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Das sind die Gründe für den Personalmangel in der Luftfahrt und Flugindustrie

Flughäfen wie der BER haben mit dem erhöhten Passagieraufkommen und Personalmangel zu kämpfen.  - Copyright: Christoph Soeder/picture alliance via Getty Images
Flughäfen wie der BER haben mit dem erhöhten Passagieraufkommen und Personalmangel zu kämpfen. - Copyright: Christoph Soeder/picture alliance via Getty Images

Es ist keine Überraschung, wenn ihr euch derzeit Sorgen um eure Flugreisen macht. Delta, Lufthansa, British Airways, Southwest, EasyJet, Alaska und JetBlue stehen auf der langen Liste der Fluggesellschaften, die Hunderte Flüge gestrichen haben. Das Ergebnis waren lange Warteschlangen an den Flughäfen, verlorenes Gepäck und große Enttäuschung.

Die Gründe für die Unterbrechungen sind vielfältig und reichen von schlechtem Wetter bis hin zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Der am häufigsten genannte Grund: das fehlende Personal.

Ein Lufthansa-Sprecher sagte uns auf Anfrage: "Die gesamte Luftfahrtbranche insbesondere in Europa leidet aktuell unter Engpässen und Personalmangel. Dies betrifft insbesondere Flughäfen, Bodenverkehrsdienste, die Flugsicherung und damit in der Folge auch Airlines." Lufthansa habe "zahlreiche Maßnahmen umgesetzt" und rekrutiere "nach Möglichkeiten zusätzliches Personal, um die größtmögliche Stabilität des Flugplans sicherzustellen und damit ihren Fluggästen bestmögliche Planungssicherheit zu bieten". Bereits vor einigen Wochen habe Lufthansa deshalb unter anderem gut 900 Flüge für den Monat Juli aus dem System genommen. Die Streichungen betrafen die Wochentage Freitag, Samstag und Sonntag.

Doch auch viele äußere Faktoren sorgen laut dem Sprecher für Probleme. "Streiks der Flugsicherheit, Wetterereignisse und insbesondere eine erhöhte Corona-Krankenquote haben das System nun zusätzlich belastet." Der bundesweite Anstieg der Zahl an Corona-Infektionen, der derzeit zu beobachten ist, mache auch vor Lufthansa und ihre Mitarbeitenden keinen Halt. "In den vergangenen Tagen kam es zu kurzfristigen Krankmeldungen unserer Crews. Diese industrieweiten Herausforderungen haben dazu geführt, dass Airlines europaweit weitere Flüge aus dem System nehmen müssen, darunter auch Lufthansa, um Verkehrsspitzen abdecken zu können", so der Sprecher weiter.

Streichungen sollen keine Urlaubsziele betreffen

Die Folge ist ein ausgedünnter Flugplan. Für den Sommer wird Lufthansa nun weitere 2200 von insgesamt rund 80.000 Flügen an den Drehkreuzen in Frankfurt und München aus dem System nehmen – auch an den übrigen, bislang weniger betroffenen Wochentagen. "Die Streichungen betreffen insbesondere innerdeutsche und innereuropäische Flüge, jedoch nicht die in der Ferienzeit gut ausgelasteten klassischen Urlaubsziele. Darüber hinaus kann es auch zu Zeitenänderungen bei Flügen kommen", so der Sprecher. Für die erste Septemberhälfte will Lufthansa in der nächsten Woche weitere 600 Flüge von insgesamt rund 15.000 geplanten Flügen streichen.

"Fluggäste werden bei Stornierungen umgehend informiert und nach Möglichkeit auf passende Lufthansa Flüge umgebucht", so der Sprecher weiter. Alternativ könnten Fluggäste innerdeutsch mit der Bahn zu den Flughäfen anreisen.

Business Insider hat mit zwei Luftfahrtberatern und einem Gewerkschaftsvorsitzenden darüber gesprochen, warum die Branche mit Personalmangel zu kämpfen hat.

Das Personalproblem in der Luftfahrtbranche ist kompliziert

Der Arbeitskräftemangel ist "nicht schwarz-weiß", sagte John Strickland von JLS Consulting. Verschiedene Arbeitgeber innerhalb der Branche seien auf ihre eigene Art und Weise betroffen. Einige litten überhaupt nicht unter einem Mangel, weil sie entweder während der Pandemie einen größeren Teil ihres Personals behalten oder länger Unterstützungspakete von ihren Regierungen erhalten hätten.

Auch wenn die Annullierungen für die Fluggäste sehr störend seien, machten sie nur einen kleinen Teil der weltweiten Flüge aus, sagte er.

Die Pandemie hat die Probleme der Airlines verstärkt

Wie in vielen anderen Branchen war der Personalmangel schon vor der Pandemie ein Dauerproblem, doch die Pandemie verschärfte es noch, da die Fluggesellschaften gezwungen waren, Tausende Mitarbeiter zu entlassen. Neues Personal zu finden, gestaltet sich als schwierig. Das sieht auch Fraport-Chef Stefan Schulte so: "Es ist eben schon ein Unterschied, ob ich morgen in einem Corona-Testcenter anfange oder am Flughafen", zitiert der „Aero Telegraph“ ihn.

Die Branche habe hohe Anforderungen an die Qualifikation und Zuverlässigkeit der Mitarbeiter. "Alleine die erforderliche Sicherheitsüberprüfung kann mehrere Wochen dauern, bis jemand bereit ist", erklärt Schulte. Oxford Economics schätzt, dass im September 2021 weltweit 2,3 Millionen Menschen weniger in der Luftfahrt arbeiten werden als zu Beginn der Pandemie, berichtet die "Financial Times".

Hinzu kommt ein angespannter Arbeitsmarkt nach der Pandemie, der es einigen Luftfahrtunternehmen erschwert, neue Mitarbeiter einzustellen, da diese höhere Gehälter fordern oder über ihre Karriere nachdenken. "Die Leute sind nicht bereit, den Job zu den vorher angebotenen Gehältern anzunehmen, sodass die Airlines mehr zahlen müssen, um die gleichen Leute zu bekommen", sagte Gupta.

"Im Moment ist die Arbeit an einem Flughafen noch stressiger als sonst"

Im Allgemeinen seien die Verantwortlichen der Branche "zu optimistisch gewesen, was die Bereitschaft der von ihnen entlassenen Leute angeht, zurückzukommen", sagte Mike Clancy, Generalsekretär der Gewerkschaft Prospect. Die Gewerkschaft vertritt Fluglotsen, lizenzierte technische Ingenieure und Spezialisten für Flugverkehrssysteme in Großbritannien. "Im Moment ist die Arbeit an einem Flughafen noch stressiger als sonst – weil die Reisenden nicht glücklich sind", sagte Clancy.

Bundesweit fehlen Tausende Fachkräfte

Auch an den deutschen Flughäfen gibt es Engpässe und lange Wartezeiten. "Derzeit fehlen nach Angaben der Flugverkehrswirtschaft in allen Bereichen rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", berichtete kürzlich das Bundesverkehrsministerium. Die Flughafenbetriebsräte schätzen den Gesamtbedarf bundesweit sogar auf 5500 Kräfte.

Am Wochenende beginnen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen die Ferien. Der Flughafen Düsseldorf rechnet in dieser Zeit mit drei Millionen Passagieren – fast so vielen wie vor der Corona-Pandemie.

Doch ausgerechnet in den Tagen vor dem Ferienstart häuften sich bei der Lufthansa-Tochter Eurowings an den beiden größten NRW-Flughäfen Düsseldorf und Köln die Flugabsagen. Ein Grund dafür sei ein unerwartet hoher Krankenstand, sagte eine Unternehmenssprecherin. Auch Eurowings sei vom aktuellen Anstieg der Corona-Infektionen nicht verschont geblieben. Bereits Anfang Juni hatten Eurowings und ihr Mutterkonzern Lufthansa wegen Personalmangels für Juli 900 Flüge gestrichen.

Die Flughäfen treffen jedoch bereits Vorkehrungen. In Düsseldorf soll die Bundespolizei das Personal bei den Sicherheitskontrollen verstärken. Und der Flughafenbetreiber Fraport in Frankfurt will angesichts der Personalengpässe sogar Mitarbeiter aus der Verwaltung bis hin zum Vorstand bei der Abfertigung einsetzen.

Niemand kann sagen, wie lange das Flug-Chaos noch anhält

Den Chefs der Fluggesellschaften wird vorgeworfen, nicht schnell genug gehandelt zu haben, um Personalengpässen entgegenzuwirken, und zu optimistisch Tickets für Flüge verkauft zu haben, von denen sie wussten, dass sie sie nicht bedienen könnten.

Strickland, der früher in der Netzplanung von Fluggesellschaften tätig war, besteht darauf, dass die Chefs angesichts von zwei Jahren der Ungewissheit, der aufkommenden Covid-19-Varianten und der sich ständig ändernden Reisebeschränkungen nicht in der Lage gewesen seien, angemessen zu planen, weil ihr normaler Planungszyklus unterbrochen worden sei.

Die Flut von Stornierungen, die die Branche erlebt, sei ein Versuch, die Kapazitäten zu verringern und den Betrieb zu stabilisieren. Wie lange diese Phase dauert, kann niemand sagen.

Die Aufhebung der Auflage, dass internationale Reisende in die USA negativ auf Corona getestet werden müssen, dürfte den internationalen Flugverkehr weiter ankurbeln. Gupta weist darauf hin, dass viele ostasiatische Fluggesellschaften den internationalen Flugverkehr noch nicht wieder vollständig aufgenommen haben. "Ich glaube, der Sommer wird holprig und unruhig", sagte Strickland. "Es gibt viele Unwägbarkeiten."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original könnt ihr hier lesen. / Mit Material der DPA.

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