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Bis zu 1649 Euro teuer: Apple launcht die Hochpreis-Smartphones iPhone XS und XS Max – doch das iPhone XR ist der heimliche Star

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Alle Augen auf das bunte iPhone XR: Das neue LCD-iPhone könnte Apples neuer Bestseller werden (Foto: AP)


Aller guten Dinge sind drei: Wie erwartet hat Apple gestern auf seiner mit Spannung erwarteten Keynote in Cupertino gleich drei neue iPhones im Design des Vorgängermodells iPhone X vorgestellt. iPhone XS, iPhone XS Max und das iPhone XR machen deutlich, dass Apple-Smartphones weiter der Goldstandard der Techbranche bleiben. Doch Fanboys müssen einen immer höheren Preis für die Designprodukte mit dem Apfel-Logo bezahlen.  

Am Ende gelingt Apple sogar Selbstironie. Der Tech-Gigant kann sie sich schließlich leisten: Im vergangenen Monat durchbrach Apple als erstes privat geführtes Unternehmen an der Wall Street die magische Bewertungsmarke von einer Billion Dollar und sprintete von Allzeithoch zu Allzeithoch – kein Unternehmen war jemals wertvoller als Apple in diesen Tagen.

Maßgeblich getragen wird  Apples Gipfelsturm an der Börse vom großen Hype um die neuen iPhones,  die der Kultkonzern aus Cupertino gestern auf seiner neuen Keynote vorstellte. Doch Apple-CEO Tim Cook schien etwas vergessen zu haben – etwa die Demo-iPhones?  “Wer kann es mir beschaffen?”, twitterte Cook wenige Minuten vor Beginn der Keynote in einer vermeintlich für alle sichtbaren Direct Message auf Twitter.

Die Auflösung folgte wenig später im “Mission Impossible” nachempfundenen Eröffnungsvideo der Keynote. Auf den altmodischen Klicker, mit dem Cook und der Rest der Apple-Manager durch die Präsentation navigieren, wartete der Apple-Chef scheinbar vergebens, nicht auf die neuen iPhones. Nun ja.

Die standesgemäße Inszenierung des wahrscheinlich begehrtesten Verbraucherelektronikproduktes der Welt folgte wenig später im gewohnten Bombast-Stil. Dabei war das Überraschungspotenzial auch dieser Keynote wie schon im Vorjahr äußerst gering: Blogs wie 9to5Mac konnten nicht nur im Vorfeld die Namen der neuen iPhones in Erfahrung bringen, sondern hatten sogar erste Marketingbilder der neuen Apple-Smartphones in die Hände bekommen.

“iPhone XS ist vollgepackt mit Technologien der nächsten Generation”

So stellten Tim Cook und Marketing-Chef Phil Schiller gestern im Steve Jobs Theater auf dem neuen Firmencampus in Cupertino drei Nachfolger zum kontroversen Vorgängermodell iPhone X vor, die längst als Konsens gelten. Auf das vor einem Jahr im Randlos-Look gelaunchte iPhone X folgt nun in alter Apple-Tradition ein optisch praktisch identisches S-Modell: das iPhone XS, das weiter mit einer Bildschirmdiagonale von 5,8 Zoll ausgeliefert wird, aber unter der Oberfläche verbessert wurde.

Das iPhone XS kommt wie auch der Vorgänger mit einem OLED-Display, nun aber mit einem schnelleren A12 Bionic Chip, einem weiterentwickelten Dual-Kamerasystem, verbessertem Stereosound, einem schnelleren Gesichtsscanner Face ID, längerer Akkulaufzeit und erstmals Dual SIM für zwei SIM-Karten daher. “iPhone XS ist vollgepackt mit Technologien der nächsten Generation. Der enorme Fortschritt bringt das Smartphone der Zukunft einen Schritt näher”, pries Marketingchef Phil Schiller eines der beiden neuen Flaggschiffmodelle an.   

Apple reizt Hochpreisstrategie bei iPhone XS Max aus

Am stolzen Preis hat sich nichts geändert: Wie das iPhone X kostet auch das iPhone XS in der Einstiegsversion mit nur 64 GB Speicher, der angesichts immer größerer Datenmengen nur den wenigsten Kunden reichen dürfte, in Deutschland happige 1149 Euro. Wem das nicht reicht, wird für mehr Speicherplatz kräftig zur Kasse gebeten: 1319 Euro kostet wie im Vorjahr die 256 GB-Version und gar happige 1549 Euro die neu eingeführte Variante mit 512 GB Speicherplatz.

Doch der wertvollste Konzern dreht weiter an der Preisschraube und bringt wie erwartet auch eine Maxi-Version des iPhone XS in 6,5 Zoll heraus – “das größte Display, das je in einem iPhone verwendet wurde”, wie Schiller anmerkt –, das deshalb folgerichtig als iPhone XS Max auf den Markt kommt. Die Größe lässt sich Apple erwartungsgemäß fürstlich bezahlen: Das iPhone XS Max, das mit identischen Spezifikationen wie das iPhone XS, aber mit einer leistungsfähigeren Batterie ausgeliefert wird, die bis zu 1,5 Stunden länger halten soll als das iPhone X, startet bei 1249 Euro (64 GB), kostet in der mittleren Variante 1419 Euro und in der XXL-Variante gar 1649 Euro!

Das sind Preisdimensionen, zu denen zahlreiche Apple-Produkte in vielfacher Ausführung erhältlich wären: Für den Preis bekäme man etwa zwei Modelle des iPhone 7 Plus, fast vier neue Apple Watches der vierten Generation mit EKG-Funktion, die Apple gestern ebenfalls vorstellte oder sogar fast fünf iPads. Erhältlich sind das iPhone XS und XS Max ab dem 21. September; vorbestellt werden können die beiden Hochpreis-iPhones bereits morgen.

Das iPhone XR ist ein Novum

Ob Apple mehr Modelle seiner beiden neuen OLED-iPhones verkauft als vom Vorgänger iPhones X, das überraschenderweise nach einem Jahr schon wieder vom Markt genommen wird, bleibt angesichts der aggressiven Bepreisung, durch die Apple den Durchschnittsverkaufspreis (ASP) seiner Smartphones weiter steigern dürfte, abzuwarten.

Entscheidend für Apples viel beschworenen “iPhone-Superzyklus”, der nach verkauften Stückzahlen in diesem Jahr ausgefallen ist, wird dagegen das dritte Modell, das Apple gestern vorstellte und anhand seiner Verarbeitung den beiden Flaggschiffen etwas hinterherzuhinken  scheint: das neue iPhone XR. Schon der Name macht deutlich, dass es sich um eine echte Neuheit in der Produktlinie handelt: Ein Modell mit Beschreibung “R” hat es in der elfjährigen iPhone-Historie bislang noch nicht gegeben. Der Name dürfte sich vom LCD-Display ableiten, das Phil Schiller als “Liquid Retina” beschreibt.

iPhone XR könnte neuen Superzyklus starten

Das iPhone XR kommt wie im Vorfeld prognostiziert ebenfalls im Look des iPhone X mit einem randlosen Display daher, das es auf die neue Bildschirmdiagonalen-Größe von 6,1 Zoll bringt. Gefertigt ist das iPhone XR aus einem Aluminium-Gehäuse und damit vermeintlich weniger wertig als das Stahl-Chassis der beiden OLED-Geräte, wird aber in den zusätzlichen Farben Rot, Blau und Gelb ausgeliefert. Unter der Oberfläche kann es das iPhone XR dagegen fast mit den beiden S-Varianten aufnehmen (inklusive Face ID): Lediglich beim Kamerasystem werden durch den fehlenden optischen Zoom leichte Abstriche zu den Highend-Modellen erkennbar, die den meisten Kunden egal sein dürften.

Apple-Fans und solche, die es werden möchten, bekommen nämlich mit dem iPhone XR ein brandneues Apple-Smartphone im Look des iPhone X zu einem deutlich günstigeren Preis. So startet das iPhone XR nämlich bereits bei 849 Euro – und damit 300 Euro unter dem iPhone XS. Das Preisargument dürfte das iPhone XR zu Apples Joker machen: Während die loyalste und zahlungskräftige Klientel mit zwei Premium-Modellen zufriedengestellt wird, dürfte vor allem mit dem erschwinglicheren iPhone XR, das am Ende ein deutlich aufgewerteter iPhone 8-Nachfolger im modernen Design ist, auf dem Massenmarkt punkten.

Wall Street wegen iPhone XR optimistisch

Das sehen auch Analysten so. Die Investmentbank Piper Jaffray etwa hält wegen des iPhone XR größere Absätze bislang von der Wall Street erwartet für möglich. So rechnet Analyst Michael Olson mit 223 Millionen verkauften Exemplaren im nächsten Geschäftsjahr versus der Konsensschätzungen von 219 Millionen Einheiten.

In die gleiche Kerbe schlägt auch der frühere Piper Jaffray-Staranalyst und heutige Wagnisfinanzierer (Loop Ventures) Gene Munster: “Das echte Produkt (des Abends) ist das iPhone XR”, erklärte Munster gegenüber dem Finanzsender CNBC. “Ich denke, das ‘R’ wird ein Homerun”, ist sich der langjährige Techanalyst, der in den Nullerjahren Apples Potenzial mit dem iPod erkannte, sicher. Kunden müssen allerdings noch einen Monat warten, bevor sie den vermeintlichen Kassenschlager in die Hände bekommen: Das iPhone XR kommt erst ab dem 26. Oktober in den Handel.