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Betriebliche Weiterbildung: Diese digitalen Formate versprechen Abwechslung

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Vorträge und Seminare waren gestern. Heute setzen die Anbieter auf digitale Plattformen und Lernspiele – und bringen Redner wie Elon Musk direkt in die Betriebe.

Kommt im Unternehmen das Thema „betriebliche Weiterbildung“ zur Sprache, schalten viele Mitarbeiter direkt auf Durchzug. Schon der Begriff klingt nach langen Monologen im Seminarraum oder nach seitenlanger und oftmals langweiliger Lektüre.

Das müsste doch auch anders gehen, dachten sich Stefan Peukert und Daniel Schütt. Wie wäre es zum Beispiel mit einem lebendigen Workshop über disruptive Produktentwicklung mit einem Impulsvortrag von Tesla-Chef Elon Musk? Das wäre sicher total interessant, aber erstens unrealistisch und zweitens viel zu teuer. Für ein einzelnes Unternehmen schon, aber nicht für viele gemeinsam, dachten sich die beiden Gründer – und entwickelten die Plattform Masterplan.com.

Seit 2018 ist die digitale Bildungsplattform online, 126 Videolektionen rund um das Thema Digitalisierung sind inzwischen abrufbar, erklärt von Experten wie Investor Frank Thelen, Pascal Finette, dem Gründer der Singularity University im Silicon Valley, oder eben Tesla-Chef Musk.

Mit der Otto Group, Siemens, Audi, Ikea oder der Deutschen Post hat die Plattform bereits namhafte Großkunden gewonnen, die Corona-Pandemie sorgt für einen zusätzlichen Nachfrageschub: „Das Geschäft zieht aktuell stark an. Langfristig wird Masterplan.com von der neuen Arbeitswelt profitieren“, sagt Peukert.

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Die Mehrzahl der Personalverantwortlichen glaubt nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Hays, dass digitale Lernangebote in der betrieblichen Weiterbildung weiter an Bedeutung gewinnen werden. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen setzt bereits Webinare oder Lernvideos ein und plant, das Angebot noch auszuweiten. Präsenzveranstaltungen sollen dagegen zurückgefahren werden.

Zeit- und Kostenvorteile

Neben Zeit- und Kostenvorteilen verschaffen digitale Anbieter ihren Kunden einen Zugang zu hochkarätigen Dozenten, die für herkömmliche Weiterbildungsangebote kaum zu gewinnen wären – ein Ansatz, den auch die Gründer des Mentoring Club für sich entdeckt haben. Die Pro-Bono-Initiative vermittelt Experten, die bereit sind, ihr Wissen über digitale Coachings ehrenamtlich und kostenlos an Berufstätige mit Beratungsbedarf weiterzugeben.

Auch die Weiterbildungsanbieter selbst gehen mehrheitlich davon aus, dass sich der Trend zu digitalen und mobilen Formaten unabhängig von der Corona-Pandemie fortsetzen wird. Das zeigt eine Umfrage des Bundesverbands für betriebliche Weiterbildung – Wuppertaler Kreis. Die meisten Mitglieder verzeichnen für 2020 Umsatzeinbrüche, vor allem bei offenen Seminaren und Tagungen, aber auch bei firmeninternen Weiterbildungen.

Neben kurzfristigen Corona-konformen Angeboten sehen die Dienstleister die Notwendigkeit, sich langfristig an die Lerngewohnheiten jüngerer, digitalaffiner Mitarbeiter anzupassen. Insbesondere das sogenannte Microlearning wächst, kurze knackige Lerneinheiten, die als Video, Quiz, Animation, Podcast oder Erklärtext auf Wissensplattformen angeboten werden und schnell und unkompliziert per Smartphone, Tablet oder Laptop abgerufen werden können.

Auch Trainingsangebote mit Augmented- oder Virtual-Reality- oder Gamification-Elementen werden Experten zufolge Einzug in betriebliche Bildungsangebote halten. Dieser aus den USA stammende Ansatz nutzt spielerische Elemente, um Arbeits- und Lernprozesse interessanter und motivierender zu gestalten. Erfolgreiche Beispiele liefert etwa die Fitnessbranche: Apps wie Runtastic oder Nike Run Club motivieren Freizeitsportler weltweit, sich freiwillig immer neue Ziele zu setzen und konsequent dafür zu trainieren.

Mitarbeiter werden zu Hackern

In Unternehmen könnte Gamification dazu beitragen, die oftmals als langweilig empfundenen Pflichtschulungen aufzupeppen: „Wir haben viele Anfragen von Unternehmen, die Gamification für Themen wie Compliance, Verhaltenskodex oder Datensicherheit einsetzen wollen“, sagt Thomas Immich, Vorstand und Mitgründer der Saarbrücker Firma Centigrade, die unter anderem ein digitales Cybersecurity-Training entwickelt hat, das wie ein Onlinespiel funktioniert.

Statt sich trockene Texte durchzulesen, treten die Mitarbeiter bei „Black Belt IT Security“ als Hacker gegeneinander an. Und wer clevere Pishingmails formuliert oder Hinweise auf Passwörter in den Social-Media-Profilen seiner Gegner findet, bekommt dafür Punkte. Highscores und Rankings animieren dazu, so lange zu spielen, bis die Lerninhalte sitzen.

Auch das Bochumer Start-up Masterplan.com nutzt Gamification-Elemente. So schließt jede Lerneinheit mit einem kurzen Quiz ab. Je nach Punktzahl winkt ein Zertifikat in Gold, Silber oder Bronze. Mitarbeiter können ihre Erfolge einzeln oder als Lernteam mit anderen vergleichen, Unternehmen bestimmte Punktestände als monatliche Lernziele festlegen.

Weiterbildung müsse motivierend und unterhaltsam sein, findet Gründer Schütt: „Wir konkurrieren um die Zeit und die Aufmerksamkeit der Menschen.“ Und so lässt sich die Bildungsfirma einiges einfallen, damit die Lernwilligen abends auf der Couch Masterplan-Inhalte abrufen – statt der Lieblingsserie im Internet.

„Netflix für Weiterbildungen“

So bezeichnen sich die beiden Gründer auch wenig bescheiden als „Netflix für berufliche Weiterbildung“. Doch das Geschäftsprinzip funktioniert in der Tat ähnlich: Für eine monatliche Flatrate pro Mitarbeiter können Unternehmen das komplette Kursangebot nutzen – von digitalem Marketing über New Work bis hin zu Changemanagement, Online-Payments oder IT-Sicherheit reicht das Angebot.

Und wie bei Netflix wird das Programm kontinuierlich ausgebaut. Seit Neuestem können Unternehmen die Videos auch um eigene Inhalte ergänzen und gezielt an Mitarbeiter ausspielen.

Aktuell steckt das junge Unternehmen das Kapital aus zwei Finanzierungsrunden in neue Inhalte, beispielsweise Anleitungen für das Homeoffice. „Die Zukunft des Lernens wird vielseitiger sein als heute, die eine, ultimative Lernmethode gibt es nicht“, sagt Schütt: „Fest steht jedoch, dass jedes Unternehmen zur Bildungseinrichtung werden muss.“