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Geteilte Skiwelt in Europa

Blume, Jakob Hofer, Joachim Imwinkelried, Daniel Wermke, Christian
·Lesedauer: 7 Min.

Im Streit um den Wintersport zeigt sich Europa gespalten: In der Schweiz haben die meisten Pisten geöffnet, in den Nachbarländern steht das Geschäft fast komplett still.

Kaum ein Land in Europa wurde von der zweiten Corona-Welle so hart getroffen wie die Schweiz – trotzdem sind die Pisten fast alle offen. Foto: dpa
Kaum ein Land in Europa wurde von der zweiten Corona-Welle so hart getroffen wie die Schweiz – trotzdem sind die Pisten fast alle offen. Foto: dpa

Dicht an dicht stehen Skifahrer und Snowboarder nebeneinander. Auch wenn nur 50 Personen in der Kabine erlaubt sind: in der „Rotair“-Seilbahn ist es an diesem Sonntagmorgen so eng wie in einer gut ausgelasteten U-Bahn. Viereinhalb Minuten braucht die Gondel, um die Fahrgäste auf mehr als 3000 Meter zu bringen, Panoramablick über die Zentralschweiz inklusive.

„Wir hoffen, Sie ab dem 30. Dezember wieder begrüßen zu dürfen“, sagt der Fahrer. Dann öffnen sich die Türen und die Wintersportler drängen nach draußen, um auf dem Titlisgletscher bei Engelberg, eine gute Autostunde von Zürich, die womöglich letzten Schwünge des Jahres zu fahren. Denn: Seit diesem Dienstag stehen die Bahnen im Skigebiet für eine Woche still. So wie im gesamten Kanton Obwalden. Offiziell nicht wegen der Corona-Ansteckungsgefahr in den Gondeln, sondern wegen der ausgelasteten Krankenhäuser: „Eine zusätzliche Belastung durch Skiunfälle ist momentan nicht zumutbar“, heißt es vom Kanton.

Lange Zeit war die Schweiz das einzige Land Europas, das die Skigebiete offen ließ. Ab dem 22. Dezember brauchen Bergbahnen jedoch eine Betriebsgenehmigung. Neben Obwalden untersagen zumindest einige Kantone in der Zentralschweiz den Skibetrieb über Weihnachten. Andere Gebiete, etwa die großen Wintersport-Regionen Bern, Wallis und Graubünden, bleiben jedoch dauerhaft geöffnet. Man wolle damit den Inlandstourismus aufrechterhalten, heißt es vom Schweizer Bundesrat. Denn Besucher aus dem Ausland gibt es gerade kaum: Viele Länder haben strikte Quarantäneregeln für Schweiz-Rückkehrer, das schreckt ab.

Der Streit um den Skizirkus ist symptomatisch für das europäische Corona-Krisenmanagement. Es zeigt sich gespalten. Während Deutschland, Frankreich und Italien das Skifahren seit Wochen Corona-bedingt verbieten, halten große Teile der Schweiz die Pisten offen. Selbst Österreich, im März mit Ischgls Après-Ski noch einer der größten Corona-Hotspots Europas, fährt den Betrieb an Weihnachten wieder hoch. Die Schweiz ist kein EU-Mitglied und für ihre politischen Sonderwege bekannt. Doch die Ski-Strategie inmitten der Pandemie ist umstritten. .

Kaum ein Land Europas wurde von der zweiten Corona-Welle so hart getroffen. Zwar hat das Land den rasanten Anstieg der Fallzahlen von Anfang November vorerst gestoppt. Doch noch immer liegt die Zahl der Ansteckungen mit rund 490 pro 100.000 Einwohner deutlich über den Nachbarländern Deutschland, Österreich und Italien. Selbst Aristomenis Exadaktylos, oberster Notfallmediziner der Schweiz, zeigte sich jüngst in der „NZZ“ beunruhigt über das Ansteckungsrisiko in der Gondel. „Aus Solidarität mit dem Gesundheitspersonal müsste man über die Weihnachtstage auf das Skifahren verzichten.“

Die Kritik der EU-Nachbarn lässt die Schweizer Regierung indes abperlen. Die Schweiz reagiere nicht auf den Druck anderer Länder, sagte Gesundheitsminister Alain Berset kürzlich. Er räumte aber auch ein, dass der Kurs dem Ruf des Landes schaden könnte. Zumindest bei einigen französischen Bergbewohnern nahe der Grenze hat das Land neue Fans gewonnen: Der Bürgermeister von Châtel ließ kürzlich aus Protest gegen die strikten Regelungen aus Paris sein Rathaus in Schweizer Fahnen einhüllen.

Italiens Wintertourismus liegt brach

Im Südtiroler Gadertal wäre es ein perfekter Saisonstart geworden. „Oben auf 2000 Metern türmt sich der Schnee zwei Meter hoch“, sagt Unternehmerin Marina Crazzolara. Ideale Skifahrbedingungen. Aber ihr Apartmenthaus ist geschlossen, das Restaurant verwaist. Lediglich die Käserei und ihre fünf Hofläden spülen Geld in die Kasse. Vor allem die Ungewissheit zehre an den Nerven, sagt Crazzolara. „Wir brauchen ein Datum, wann wir tatsächlich öffnen dürfen.“ Eigentlich wäre das nach dem Willen der italienischen Regierung der 7. Januar. Aber in Corona-Zeiten können sich solche Zusagen schnell überholen.

Seit November stehen die mehr als 2100 Lifte im Land still. Giuseppe Conte war der erste Regierungschef, der sich konsequent für eine Schließung des Skizirkus starkmachte – und letztendlich auch die meisten EU-Nachbarn überzeugen konnte. Für Italiens Tourismusbranche ist das ein erneuter Schlag in einem ohnehin verkorksten Jahr. Elf Milliarden Euro setzt der Wintertourismus normalerweise um, knapp 28 Millionen Besucher zählten die Skigebiete noch in der Saison 2018/2019. Der Verband Federturismo rechnet aktuell mit Umsatzverlusten in Höhe von 70 Prozent.

Längst haben Hoteliers und Bergbahnbetreiber das Weihnachtsgeschäft abgeschrieben. Auch, weil die Regierung extreme Reisebeschränkungen rund um die Festtage erlassen hat. Kaum jemand darf an den Feiertagen seine Gemeinde verlassen, geschweige denn zum Ferienhaus in die Berge fahren. Das ganze Land ist für zehn Tage eine „rote Zone“, die Italiener sind größtenteils zu Hause eingesperrt. Auch wenn die Hotels theoretisch öffnen dürften: Es gibt keine Gäste.

Obendrein liegt das Schicksal der Italiener in den Händen der Nachbarländer. Selbst wenn die Anlagen am 7. Januar wieder öffnen dürften: Solange sich der Rest Europas im Lockdown befindet, lohnt der Liftbetrieb kaum. „Wir brauchen die Bewegungsfreiheit in Europa“, sagt Andy Varallo, Präsident von Dolomiti Superski, einem gewaltigen Skiverbund mit 130 Bahnbetreibern. Ein Drittel seiner Gäste stammt aus Deutschland.

Varallo und die gesamte Branche sehen sich zunehmend als Spielball der Politik. Bis heute seien noch keine Hilfen für die betroffenen Unternehmen auf den Weg gebracht worden, klagt Varallo. Die Österreicher bekämen hingegen einen großen Teil des entgangenen Umsatzes erstattet. Das verzerre den Wettbewerb. Immerhin hat Italiens Regierung angekündigt, die Betreiber entschädigen zu wollen. Einzelne Regionen wie die Lombardei oder die Abruzzen sind sogar schon mit Hilfen vorgeprescht. Doch es fehlt die Planungssicherheit.

„Wir verstehen, dass die Gesundheit Vorrang hat“, sagt Unternehmer Varallo. Aber nach den Ferien sei die Zeit, endlich wieder loszulegen. Er schätzt, dass den Bahnbetreibern durch die Betriebspause bis zum Dreikönigstag bis zu einem Viertel ihres Umsatzes entgeht. Doppelt bitter, weil sie im Sommer mehr als 95 Millionen Euro in moderne Anlagen investiert haben. Skitickets lassen sich nun abstandskonform online bestellen, per App können Gäste sogar die Lift-Auslastung einsehen.

Dass Corona gleich das Ende des Massentourismus einläutet, glauben sie in Südtirol allerdings nicht. „Niemand wird deshalb das Skifahren aufgeben“, meint Manager Varallo.

Österreicher dürfen Heiligabend loswedeln

Österreich will einen zweiten Hotspot wie Ischgl in jedem Fall vermeiden. Die bislang gesperrten Lifte dürfen zwar an Heiligabend wieder öffnen – allerdings nur unter strikten Bedingungen. Die Kapazitäten der Bahnen sind auf die Hälfte beschränkt, in den Kabinen müssen Skifahrer eine FFP2-Maske tragen. Strengere Regeln als etwa in der Wiener U-Bahn. Bis zum 18. Januar werden sich auf den Pisten ohnehin nur Einheimische tummeln: Die Hotels bleiben weiter geschlossen, seit dem 19. Dezember gelten für Ausländer rigide Einreiserestriktionen.

Für die großen Skigebiete im Westen des Landes sind das unerfreuliche Aussichten. Allein von den Einheimischen können die Betreiber nicht leben, die Anlagen sind auf ausländisches Publikum ausgelegt. In Tirol beispielsweise stammen rund 90 Prozent der Wintergäste aus dem Ausland, die Schneesportler aus Deutschland machen die Hälfte aus. Trotzdem wollen die meisten Betreiber zumindest einen Teil der Anlagen an Heiligabend in Betrieb nehmen. Er sei gespannt, wie viele Österreicher kommen werden, sagt Jakob Falkner, Chef der Bergbahnen von Sölden. „Es wird aber auf jeden Fall ein Defizitgeschäft sein.“

Die Hoteliers haben sich mit der Situation abgefunden. Dazu tragen auch die Entschädigungen des Staates bei. Er ersetzt den Gastbetrieben im Dezember die Hälfte des entgangenen Umsatzes. Zudem können Hotels und Bahnen beim Finanzministerium den „Fixkostenzuschuss II“ beantragen: Mit dem Geld sollen die Unternehmen ihre fixen Ausgaben wie Miete oder Versicherungen zumindest teilweise decken können.

Von einer Konkurswelle im Tourismus mag in Österreich noch niemand reden. Man hofft, mit den jetzigen Beschränkungen zumindest das Geschäft im Ferienmonat Februar und an Ostern zu retten. Doch auch wenn es den Hotels in den vergangenen Jahren gelungen ist, immer mehr Gäste anzuziehen: „Um die Rentabilität der Betriebe war es aber weniger gut bestellt“, meint Oliver Fritz, Ökonom beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Spätestens nach der Wintersaison könnte es zu ersten Pleiten kommen.