erden versprochen wurde. Sales-Force CEO Marc Benioff versprach jedem OpenAI-Entwickler, der zu ihm kommen wollte, jedes konkurrierende Gehaltsangebot zu übertreffen, Bewerbungen direkt an ihn. Diverse ähnliche Angebote von Forschungsleitern bei Meta und kleineren KI-Startups folgten. Die Branche hatte Blut geleckt.

Doch die OpenAI-Entwickler waren sich ihres Wertes bewusst und wussten, dass sie gemeinsam mit Altman mehr bekommen als Einzelkämpfer. Jeder von ihnen besitzt Anteile an OpenAI, die sie zu Multimillionären machen, sobald die Firma verkauft oder an die Börse gebracht würde. Gehen sie, sind diese Anteile wertlos. Diese Erwartung können auch Meta und Co aktuell nicht übertreffen.

Altman selbst könnte von KI ersetzt werden

Am Dienstag veröffentlichte Altman-Vize Greg Brockmann ein Foto des jubelnden OpenAI-Kernteams, dazu die Worte „Wir sind so was von zurück“. Parallel versicherte Altman, er werde alles dafür tun, „das Team und seine Mission zusammenzuhalten“ und mithilfe von Nadella die Partnerschaft mit Microsoft auszubauen.

Für den Microsoft-CEO ist dieser Ausgang des Dramas um Altman der bestmögliche: Das OpenAI-Team bleibt zusammen, seine Ergebnisse stehen Microsoft zur Verfügung. Gleichzeitig aber bleibt die Verantwortung für alle künftigen Probleme bei Altman und seiner Firma. Die hat bereits das nächste Ass im Ärmel, das den Wert des Teams um Altman noch einmal vervielfachen könnte: Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Firma an einer neuen Iteration seiner Algorithmen namens Q* arbeitet.

Diese sollen insbesondere beim Lösen komplexer strategischer und logischer Aufgaben so gut funktionieren, so mächtig sein, dass der Verwaltungsrat den Missbrauch fürchtete und die Revolution gegen Altman startete. Altman bestand auch diese Probe, und machte sich unangreifbar, vorerst jedenfalls. Sollten die Befürchtungen der Aufseher wahr werden, könnten Strategen wie Altman künftig von Algorithmen wie Q* ersetzt werden.

Dieser Text erschien zuerst bei Welt.