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Anleger setzen auf Konjunkturhilfen – und Joe Biden als Wahlsieger

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Mögliche Hilfsmaßnahmen gegen die sich verschärfende Pandemie beruhigen Investoren – vorerst jedenfalls. Große US-Banken veröffentlichen zudem ihre Quartalszahlen.

Hoffnung versetzt bekanntlich Berge – aktuell stützt sie offenbar die internationalen Aktienmärkte: Zum Wochenausklang jedenfalls stabilisierte Zuversicht für Hilfen für die von der Corona-Krise schwer gebeutelte US-Wirtschaft die Börsen in den USA und Europa.

Auch in der neuen Woche dürfte die Diskussion um die US-Unterstützungsmaßnahmen im Präsidentschaftswahlkampf wie auch der Umgang mit dem sich wieder rasant ausbreitenden Covid-19-Virus die Kapitalmärkte beherrschen.

Außerdem wird die startende Berichtssaison über das dritte Quartal erkennen lassen, wie die Unternehmen mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zurechtkommen. Kurzfristig dürfte beides für Unsicherheit sorgen, weshalb Strategen mit Kursrücksetzern vom aktuell hohen Aktienmarktniveau rechnen.

„In der neuen Woche werden erneut die USA im Fokus stehen“, sagt Robert Greil, Chef-Anlagestratege der Bank Merck Finck. Denn der Präsidentschaftswahlkampf sorgt weiter für Schlagzeilen – auch weil das zweite Fernsehduell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden abgesagt wurde, nachdem Trump angekündigt hatte, ein virtuelles Duell zu boykottieren.

„Der Markt ist eine Geisel der Gespräche über Hilfen zwischen den Republikanern und den Demokraten", sagt Quincy Krosby, Chef-Anlagestratege beim US-Versicherer Prudential Financial. Die Spekulationen drehten sich darum, ob es ein Paket gebe und was alles drinstecke. Am Wochenende schlug der Streit um die billionenschweren Hilfen eine neue Volte: Die Demokraten im Repräsentantenhaus haben einen Kompromissvorschlag der Regierung abgelehnt. Das Angebot biete keinen schlüssigen Plan, die Corona-Pandemie unter Kontrolle zu bringen, hieß es. Es ziele offenbar darauf ab, Präsident Donald Trump vor der Wahl möglichst viel Geld zu verschaffen, über das er nach Gutdünken verfügen könne, kritisierte die Vorsitzende der Parlamentskammer, Nancy Pelosi, am Samstag.

Der Vorschlag der Regierung soll US-Medienberichten zufolge ein Volumen von 1,8 Billionen US-Dollar haben. Die Demokraten hatten zuletzt ein Paket in Höhe von mehr als 2 Billionen Dollar vorgelegt. Trumps Republikaner wollen Arbeitgebern zudem weitgehend Immunität für mögliche Corona-Klagen einräumen, was die Demokraten vehement ablehnen. Die Republikaner lehnen derweil größere Hilfen für Bundesstaaten und Kommunen ab, die wegen der Pandemie große Einnahmeeinbußen verkraften müssen.

Pelosi erklärte, sie habe trotz der großen Differenzen Hoffnung, dass das jüngste Angebot „uns einer Einigung auf ein Konjunkturpaket näherbringt“, um der Pandemie und der Wirtschaftskrise zu begegnen. „Wir hoffen, bald Fortschritte zu machen“, schrieb sie in einem von ihrem Büro veröffentlichten Brief an die Abgeordneten.

Allerdings gilt es als wenig wahrscheinlich, dass das Programm vor der Wahl am 3. November steht. Investoren scheinen sich zudem immer mehr auf einen Wahlsieg des Demokraten Biden einzustimmen. „Die Erwartungen sind, dass Biden kommt und ein richtig großes Konjunkturpaket auflegt“, fasst Krosby zusammen.

Biden liegt in Umfragen derzeit vor Amtsinhaber Donald Trump. Seit dem ersten TV-Duell der beiden Rivalen erholen sich Aktien von Solarfirmen und anderen Erneuerbare-Energien-Unternehmen. Es wird damit gerechnet, dass umweltfreundliche Energien bei einem Machtwechsel stärker gefördert werden.

Das Kurspotenzial an den Aktienmärkten gilt vorerst als ausgereizt

Über allem schwebt weiterhin das Damoklesschwert der sich verstärkenden Corona-Pandemie und ihre Folgen für die Gesellschaft und die Wirtschaft. Die Entwicklung der Firmengewinne hänge weiterhin davon ab, meint Michael Bissinger, Analyst der DZ Bank. Das Hauptrisiko auch für die Aktienmärkte „bleibt eine Eskalation der zweiten Welle der Corona-Pandemie, wenngleich diese wirtschaftlich weniger stark wirken sollte als die erste.“

Die Berichtssaison zum dritten Quartal werde ab der neuen Woche zeigen, wie stark sich die Unternehmen bereits vom Lockdown erholen konnten, meint er. Positive Impulse hält der Analyst durchaus für möglich. Ähnlich sieht das Greil von Merck Finck: „Die Markterwartungen an die US-Quartalszahlensaison sind zwar gestiegen, die überraschend starke Konjunkturerholung über den Sommer birgt aber trotzdem positives Überraschungspotenzial“, sagt er.

Nach einem Rückgang der S & P 500-Gewinne je Aktie im zweiten Quartal um ein Drittel gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum dürfte der Rückgang im dritten Quartal nur noch knapp ein Fünftel betragen. „Auch Europas Quartalszahlensaison sollte besser als vom Markt erwartet ausfallen“, sagt der Stratege und verweist auf die Erholung von Juli bis September, die auch hier spürbar dynamischer ausfiel als erwartet.

Dennoch blieben die Kapitalmärkte belastet von der sich weiter ausbreitenden Pandemie, dem US-Wahlkampf und weiteren politischen Konflikten wie Brexit oder „Handelskrieg-Rhetorik“, zählt Bissinger von der DZ Bank auf. Neuerliche kurzfristige Rücksetzer schließt er nicht aus.

Nach der jüngsten Kurserholung sieht er bis zum Jahresende kein Aufwärtspotenzial mehr für den Dax und den breiten US-Index S & P 500. Allenfalls der noch nicht so stark gestiegene Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 könnte noch wenig zulegen.

In der vergangenen Woche haben sich die führenden Aktienindizes unterm Strich aufwärts entwickelt. Der deutsche Dax legte um 2,9 Prozent zu und überkletterte die viel beachtete Marke von 13.000 Punkten. Auch der Euro Stoxx 50 und die US-Indizes Dow Jones, S & P 500 und Nasdaq 100 legten deutlich um 2,5 Prozent und mehr als drei Prozent zu.

Hinweise auf die Konjunkturentwicklung in Deutschland und den USA

In der neuen Woche dürfte es mit dem ZEW-Index am Dienstag Hinweise über die weiteren Aussichten für die deutsche Konjunktur geben. Die vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragten Finanzmarktteilnehmer haben einen starken Aufschwung in Deutschland bereits vorweggenommen. Zuletzt lagen ihre Erwartungen auf dem höchsten Niveau seit Mai 2000. Für Oktober rechnen Analysten aber mit nüchterneren Zahlen: Es werde etwas mehr Realismus einkehren, meinen die Analysten der Helaba.

Auch in den USA sollten die Daten zeigen, dass die Erholung deutlich an Schwung verliert. In den USA werden dazu am Donnerstag die Konjunkturindizes Empire State und Philly-Fed erwartet. Am Freitag folgen die Einzelhandelsumsätze und das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan.

Wie stark die Corona-Krise die US-Banken zuletzt traf, erfahren Anleger ebenfalls in der neuen Woche: Am Dienstag legen JP Morgan und Citi ihre Zahlen für das dritte Quartal vor, gefolgt von Bank of America, Wells Fargo und Goldman Sachs am Mittwoch sowie Morgan Stanley am Donnerstag. Analysten erwarten Gewinneinbrüche von bis zu 60 Prozent.

Kreditausfälle, die stark gesunkenen Zinsen und eine gedämpfte Kreditnachfrage setzen den Geldhäusern zu. Nachdem die US-Banken ihre Vorsorge für faule Kredite im ersten Halbjahr kräftig nach oben geschraubt hatten, dürften die Belastungen durch drohende Kreditausfälle im dritten Quartal Analysten zufolge niedriger ausgefallen sein. Auch in Europa öffnen einige Firmen ihre Bücher, unter anderem ASML, Gerresheimer und Roche.

Mit Agenturmaterial.

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