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Warum der Corona-Crash nicht das Ende der Aktien-Hausse bedeuten muss

Nach den jüngsten Entwicklungen infolge der Coronavirus-Verbreitung sind die Börsen ernsthaft angeschlagen. Dennoch gibt es fünf Gründe, die für eine Fortsetzung des großen Aufwärtstrends sprechen.

Der deutsche Leitindex Dax fiel am Mittwoch in der Spitze auf den tiefsten Stand seit mehr als viereinhalb Monaten. Foto: dpa

Die Turbulenzen, die das Coronavirus an den Märkten hinterlässt, erreichen in ihrer Dynamik das Ausmaß der letzten großen Korrektur von 2018. Damals verloren die führenden Aktienmärkte an die 20 Prozent. Müssen Anleger auch jetzt wieder mit ähnlichen Verlusten rechnen oder droht sogar das Ende des großen Aufwärtstrends? Die Börsen sind ernsthaft angeschlagen, doch es gibt auch Gründe, die für eine Fortsetzung des großen Trends sprechen.

Erstens: Die Unsicherheit über Ausbreitung und Folgen der Viruskrankheit wird die Aktienmärkte in den nächsten Wochen in Atem halten. Dennoch besteht die Chance auf unerwartete und gute Nachrichten.

Als die ersten Meldungen über das Coronavirus aufkamen, haben die Börsen praktisch gar nicht reagiert. Jetzt gibt es kein Thema mehr, um das die Ängste der Anleger so kreisen wie um das gefährliche Virus. Der Grund für diese extreme Sichtweise liegt weniger in der Unter- oder Überschätzung, zu der Märkte gern neigen, sondern vielmehr darin, dass dieses Problem selbst noch ungelöst ist. Medizinisch gibt es weder einen Impfstoff noch ein auf das neue Virus zugeschnittenes Medikament. Bis ein solches Mittel neu entwickelt ist, kann es Jahre dauern. In China werden deshalb Medikamente erprobt, die eigentlich für andere schwere Infektionskrankheiten entwickelt wurden, etwa für Ebola oder Sars, und die schon eine gewisse Wirksamkeit gezeigt haben. Es ist also durchaus möglich, dass sich mit bestimmten Präparaten eine vorbeugende oder heilende Wirkung erzielen lässt. An den Märkten würde eine solche Meldung sicherlich zu einem Erholungsrally führen.

Zweitens: Kurzfristig sind die wirtschaftlichen Risiken des Coronavirus kaum quantifizierbar, mittelfristig sind Nachholeffekte wahrscheinlich.

Nur um 0,1 Prozentpunkte, so meinte vor kurzem der IWF, werde sich das weltweite Wirtschaftswachstum wegen des Coronavirus abschwächen. Der jüngste Ifo-Index fiel sogar stärker aus als erwartet. In beiden Fällen wurde dem Coronavirus keine besonders einschneidende Wirkung zugeordnet. Das, was an den Märkten passiert, spricht allerdings eine andere Sprache: Von Adidas bis Apple, von Lufthansa bis Volkswagen spüren Unternehmen einen tiefen Einschnitt und rechnen mit einer deutlichen Beeinträchtigung ihres Geschäftsverlaufs. Damit ist absehbar, dass die Zahlen zum ersten Quartal deutlich schlechter ausfallen werden als bisher erwartet. Und das wird sich dann auch in den allgemeinen Wirtschaftsdaten niederschlagen. Zudem dürften viele Anleger die Zahlen der Unternehmen erst einmal abwarten wollen, bevor sie grundlegende Investitionsentscheidungen treffen. Die Zitterpartie an den Märkten kann damit bis April oder Mai dauern.

Allerdings, gerade weil das Coronavirus zu einer unerwarteten Lähmung der wirtschaftlichen Aktivitäten und der Geschäfte der Unternehmen führt, ist danach ein Aufholeffekt wahrscheinlich. Das betrifft Urlaubsreisen von Verbrauchern genauso wie Investitionen von Unternehmen oder das Wiederauffüllen leergekaufter Lagerbestände im Handel. Unterm Strich könnte es auf diese Weise sogar dazu kommen, dass 2020 wirtschaftlich gar kein so schlechtes Jahr wird – mit einer schwächeren ersten Halbzeit und einer stärkeren zweiten Hälfte.

Drittens: Die Konjunkturrisiken führen dazu, dass die Notenbanken die Zinsen womöglich länger im niedrigen oder negativen Terrain halten.

Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen, die wichtigste Zinskurve am Kapitalmarkt, hat mit 1,36 Prozent einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen ist mit minus 0,5 Prozent nicht mehr weit vom Allzeittief von minus 0,7 Prozent entfernt. Obwohl die amerikanische Fed vor Kurzem darauf hingewiesen hat, dass sie die Zinsen nicht senken wolle, zeigen die Trends am Kapitalmarkt steil nach unten. Dass es vor der Präsidentenwahl im November zu einer Zinssenkung der Fed kommt, ist unwahrscheinlich. Allerdings stehen den Notenbanken auch noch andere, stillere Möglichkeiten zur Verfügung, die Märkte mit Liquidität zu versorgen. Sowohl Fed als auch EZB dürften die aktuelle Entwicklung mit Argusaugen betrachten und notfalls stützend eingreifen.

Viertens: Die Megatrends, von denen die Börsen angetrieben werden, sind nicht abhängig vom Coronavirus.

Die geringsten Kursverluste an den Börsen weisen (neben den künstlich gestützten chinesischen Aktien) die Technologiebörsen auf. Während Dax und Dow Jones bis auf oder sogar unter ihre Durchschnittslinien der vergangenen 200 Börsentage gefallen sind, ist bei Nasdaq und TecDax noch Luft. Darin spiegelt sich die Stärke der Branchen wider, die von den großen Trends getragen werden: Digitalisierung, neue Energien oder neue Mobilität. Selbst wenn es bei Technologieprodukten wegen Lieferschwierigkeiten zu Stockungen kommt, dürfte anschließend der Aufholeffekt umso größer sein. Es ist unwahrscheinlich, dass wegen des Coronavirus etwa weniger Halbleiter gebraucht werden, weniger Windparks in Betrieb gehen oder weniger Elektroautos auf die Straßen kommen. Und für die Pharma-, Gesundheits- und Biotechbranche könnte die akute Krise um die Gefahr von Infektionskrankheiten sogar zu einem neuen Schub führen.

Fünftens: Trotz heftiger Kursverluste behaupten zahlreiche Dax-Aktien ihren mittel- bis langfristigen Trend

Obwohl die Kursabschläge im Dax mittlerweile sogar unter die 200-Tage-Linie gingen, haben sich durch den Corona-Crash erst bei einem Teil der Aktien die Kursbilder merklich eingetrübt. Im Einzelnen ist dies der Fall bei Adidas, Beiersdorf, Lufthansa, Deutsche Post, Henkel, MTU und Volkswagen. Das muss nicht bedeuten, dass es hier zwangsläufig zu weiteren Kursverlusten kommt. Dennoch müssten diese Aktien in den nächsten Wochen schon sehr deutlich zulegen, um ihren alten Trend wieder zurückzuerobern. Ob sie das in einem wackligen Umfeld schaffen, ist fraglich.

Bei der zweiten Gruppe von Dax-Werten lag schon bisher ein latenter Abwärtstrend vor, der durch die Corona-Krise zusätzlich verstärkt wurde. Dazu zählen BASF, BMW, Continental, Covestro, Daimler, HeidelbergCement und Siemens. Ein Spezialfall bleibt die Wirecard-Aktie, die wegen ihrer besonderen Unternehmensprobleme seit Jahren hektische Schwankungen aufweist. Unter kurstechnischem Blickwinkel sind diese Aktien kurzfristig wenig interessant, mehr als vorübergehende Erholungsreaktionen sind nicht zu erwarten.

Bei der Hälfte der Dax-Werte hingegen liegt bisher (26. Februar mittags) noch keine Veränderung des mittel- bis langfristigen Trends vor, obwohl es auch hier heftig eingeschlagen hat. Dazu zählen Allianz, Bayer, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Deutsche Telekom, Münchener Rückversicherung, RWE, E.On, SAP, FMC, Fresenius, Infineon, Linde, Merck und Vonovia. In Sicherheit wiegen können sich Besitzer dieser Papiere zwar auch nicht, dennoch sollten diese Aktien bei einer Erholung des Gesamtmarkts vorn dabei sein.

Fazit für den Dax: Wenn der Dax in vier Tagen in der Spitze zehn Prozent verliert, ist das ein Markt im Crash-Modus. Diese enorme Abwärtsdynamik sollte kein Anleger auf die leichte Schulter nehmen. Selbst wenn es, etwa im weiten Bereich der 200-Tage-Linie um 12.500 bis 12.600 Punkte, zu einer Erholung kommt, wäre danach wahrscheinlich noch ein zweiter Abschlag zu erwarten. Und sollten das noch einmal zehn Prozent werden, könnte es auch dieses Mal zu ähnlichen Verlusten wie 2018 kommen.

Dennoch, die Chancen auf eine Eindämmung der Krankheit, auf wirtschaftlichen Nachholbedarf, niedrige Zinsen und die Kraft der Megatrends sprechen dafür, dass die Börsen mit einer heftigen Korrektur davonkommen und der Corona-Crash nicht das Ende der Aktien-Hausse bedeutet.

Kurzfristig kommt es nun darauf an, wie die Kurserholung nach den jüngsten Abschlägen ausfällt. Optimal wäre es, wenn der Dax bald eine Erholung in Richtung 13.000 Punkte starten würde, danach noch einmal ein paar Tage abdriftet, aber dabei nicht mehr weit unter 12.500 rutscht. Fehlt dem Dax dazu die Kraft, droht ein empfindlicher Ausverkauf. Der könnte dann zügig bis 11.500 Punkte gehen.