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Wie der BCG-Chef das W-Szenario vermeiden will

Der CEO der Boston Consulting Group sieht viele Länder in der „Kampfphase“. Er sorgt sich über eine zweite Viruswelle – und Rassenungerechtigkeit.

Normalerweise ist Rich Lesser bei Kunden in der Welt unterwegs, im Laufe der Jahre war er dutzendmal in Europa. Dabei trifft der CEO der Boston Consulting Group auch immer wieder Journalisten. Seit 2013 leitet der in Pittsburgh geborene Amerikaner die nach McKinsey weltweit zweitgrößte Strategieberatung mit 21.000 Mitarbeitern und mehr als 90 Büros in rund 50 Ländern.

Doch wegen der Corona-Pandemie ist das Reisen schwierig. So sitzt der BCG-Chef zu Hause in New York das erste Mal in einer virtuellen Presserunde – und spricht aus seinem Arbeitszimmer heraus über diese „wahrhaft beispiellosen Zeiten“.

Beispiellos, weil der 58-Jährige die Welt gleich mit vier Herausforderungen konfrontiert sieht: der Pandemie, den massiven makroökomischen Folgen und der steigenden Unsicherheit, dem Klimawandel und – insbesondere mit Blick auf die USA nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz – mit Rassenungerechtigkeit.

Letzteres bewegt Lesser spürbar. Er habe mit vielen erfahrenen Managern gesprochen und alle würden das Gleiche fühlen: Wut, Frustration, Empathie und Entschlossenheit, mehr zu tun – auch in ihren eigenen Unternehmen. Bei BCG in den USA sind mittlerweile ein Fünftel der neu eingestellten Berater Schwarze oder Latinos. „Wir sind ermutigt durch diesen Fortschritt, erkennen aber an, dass wir noch mehr tun müssen, um eine stärkere Führungspipeline aufzubauen“, sagt Lesser. Schwarze sind vor allem in den US-Chefetagen massiv unterrepräsentiert.

Was die Coronakrise angeht, so sind viele Länder der Welt gerade in der „Kampfphase“, wie Lesser es nennt. Es sei ein Kampf zwischen der Gesellschaft, die nach dem Shutdown das öffentliche Leben und die Wirtschaft wieder hochfahre, und dem Virus – mit der ständigen Gefahr, dass sich das Virus stärker verbreitet.

Das W-Szenario, bei dem die Konjunktur durch eine zweite Viruswelle erneut einbrechen und sich erst danach erholen würde, müsse unbedingt verhindert werden. Rich Lesser geht zwar nicht davon aus, dass das W-Szenario flächendeckend eintreten wird. Aber das Risiko sei real.

Neue Wirklichkeit statt Normalität

Das Wort „Normalität“ vermeidet der Vater von drei Kindern, er spricht lieber von „der neuen Wirklichkeit“. Und, ganz Berater mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Dienste von BCG – deren Geschäft nach einem Rekordjahr 2019 mit 8,5 Milliarden Dollar Umsatz auch in der Krise nach eigenen Angaben größtenteils stabil weiter läuft – weiß er, was die Wirtschaft umtreiben muss, um sich in Zukunft zu behaupten.

Erstens: die Infektionskurve weiter abflachen, vor allem durch den Schutz der Mitarbeiter. Zweitens: das Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen. Viele Branchen hätten es mit Käufern zu tun, deren Verhalten sich durch die Krise dramatisch in Richtung online verändere. Selbst sein 90-jähriger Stiefvater, erzählt der studierte Chemieingenieur mit Harvard-MBA, habe seiner Frau zum Geburtstag per Zoom gratuliert.

Drittens: digitaler werden, auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Viertens: das Unternehmen, etwa die globalen Lieferketten, widerstandsfähiger machen. Fünftens: mehr über den Sinn von Unternehmen, den „purpose“, sprechen.

Erst einmal keine größeren Übernahmen

Zugespitzt könnte man sagen, käme es nun darauf an, ob Unternehmen „Raubtier“ seien oder beten müssten, nicht übernommen zu werden. Zwar findet Lesser, dass die Regierungen mit ihren Rettungspaketen „ziemlich gute Arbeit“ geleistet haben. Aber in einigen Branchen rechnet er mit weiterer Konsolidierung, weil es viele schwache Firmen gebe. Es sei allerdings schwierig, den Aufsichtsrat von Zukäufen zu überzeugen, wenn die Realwirtschaft so schwach aussehe, die Aktienkurse jedoch relativ hoch seien. Daher erwartet er erst einmal keine größeren Übernahmen.

Zur „neuen Wirklichkeit“ gehört auch ein Impfstoff. Lesser geht davon, dass es neun bis 24 Monate braucht. Medikamente gebe es wohl früher, was auch helfe, den Wiederanlauf zu managen. Denn der BCG-Chef ist überzeugt: Länder, die gut durch die „Kampfphase“ kommen, werden sich schneller erholen.