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Dax rutscht zum Handelsschluss tief ins Minus – Fed-Chef Powell schürt Pessimismus

Jerome Powells Warnung vor einer lang anhaltenden Krise drückt alle 30 Dax-Werte ins Minus. Auch für den Gesamtmarkt gilt: Anleger sollten ihren Blick abwärts richten.

Nachhaltige Entspannung ist an den Märkten noch nicht in Sicht. Foto: dpa

Der Aktienmarkt zeigte sich an diesem Mittwoch von seiner schwachen Seite. Zum Handelsschluss notierte der Dax 2,6 Prozent im Minus bei 10.543 Zählern. Für den MDax der mittelgroßen Werte ging es nur um gut ein Prozent auf 23.546 Punkte nach unten.

Neben der Furcht vor den negativen Folgen zu schneller Lockerungen in der Coronakrise belasten Aussagen des US-Notenbankchefs die Märkte. Jerome Powell warnte vor einer längerfristigen Wirtschaftsschwäche durch die Coronavirus-Pandemie. Dies führte auch an der Wall Street zu Kursrückgängen. Der Dow Jones verlor in den ersten Handelsstunden etwa 300 Punkte oder gut ein Prozent, der breiter aufgestellte S & P 500 hielt sich zunächst besser, näherte sich später aber ebenfalls der Verlustmarke von minus einem Prozent.

Den Gesamtmarkt aller in Deutschland gehandelten Aktien schauten sich die Experten der Landesbank Helaba an. Ihre Erkenntnis: Das Verhältnis von Gewinnern zu Verlierern sowie die Handelsvolumina auf beiden Seiten sind bemerkenswert und negativ zu bewerten.

Am Montag verbuchten 382 Titel Kursgewinne, für 474 ging es abwärts. Das Handelsvolumen auf der Verliererseite war jedoch um das Fünffache höher, was eher für weiter fallende Kurse spricht. Zudem notieren noch immer 26 aller 30 Dax-Werte unterhalb der 200-Tage-Linie, die den langfristigen Trend vorgibt.

Auch die Aussichten für die Unternehmensgewinne in Europa verschlechtern sich im Zuge der Coronavirus-Pandemie weiter. Demnach ist im zweiten Quartal bei den im paneuropäischen Börsenindex Stoxx 600 gelisteten Unternehmen im Schnitt mit einem Ergebnisrückgang um 46,7 Prozent zu rechnen, wie der Datenanbieter Refinitiv an diesem Mittwoch mitteilte.

Fokus auf den Banken

Für das dritte Quartal gehen Analysten von einem Minus von 35,1 Prozent aus. Damit korrigierten die Experten ihre Prognosen im Vergleich zur Vorwoche weiter nach unten. Ökonomen haben wenig Hoffnung, dass die Weltwirtschaft vor dem ersten Quartal 2021 wieder auf die Beine kommen wird.

Im Fokus am heutigen Tag steht mal wieder die Bankenbranche. Denn die Commerzbank hat neue Zahlen vorgelegt und schneidet im ersten Quartal in der Coronakrise noch schlechter ab als von Analysten erwartet. Sie rechnet mit einem Anstieg der Risikovorsorge, was der Aktie ein Minus von annähernd sechs Prozent auf 3,02 Euro beschert. Damit rutscht das Commerzbank-Papier in Richtung Allzeittief, das im März dieses Jahres mit 2,80 Euro erreicht wurde.

Das Interesse der Hedgefonds, auf fallende Kurse beim Commerzbank-Papier zu setzen, hält sich allerdings bislang in Grenzen. Mit einer Short-Spekulation von 2,24 Prozent aller frei handelbaren Aktien liegt diese Quote der Hedgefonds im Vergleich zu Werten bei Wirecard oder Lufthansa vergleichsweise niedrig. Beim Online-Zahlungsdienstleister und der Kranich-Airline sind es jeweils mehr als zehn Prozent.

Auch die Deutsche Bank stellt sich auf einen harten Verlauf der Coronakrise ein. Ungeachtet dieser Warnungen hält Vorstandschef Christian Sewing aber an den von ihm ausgegebenen Finanzzielen für das Jahr 2022 fest. Dennoch verliert die Aktie fast sechs Prozent und zählt damit zu den größten Verlierern im Dax.

Der europäische Branchenindex der Banken, der Euro Stoxx Banks rutschte um fast vier Prozent ab.

Apropos Wirecard: Dem Online-Zahlungsdienstleister steht wegen der Kursturbulenzen in den vergangenen Jahren die erste gerichtliche Auseinandersetzung bevor. Die Rechtsanwaltskanzlei Tilp reichte am 12. Mai Klage gegen den Zahlungsabwickler ein und stellte einen Antrag auf Einleitung eines Musterverfahrens.

Der Vorwurf lautet: Das Unternehmen habe sich wegen einer Reihe von falschen, unterlassenen sowie unvollständigen Kapitalmarktinformationen gegenüber seinen Aktionären schadensersatzpflichtig gemacht, erklärte die Kanzlei. Betroffen seien alle Aktienkäufe vom 24. Februar 2016 bis 27. April 2020.

Das Papier verlor zwischenzeitlich mehr als fünf Prozent und war am Vormittag noch größter Dax-Verlierer. Mit einem Kurs von rund 82 Euro näherte sich der Titel wieder seinem Mehrjahrestief von 79,68 Euro, das die Aktie im März markierte. Zum Handelsschluss liegt der Kurs bei 85,62 Euro, ein Minus von gut einem Prozent. Noch Mitte April 2020 lag der Kurs bei über 140 Euro.

Bekommen nun die Hedgefonds mit ihren massiven Spekulationen auf fallende Wirecard-Kurse recht? Schließlich sind aktuell mindestens 10,02 Prozent der frei handelbaren Wirecard-Aktien in den Händen von Leerverkäufern, wie aus den Daten des „Bundesanzeigers“ hervorgeht. Das sind 12,38 Millionen Aktien.

Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse, indem sie Aktien eines Unternehmens beispielsweise bei Investmentfonds leihen und verkaufen. Um diese Aktien nach Ablauf der Frist wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen – natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.

Das heißt, dass die Leerverkäufer insgesamt 12,38 Millionen Aktien zurückkaufen müssen, wenn alle ihre Wetten schließen wollen. Zum Vergleich: Am gestrigen Dienstag wurden insgesamt nur gut drei Millionen Wirecard-Aktien gehandelt.

Im Kleinwerte-Index SDax kommt es zu einem außerplanmäßigen Wechsel. Der Bürovermieter Godewind Immobilien verlässt den Index. Mit seinem Widerruf der Zulassung zum regulierten Markt erfülle Godewind Immobilien das notwendige Kriterium einer Mitgliedschaft im SDax nicht mehr. Der Fahrzeugleasinganbieter Sixt Leasing werde in den SDax neu aufgenommen, doch die Aktie verlor im Handelsverlauf knapp 0,5 Prozent.

Diese Änderungen würden zum 15. Mai 2020 wirksam. Der nächste Termin für die planmäßige Überprüfung der Dax-Indexfamilie ist der 4. Juni 2020.

Blick auf andere Asset-Klassen

Der Goldpreis wird seit mehreren Tagen in der Spanne um die 1700 Dollar gehandelt. Auch am Mittwoch bewegte sich der Preis zunächst kaum von der Stelle, stieg über den Tag aber wieder um 0,7 Prozent auf 1715 Dollar an. Vermutlich dürfte es beim Goldpreis bald zu einer neuen Richtungsentscheidung kommen.

Die Anzeichen sprechen für weiter steigende Kurse. „Mit dem Coronavirus scheint sich auch das Virus der Negativzinsen immer weiter auf dem Globus auszubreiten“, meint Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst der Commerzbank.

So habe der stellvertretende Gouverneur der Bank von England gestern in einem TV-Interview die Möglichkeit einer Zinssenkung unter null nicht ausgeschlossen. In der Nacht hat die neuseeländische Zentralbank neben der Verdopplung des Volumens ihrer Anleihekäufe auch eine weitere Zinssenkung in Aussicht gestellt. Sie schließt dabei auch einen negativen Leitzins nicht aus.

Auch in den USA preisen die sogenannten „Fed Fund Futures“ eine gewisse Wahrscheinlichkeit für negative US-Leitzinsen im nächsten Jahr weiterhin ein. „Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde dies Gold einen weiteren massiven Schub geben“, meint Fritsch.

Blick auf Einzelwerte

Tui: Der Reisekonzern will wegen des Geschäftseinbruchs durch die Corona-Pandemie rund 8000 Arbeitsplätze abbauen. Die Verwaltungskosten sollen um 30 Prozent sinken, Investitionen zurückgefahren werden. Die Aktie hat einen dramatischen Kurseinbruch hinter sich. In den vergangenen drei Monaten hat das Papier 75 Prozent an Wert verloren. Nach deutlichen Verlusten zum Handelsauftakt notierte das Papier zum Handelsschluss bei knapp drei Euro.

Leoni: Der angeschlagene Autozulieferer hat die Verluste zum Start ins neue Jahr trotz der Coronakrise zumindest verringern können. Unter dem Strich stand im ersten Quartal ein Minus von 67 Millionen Euro nach einem Verlust von 132 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Leoni hatte sich Ende April Staatshilfen gesichert. Der Bordnetzspezialist erhielt neue Kredite in Höhe von 330 Millionen Euro, die größtenteils von Bund und Ländern garantiert wurden. Das Unternehmen steckte schon vor Corona in der Krise. Die Aktie hatte sich nach Verlusten am Morgen zunächst wieder ins Plus vorgearbeitet, gab diese Gewinne aber wieder ab und notierte zum Handelsschluss fast fünf Prozent im Minus bei 6,08 Euro.

Deutsche Wohnen: Der Immobilienkonzern hat nach einem Ergebnisrückgang im ersten Quartal seine Ziele für das Gesamtjahr bekräftigt. Das Papier steigt in dem schwachen Marktumfeld um gut ein Prozent. Deutsche Wohnen verzichtet wegen der Coronakrise auf Kündigungen infolge von Zahlungsschwierigkeiten der Mieter und pausiert derzeit mit Mieterhöhungen. Rund 1100 Mieter hätten bereits um Hilfen gefragt.

Salzgitter: Der niedersächsische Stahlkonzern ist zum Jahresauftakt in die roten Zahlen geraten. Der Vorsteuerverlust wird sich nach Angaben des Vorstandes im Gesamtjahr infolge der Coronakrise wohl im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich auftürmen. Der Umsatz werde sich merklich reduzieren. Aktionäre reagieren mit Verkäufen, das Papier verliert fast 14 Prozent.

Was die Charttechnik sagt

Der Versuch, die 11.000er-Marke zurückzuerobern, ist zunächst gescheitert. Nun sollten Anleger ihren Blick auf die Unterstützungszone im Bereich von 10.300 Punkten richten.

Denn dort befindet sich ein Sammelsurium von wichtigen Unterstützungen. Unter anderem liegt dort mit 10.279 Zählern das Tief vom Dezember 2018, der Ausgangspunkt für die Rally bis Februar 2020. Und bei 10.250 Zählern liegt ein Verlaufstief, von dem aus der Dax wieder steigen konnte.

Dazu gesellt sich auch die 50-Tage-Linie mit aktuell 10.336 Zählern. Diese Linie ist ein Indikator für den mittelfristigen Trend.

Auf der Oberseite liegen im Bereich um 11.000 Punkte bedeutende Widerstände. Bei 11.025 Punkten liegt beispielsweise die 50-Prozent-Korrektur der Baisse seit Februar. Denn diese Marke entspricht der Mitte der Abwärtsbewegung von 13.795 auf 8255 Zähler.

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