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Commerzbank bereitet Klage gegen Wirtschaftsprüfer EY vor

Holtermann, Felix Bender, René
·Lesedauer: 4 Min.

Das Geldhaus gehörte zu den Kreditgebern von Wirecard und musste wegen der Pleite 187 Millionen Euro abschreiben. Zumindest einen Teil will sich die Bank zurückholen.

Anfang September hatte die Bank bereits angekündigt, dass sie EY als Wirtschaftsprüfer der eigenen Bilanz den Rücken kehren wird. Foto: dpa
Anfang September hatte die Bank bereits angekündigt, dass sie EY als Wirtschaftsprüfer der eigenen Bilanz den Rücken kehren wird. Foto: dpa

Dem Wirtschaftsprüfer EY droht nach dem Wirecard-Desaster eine Schadensersatzklage der Commerzbank. Die Bank hat die Frankfurter Dependance der britisch-australischen Großkanzlei Ashurst damit beauftragt, eine Klage vorzubereiten. Das wurde dem Handelsblatt aus Unternehmenskreisen bestätigt.

Ein Commerzbank-Sprecher wollte den am Mittwoch veröffentlichten Bericht auf Anfrage nicht kommentieren. Auch EY lehnte eine Stellungnahme ab.

Die Prüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) steht wegen ihrer Rolle als langjähriger Abschlussprüfer der insolventen Wirecard in der Kritik. Der inzwischen aus dem Leitindex Dax verbannte Münchener Zahlungsdienstleister hatte im vergangenen Juni Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und in der Folge Insolvenz angemeldet. Die Münchener Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wirecard mindestens seit 2015 Scheingewinne auswies, und ermittelt wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs.

Die Commerzbank hatte Wirecard als Führer eines 15 Banken umfassenden Konsortiums eine revolvierende Kreditlinie von 200 Millionen Euro eingeräumt. Insgesamt stellten die Banken Darlehen von 1,75 Milliarden Euro bereit. Von diesen waren rund 90 Prozent gezogen. Die teilstaatliche Commerzbank musste in der Folge im zweiten Quartal des vergangenen Jahres 187 Millionen Euro abschreiben.

Die Bank muss nun versuchen, sich zumindest einen Teil davon per Schadensersatzklage zurückzuholen – allein, um nicht von den eigenen Aktionären wegen Untätigkeit belangt zu werden. Alles andere wäre für eine Aktiengesellschaft nicht darstellbar, heißt es in Frankfurt. Bis die Klage eingereicht wird, könne es aber noch Wochen dauern.

Für die Klage gegen EY, über die zuerst das „Manager Magazin“ berichtete, hat die Commerzbank mit dem Frankfurter Büro der britischen Kanzlei Ashurst eine Adresse gewählt, die zu den langjährigen Beratern des Geldhauses gehört. Für derartige Klagen zählt sie hierzulande gleichwohl nicht zu den bekanntesten Sozietäten.

Im Raum stehen exorbitante Summen

Finanzkreisen zufolge sind die Anwälte der Commerzbank noch nicht auf EY zugegangen, um zu testen, ob sich die Prüfgesellschaft einen Vergleich vorstellen kann. Im Raum stehen im Fall einer Verurteilung exorbitante Summen, die für EY Deutschland nicht zu leisten wären. Zeigt sich EY gegenüber der Commerzbank verhandlungswillig, könnte das als deutliches Signal für viele weitere Klagen gewertet werden.

Eine erste Schadensersatzklage gegen EY hatte die Kanzlei Schirp & Partner für die Berliner Investmentgesellschaft Invivo Capital bereits kurz nach der Wirecard-Insolvenz eingereicht. Invivo Capital besaß zahlreiche Wirecard-Aktien und macht gegenüber EY einen Schaden von gut 9,5 Millionen Euro geltend. Diese Argumentation dürfte eine Blaupause für Tausende andere Anlegerklagen sein, die EY drohen.

EY hatte die Wirecard-Bilanz elf Jahre lang geprüft und dabei zehn Jahre in Folge ein uneingeschränktes Testat vergeben, trotz eigener Zweifel am Wirecard-Management in Asien. Als die Prüfer 2020 das Testat verweigerten, weil sie Hinweise auf gefälschte Bankbestätigungen für ein angebliches Treuhandvermögen auf den Philippinen erhielten, schlitterte Wirecard in die Pleite.

Anfang September hatte die Commerzbank bereits angekündigt, dass sie EY als Wirtschaftsprüfer der eigenen Bilanz den Rücken kehren wird. Der Aufsichtsrat habe beschlossen, der Hauptversammlung 2021 einen Wechsel des Abschlussprüfers für das Geschäftsjahr 2022 vorzuschlagen, teilte der Frankfurter MDax-Konzern seinerzeit mit.

Vor Kurzem hatte sich die Commerzbank von ihrer Analystin Heike Pauls getrennt. Diese hatte bis kurz vor dem Untergang Wirecard die Treue gehalten, einen Journalisten der Zeitung „Financial Times“ als „Serientäter“ bezeichnet und kritische Presseberichte als „Fake News“ abqualifiziert.

Dabei wurde Wirecard intern bei der Commerzbank schon deutlich länger kritisch beäugt. Darüber hatte zuletzt der Commerzbank-Risikochef Marcus Chromik vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages berichtet. Demnach sei bei der Bank im Frühjahr 2019 die Entscheidung zu einem schrittweisen Ausstieg aus der Kreditbeziehung mit Wirecard gefallen.

Gründe seien ein Geldwäscheverdacht und Zweifel an Wirecard-Geschäften in Südostasien gewesen. Den potenziellen Ausfall des Kredits habe man seinerzeit indes nicht befürchtet, betonte der frühere Commerzbank-Chef Martin Zielke ebenfalls vor dem Ausschuss.

Der Untersuchungsausschuss wird in den kommenden Wochen auch EY-Mitarbeiter anhören, die mit der Prüfung von Wirecard befasst waren. Ebenfalls befragt werden soll der EY-Deutschlandchef Hubert Barth.

Auf Druck des Bundes hat EY bereits vier Großaufträge eingebüßt. Vor einem Monat meldete das Handelsblatt, die Prüfgesellschaft werde ihr Mandat bei der Deutschen Telekom verlieren. Davor hatten neben der Commerzbank bereits die Fondsgesellschaft DWS und die staatseigene Förderbank KfW EY zunächst als neuen Prüfer bestimmt, dann aber einen Rückzieher gemacht. Und wie es in Berlin nun heißt, werde EY noch länger einen schweren Stand bei öffentlichen Aufträgen haben.