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„Empfehlen Sie vielleicht direkt den Kauf eines Teslas?“: So scharf attackierte Betriebsratschefin Daniela Cavallo VW-Chef Herbert Diess vor der Belegschaft

·Lesedauer: 10 Min.
Daniela Cavallo, Betriebsratsvorsitzende bei VW.
Daniela Cavallo, Betriebsratsvorsitzende bei VW.

Im Wolfsburger VW-Konzern stehen die Zeichen auf Sturm. Am Hauptsitz des Unternehmens in der niedersächsischen Tiefebene schlagen die Wogen hoch nach einer überaus kämpferischen Rede der VW-Betriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo.

Die Amtsnachfolgerin des streitbaren Ex-VW-Vormanns Bernd Osterloh sprach heute Morgen ab 09.30 Uhr in der legendären Halle 11 vor teils um ihre berufliche Zukunft besorgten, oft empörten, vielfach wütenden Beschäftigten. Anwesend bei dem einer Betriebsversammlung ähnlichen Event unter „Corona“-Schutzbedingungen waren unter anderem Stephan Weil, Ministerpräsident des als Aktionär an VW beteiligten Bundeslandes Niedersachsen, sowie Jörg Hofmann, Chef der IG Metall. Und Herbert Diess.

Vor allem ihm, dem Vorstandsvorsitzenden von VW, galten etliche der verbalen Attacken der Daniela Cavallo. Ihr kompletter Redetext liegt Business Insider vor. Nach vergleichsweise milden Begrüßungsformeln und einer kurzen Einleitung schaltete die Chefin von VWs Arbeitnehmervertretung schnell auf Angriff: „Die Belegschaft und wir als Betriebsrat sehen vor allem große Versprechen!“, sagte Cavallo. „Und davon gibt es eine ganze Menge. Ich zähle sie gerne mal für alle auf:

1. Im Zukunftspakt wurde ein Minimum von 820.000 Fahrzeugen für 2020 festgelegt, erreicht haben wir keine 500.000.

2. Vor drei Jahren hat man uns dann sogar eine Million Fahrzeuge für diesen Standort pro Jahr zugesagt. Eine Million Fahrzeuge! Für 2021 erreichen wir, wenn es gut läuft, gerade mal 400.000! Pandemie hin oder her, Teilemangel hin oder her – von diesen Versprechen waren wir davor auch schon Welten entfernt!

3. Und auch in diesem Jahr hat es an Versprechen nicht gemangelt: Man hat uns versprochen, dass wir vor den härtesten sechs Wochen stünden. Nicht gestern oder vorgestern. Im Juni, vor fast 150 Tagen. Rund ein weiteres halbes Jahr Kurzarbeit später stelle ich mir doch ernsthaft die Frage: Wie lange gehen denn diese sechs Wochen? Und wann kommen die ebenfalls angekündigten Sonderschichten? Wir wären froh, überhaupt mal wieder normal produzieren zu können!“

Ein bitteres Armutszeugnis bei den Halbleitern

Zur – für die Belegschaft bitteren – Wahrheit gehöre auch, „dass die Halbleiterkrise uns mindestens noch das nächste Jahr treffen wird, das Unternehmen ist dabei die Produktionsprogramme abzusenken. Es steht uns also ein weiteres schwieriges Jahr bevor. Und wenn die gesetzlichen Regelungen zur Kurzarbeit sich verändern werden, dann bekommen wir erst recht eine harte Auseinandersetzung darüber, was das für Auswirkungen auf die Fahrweise und die Kolleginnen und Kollegen in der Produktion haben wird“.

Sie müsse es „ganz deutlich sagen“, so Cavallo: „Das, was wir bei den Halbleitern sehen, ist ein Armutszeugnis. Es ist ein Armutszeugnis für einen Weltkonzern! Und es ist die Verantwortung von Ihnen, sehr geehrte Konzernvorstände! Zumal es durchaus andere Automobilhersteller gibt, die besser durch die Krise kommen.“

„Andere Automobilhersteller“ – damit dürfte Cavallo etwa den Münchner VW-Wettbewerber BMW gemeint haben, der sich in der branchenweiten Chipkrise vergleichsweise wacker zu behaupten versteht. Insofern dürften bei dieser Passage auch Murat Aksel die Ohren geglüht haben. Den Einkaufsvorstand hatte VW bei BMW abgeworben. Bei der VW-Veranstaltung kam Aksel neben Herbert Diess und VW-Personalvorstand Gunnar Kilian auf der Bühne zu Sitz.

VW-Chef Herbert Diess während der Rede
VW-Chef Herbert Diess während der Rede

Cavallo legte energisch nach: „Was mich an dieser Stelle besonders ärgert: Zugunsten des Konzernergebnisses wird die Marke Volkswagen bei der Verteilung der Halbleiter benachteiligt, und die Fahrzeug-Modelle mit einem höheren Ergebnisbeitrag in den Premiummarken werden stärker versorgt. Das ist erstmal nachvollziehbar und das gehen wir auch mit, aber eins muss Ihnen klar sein: Die Kolleginnen und Kollegen dürfen damit nicht persönlich das Nachsehen haben und wir erwarten, dass es bei den Verhandlungen für unseren Bonus Anfang nächsten Jahres dafür nicht die Quittung gibt!“

Im VW-Konzern gilt es als ein offenes Geheimnis, dass überdurchschnittlich margenstarken Konzernmarken wie Lamborghini, Bentley und Porsche von der Mutter am Mittellandkanal proportional deutlich mehr Halbleiter zugewiesen werden als Volumenlabeln à la Seat, Skoda oder VW Nutzfahrzeuge.

Persönliche Kritik an Diess

Mit so direkter wie harscher Kritik an VW-Führungskräften, in persönlicher Form adressiert vor allem an Konzernlenker Herbert Diess, geizte Cavallo keineswegs: „Da waren öffentliche Testfahrten mit neuen Modellen: Die Kunden warten aber monatelang auf ihre Autos. Herr Dr. Diess war auch Fahrrad fahren im Werk: Das finden wir ja schön und gut, nur müssen leider gerade viel zu wenig Menschen überhaupt im Werk arbeiten, sodass die Frage nach dem Fahrradfahren sich vielleicht nicht ganz so dringend stellt. Ebenfalls auf dem Programm standen Berg-Wanderungen mit den Vorstandskollegen: Team-Events sind für den Zusammenhalt ja wichtig, aber ist es gerade wirklich angemessen, das aktuell zu posten? Zu guter Letzt lässt Herr Dr. Diess keine Gelegenheit aus, sich öffentlich mit einem unserer größten Konkurrenten zu zeigen. Da muss ich Ihnen ehrlich sagen: die Faszination, die Sie offenbar gegenüber Herrn Musk empfinden und den Elan, den Sie in die Kontaktpflege mit ihm stecken, das würden wir Beschäftigten uns auch für unsere aktuell großen Herausforderungen im Konzern sichtbar wünschen“.

Das dürfte gesessen haben bei Herbert Diess & Co., doch bis dahin steckte der vielleicht giftigste Pfeil sogar noch in Cavallos Köcher. Dann ließ sie ihn los: „Und als wäre das nicht genug, stellen Sie sogar Rechenmodelle auf, mit denen Sie vom Kauf eines Verbrenners abraten. Was kommt denn als Nächstes? Empfehlen Sie vielleicht direkt den Kauf eines Teslas? Oder das Fahrrad anstelle des Autos? Sie erzählen überall, dass Sie Volkswagen in die E-Mobilität führen wollen. Alles klar, da sind wir dabei. Diesen Wandel finanzieren wir doch aktuell und auch die kommenden Jahre aber noch über den Verkauf von Verbrennern. Die Autos, die von meinen Kolleginnen und Kollegen auch hier am Standort Wolfsburg gebaut werden und uns zu dem Unternehmen gemacht haben, das wir heute sind – diese Autos ermöglichen uns den Weg in die E-Mobilität. Ich erinnere Sie daran, weil Sie sich ja in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal zum Beispiel mit einem Golf gezeigt haben. Das finden wir schon sehr auffällig!“

Hier allerdings irrte Daniela Cavallo: Herbert Diess hatte sich sehr wohl öffentlich im VW Golf 8 präsentiert. Wie auch immer: Sie selbst sage „ganz deutlich: Ich fahre gerne mit meinem Golf und ich bin stolz, dass wir ihn hier bei uns in Wolfsburg produzieren.“ Für das Volumenmodell liegen VW nach aktueller Aussage von Diess rund 118.000 Bestellungen vor.

Augen- und Ohrenzeugen des Treffens, die Business Insider auf verschiedenen Kanälen mit Live-Informationen vom Geschehen versorgten, berichteten von anhaltenden „standing ovations“ für Cavallo. Für Herbert Diess hingegen soll es zigfach Buhrufe gegeben haben. Zumal er, wie Diess sagte, für einen Dialog direkt im Anschluss an das Treffen in Halle 11 aus Zeitgründen nicht zur Verfügung stehen könne.

Zudem war das Interesse an der Übertragung so gewaltig, dass sich viele Interessenten wegen technischer Überlastung des Systems schlicht nicht mehr in das VW-Intranet einwählen konnten.

Spekulation über Arbeitsplatz-Abbau sei "Unfug"

Diese VW-ler haben auch folgenden Angriff Cavallos auf Diess verpasst: „Ich halte also fest: Sie versorgen uns zwar regelmäßig mit netten Fotos von Ihren Ausflügen, nur mit Halbleitern leider immer noch nicht. Und schon gar nicht mit konkreten Lösungsvorschlägen.

Das einzige, was unsere Beschäftigten die letzten Wochen von Ihnen hören konnten, waren leichtfertige Spekulationen über Arbeitsplatzabbau, wie es immer wieder in der Presse zu lesen ist. Mit einem Federstrich als wäre es nichts, stellen Sie einfach eine Zahl von 30.000 in den Raum. Und brauchen fast 48 Stunden, um sich endlich mal dazu zu äußern – und dann zu sagen: Ach, war alles nicht so gemeint!

Unabhängig davon, dass das völlig absurd ist. Ich stelle mal klar, was das mit den Kolleginnen und Kollegen hier macht, die seit anderthalb Jahren fast durchgängig in Kurzarbeit sind. Sie haben Angst! Angst um ihre Arbeit, um ihre Familien, um ihre Existenz. Und Sie streuen immer wieder Salz in die Wunde und das ohne Not.“

„Unfug“ – mit diesem starken Begriff charakterisierte Cavallo Diess' „Aussagen zur Anzahl der Beschäftigten“. Dann drehte sie den Spieß um, (noch) nicht den Diess, und zog einen Vergleich mit dem US-Erzrivalen Tesla: „In Wolfsburg sind circa 13.000 Menschen direkt mit dem Autobau befasst. Bei Tesla sollen es in Grünheide zwischen 8000 und 10.000 Menschen werden, die pro Jahr 500.000 Autos bauen. Wenn wir mal die festgelegten 820.000 Autos nehmen, die für Wolfsburg angepeilt waren, würden wir im Vergleich immer noch ziemlich gut abschneiden. Es kämen nämlich sehr viel mehr Fahrzeuge auf einen Beschäftigten als bei Tesla. Ich schlüssele Ihnen das beim nächsten Termin gerne einmal detailliert auf. Fakt ist aber: Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord. Nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln! Wir haben hier schon unsere Hausaufgaben gemacht.“

Hier nun komme man „zum Kern des Problems. Im Gegenteil zum Konzernvorstand haben wir als Betriebsrat gemeinsam mit der Belegschaft unsere Zusagen eingehalten. Die Wahrheit ist doch, dass unser Konzernvorstand, für den Sie die Verantwortung tragen, Herr Dr. Diess, es nicht schafft, für die Auslastung unseres Werkes zu sorgen! Also hören Sie auf mit Spekulationen über Stellenabbau und erarbeiten Sie mit uns gemeinsam Lösungen!“

Sie selbst, so Cavallo in aller Deutlichkeit, „habe keine Lust, mich weiter auf Zusagen des Konzernvorstands zu verlassen, die am Ende eh nicht eingehalten werden. Und mehr noch: Wir können es uns auch nicht leisten! Der Aufsichtsrat hat eine Strategie 2030 verabschiedet und die darf nicht nur für Aktionäre und Analysten sein. Sie muss auch mit Leben erfüllt werden! Was heißt das für die Belegschaft und wie wird das umgesetzt? Wenn Sie beim Wandel immer an erster Stelle über einen Arbeitsplatzabbau sprechen, ist das ziemlich traurig. Aber Sie können sicher sein: Wir als Betriebsrat wissen, was wir uns für Wolfsburg vorstellen. Hören Sie vor allem auch Ihrem eigenen Management zu, denn es gibt immens viele Konzepte, die auf ihre Umsetzung warten und voll auf die Strategie einzahlen.“

Ein versöhnliches Ende

Mit konstruktiven Vorschlägen leitete die Betriebsratschefin zum Ende ihrer Kampfrede über. Ihr und der VW-Belegschaft sei „eindeutig bewusst, dass sich sehr viel im Zuge der Elektromobilität und Digitalisierung verändern wird, sogar muss, damit wir auch zukünftig konkurrenzfähig und erfolgreich sein können“. Cavallo fasste es klipp und klar zusammen: „Der Betriebsrat will den Wandel, die Belegschaft will den Wandel, Wolfsburg will den Wandel! Wir wissen, dass wir ihn brauchen, um die Arbeitsplätze zu sichern. Aber eins muss auch klar sein: Den Wandel gibt es nur mit VW-Kultur.“

Mit Blick auf Wolfsburg betonte Cavallo, es sei ihr Anspruch, „dass unser Stammwerk auch in Zukunft der Motor für den Konzern ist“. Dafür benötige das Unternehmen nicht weniger als die modernste Produktion, das beste Personal und den größten Pioniergeist. Sie wisse, so Cavallo, „wie viel Potenzial in unserer Belegschaft steckt“.

Daher ihr Appell: „Lassen Sie es uns gemeinsam ausschöpfen, Herr Dr. Diess. Wir bei Volkswagen brauchen die beste Aus- und Weiterbildung. Mit dem Qualifizierungsbudget, der Fakultät 73 oder der 42 Wolfsburg haben wir eine gute Basis gelegt. Jetzt muss das Budget aufgestockt werden, damit es auch in der Fahrzeugfertigung weitergehen kann! Das beste Personal bekommen wir aber auch, wenn wir einer der attraktivsten Arbeitgeber werden. Hier in Wolfsburg müssen Testläufe für moderne Arbeitsmodelle stattfinden und das nicht nur für den indirekten Bereich, sondern auch für die Produktion. Auch dort geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, es geht aber vor allem um den Schutz der Gesundheit.“

Versöhnliche und optimistische Worte fand VWs oberste Betriebsrätin zum Schluss ihrer Brandrede: „Das ist nicht die erste schwierige Situation oder der erste Wandel, den wir hier bewältigen müssen. Wir standen in der Vergangenheit schon häufig vor großen Herausforderungen und ich kann Ihnen sagen: Wir haben es immer geschafft.“

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