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Elon Musk fährt Twitter gerade voll gegen die Wand – will er die Plattform mit Absicht zugrunde richten?

Warum Elon Musk Twitter nicht zum Guten verändert, erklärt Christopher Lauer in seinem Gastbeitrag. - Copyright: picture alliance / NurPhoto | STR; picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
Warum Elon Musk Twitter nicht zum Guten verändert, erklärt Christopher Lauer in seinem Gastbeitrag. - Copyright: picture alliance / NurPhoto | STR; picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Dieser Artikel ist seine Meinung und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Subtil wie ein Panzer lässt Elon Musk nach dem Kauf des sozialen Netzwerks Twitter keinen Stein auf dem anderen. Der bisherige Vorstand: entlassen. 3700 Mitarbeiter, also fast die Hälfte der gesamten Belegschaft: entlassen. Verifizierte Nutzer – also die mit dem blauen Sticker mit weißem Haken – sollten 20 US-Dollar im Monat zahlen, um verifiziert zu bleiben, was Stephen King auf den Plan rief. Der Bestseller-Autor mokierte sich und teilte mit, eigentlich sollte er dafür bezahlt werden, um Twitter zu nutzen. Damit hat King, dem 6,9 Millionen Menschen auf der Plattform folgen, nicht ganz Unrecht – denn ein Reiz von Twitter ist es ja, Prominenten vermeintlich sehr nah sein zu können.

Musk, der Kings Problem nicht ganz zu verstehen schien und womöglich dachte, King könne sich die 20 US-Dollar im Monat nicht leisten, senkte den Preis darauf hin in einem Tweet (!) an King auf acht Dollar im Monat. Nicht unbedingt das professionellste Gebaren des frisch gebackenen Twitter-CEOs. Jüngsten Berichten zufolge soll sich jetzt am Verifizierungsprozess gar nichts ändern, lediglich der blaue Sticker soll durch ein „Official“ label ersetzt werden.

Unterdessen haben entlassene Twitter-Mitarbeiter Sammelklage gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber eingereicht, da dieser bei den Entlassungen sowohl gegen Bundes- als auch kalifornisches Landesgesetz verstoßen haben soll. Gleichzeitig merkt das Unternehmen, dass möglicherweise die falschen Mitarbeiter entlassen worden sind und bittet einige wieder zurück ins Unternehmen – mit ungewissem Ausgang.

Twitter unter Druck: Die Werbeeinnahmen sinken

Darüber hinaus beschwert sich Musk öffentlich, „Aktivisten“ hätten zu einem massiven Einbruch des Werbeumsatzes der Plattform geführt, was besonders kritisch ist, denn Twitter finanziert sich hauptsächlich durch diese. Der US-Lebensmittelhersteller General Mills stellte nach diesen Aussagen die Werbeaktivitäten auf Twitter ein, ebenso wie General Motors oder Volkswagen, das auch seinen anderen Marken wie Audi und Porsche empfohlen hat, nicht mehr auf der Plattform zu werben. Doch laut der Analyse-Platform MediaRadar sank der Werbeumsatz von Twitter bereits vor Musks Übernahme.

Waren es im Mai 2022 noch 3900 werbende Unternehmen, so fiel diese Zahl im August auf 2300 und stieg im September wieder leicht auf 2900. In der Tat gab es bereits im April 2022 Berichterstattung von Reuters, werbende Unternehmen könnten von Musks sehr radikaler Vorstellung von freier Meinungsäußerung abgeschreckt werden, auf Twitter zu werben. Gleichzeitig verlassen Nutzer die Plattform in Scharen. Alleine zwischen dem 27. Oktober und dem 1. November sollen laut der Plattform Bot Sentinel 875.000 Nutzer ihren Account deaktiviert haben, 500.000 weitere wurden durch Twitter gesperrt.

Musk verursacht maximales Chaos – warum?

Twitters Zukunftsperspektive war schon vor der Übername schwierig, aber Musk hat in weniger als zwei Wochen ein Chaos verursacht, das den Nimbus des genialen Firmenlenkers gewaltig bröckeln lässt. Aber was ist, wenn es in Musks Interesse ist, Twitter gegen die Wand zu fahren und kaputtgehen zu lassen

Musk behauptet zwar, ein radikaler Vertreter der freien Meinungsäußerung zu sein, gleichzeitig empfahl er bei den US-Zwischenwahlen Republikaner zu wählen. Wer das im Jahr 2022 tut, empfiehlt eine Partei, die Joe Bidens Wahlsieg im Jahr 2020 leugnet, die offen antisemitische Kandidaten zu Wahlen aufstellt und dort, wo sie in den Bundesstaaten eine Mehrheit hat, Gesetze erlässt, die Menschen systematisch daran hindern, an Wahlen teilzunehmen. Der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich geht so weit, die Republikaner als faschistisch zu bezeichnen. Weiterhin ist Musk dafür bekannt, gegen Menschen vorzugehen, die sich kritisch über ihn oder seine Unternehmen äußern.

Twitter wiederum war bis zu Musks Übernahme eine Plattform, die sich auf die Fahnen geschrieben hatte, Rassismus, Antisemitismus und Hassrede im Allgemeinen zu moderieren. Das führte nicht nur zu einer permanenten Sperre Donald Trumps (gegen die sich Musk aussprach), sondern auch eben dazu, dass es konservative und rechte Accounts auf Twitter schwer hatten, wenn sie nicht in der Lage waren, sich an die gängigen Formen des Umgangs zu halten. Ohne dies belegen zu können, beschwerten sich Konservative auch darüber, vom Twitter-Algorithmus benachteiligt zu werden, etwas, worum sich Elon Musk ebenfalls kümmern will.

Es war nicht alles perfekt, aber als langjähriger Twitter-Nutzer kann ich aus erster Hand sagen, dass sich die Plattform in Sachen Hassrede tatsächlich verbessert hatte.

Rechte in den USA haben also nicht ohne Grund andere Soziale Netzwerke wie Parler und „Truth Social“ geschaffen; letztere Plattform wurde von Donald Trump persönlich gegründet. Dabei ist es frappierend, dass die Plattformen fast haargenau Twitter nachempfunden sind. Allein, niemand möchte gerne seine Zeit mit ungehobelten Rassisten verbringen, was sich in den geringen Nutzerzahlen widerspiegelt. Zwar schaffen es Trumps Posts auf „Truth Social“ ab und zu in die Medien, sie entfalten aber bei weitem nicht die Wirkung, die er noch hatte, als er die Welt mit seinen Tweets in Atem hielt.

Ohne Twitter würde ein Kommunikationsraum fehlen, in dem Zivilgesellschaft, Politik und Medien miteinander im Diskurs stehen. Das Fehlen dieses Raums könnte aber durchaus im Interesse Musks sein, wenn dadurch diejenigen geschwächt werden, die er politisch im anderen Lager verortet. Es ist vielsagend, dass Musks den Aktivisten, die seiner Meinung nach für Twitters Werbeumsatzeinbrüche verantwortlich sind, vorwirft, sie wollten die Meinungsfreiheit in Amerika zerstören. Macht er das vielleicht selbst?

Natürlich kann hier entgegnet werden, dass 44 Milliarden Dollar eine etwas große Investition sind, um ein Soziales Netzwerk zu zerstören. Allerdings machen die weniger als ein Viertel seines Vermögens aus. Selbst wenn man die 44 Milliarden Dollar von seinem Vermögen abzieht, wäre Musk noch immer der zweitreichtse Mann der Welt.

Und Musk muss Twitter ja auch nicht in die Insolvenz treiben. Es würde ja schon reichen, das Gesprächsklima so zu vergiften, dass die Plattform an Relevanz einbüßt, Nutzer entnervt aufhören und dadurch einen Kanal für ihre Botschaften verlieren, Twitter aber dabei gerade noch so viel Geld mit Werbung verdient, dass Musk am Ende bei Null rauskommt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Tech-Milliardär aus dem Silicon Valley unter hohem Mitteleinsatz ein Medium zugrunde richtet. Peter Thiel, Musks Geschäftspartner aus PayPal-Zeiten, finanzierte über Jahre Rechtsstreitigkeiten gegen die Nachrichtenseite Gawker, weil diese 2007 einen Artikel über ihn veröffentlicht hatte, der ihn geoutet haben soll.

Thiel unterstützte daraufhin den Wrestler Hulk Hogan mit zehn Millionen Dollar in einem Rechtsstreit gegen Gawker, weil die Webseite ein Video veröffentlicht hatte, das Hogan beim einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit der Frau eines Radiomoderators zeigte. 2016 wurden Hogan 140 Millionen Dollar zugesprochen, Gawker verglich sich mit ihm über 31 Millionen Dollar, musste in Zuge dessen jedoch Insolvenz anmelden. Hierauf versuchte Thiel, die Reste Gawkers zu kaufen, mutmaßlich, um den Artikel über ihn aus 2007 aus dem Netz nehmen zu können. Dies scheiterte, aber Thiel hatte sein Hauptziel erreicht, eine Seite zerstört, die sich kritisch mit ihm und anderen Persönlichkeiten aus dem Silicon Valley auseinandersetzte.

Christopher Lauer ist Politiker und Journalist, war von 2009 bis 2014 Mitglied der Piratenpartei. Nach einem kurzen Stopp bei der SPD ist er nun bei den Grünen. Von 2011 bis 2016 war er Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Zudem war er 2015 als Berater für Datensicherheit beim Axel Springer Verlag tätig, zu dem auch Business Insider gehört.

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