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Die Anarchie an den Kryptomärkten endet

Politiker, Tech-Konzerne und Notenbanker experimentieren mit neuen digitalen Werten. Das bringt Chancen für Anleger – und Gefahren für den Bitcoin.

Ihren ersten großen Auftritt hat Christine Lagarde für einen Weckruf genutzt. Angesichts der Entwicklung der Kryptowelt „sind wir besser einen Schritt voraus, da es dort draußen eindeutig eine Nachfrage gibt, auf die wir reagieren müssen“, sagte die neue Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) im Dezember in Frankfurt.

Zum ersten Mal äußerte sich Europas oberste Währungshüterin damit zur Zukunft des Geldsystems – und schloss eine eigene digitale Währung, einen „E-Euro“, zumindest nicht aus. Eine neu formierte Krypto-Taskforce der EZB soll ihre „Anstrengungen beschleunigen und dabei auf die Ressourcen des gesamten Eurosystems zurückgreifen“, so Lagarde. Ein erstes Ergebnis könnte schon Mitte des Jahres vorgelegt werden.

Die EZB-Chefin drückt damit aufs Tempo: Die Kryptoentwicklung schreite schnell voran, „nicht so sehr im Bitcoin-Segment, aber bei den Stablecoin-Projekten“, also bei virtuellen Währungen mit festen Wechselkursen, sagte Lagarde. Vor allem eine sei bereits auf dem Weg. Gemeint war, offenkundig, Facebooks „Libra“-Coin, die geplante Digitalwährung des Tech-Konzerns.

Am Jahresbeginn 2020 steht die Kryptowelt damit am Scheideweg. Nun, da das weltgrößte soziale Netzwerk und die zweitwichtigste Notenbank mit eigenen Coins experimentieren, wird das virtuelle Universum erwachsen. Die fröhlich-abgründige Anarchie der Anfangsjahre ist unwiderruflich passé.

Der Einstieg von Facebook und EZB bildet dabei nur den Anfang: Praktisch im Wochentakt betreten derzeit neue Spieler den Kryptomarkt. Und während Regulierer rund um den Globus die schwarzen Schafe der Vergangenheit jagen, arbeiten weitsichtige Politiker an Gesetzen für die kommende Blockchain-Wirtschaft. Diese entsteht rund um die dezentrale Datenbanktechnologie, die fast allen Kryptowährungen zugrunde liegt. Neuanlegern bietet die Entwicklung Gewinnchancen – Bitcoin-Fans der ersten Stunde aber Grund zur Sorge.

Debattenmotor „Libra“

Einer, der schon lange an die Zukunft der virtuellen Währungen glaubt, ist Thomas Heilmann. Bevor der frühere Berliner Justizsenator in den Bundestag einzog, gründete er mit anderen mehr als ein Dutzend erfolgreiche Internetunternehmen. Sein Investment in Facebook-Aktien hat er Ende 2010 versilbert; heute blickt er kritisch auf die Pläne des sozialen Netzwerks.

„Wir werden Libra nicht auf Dauer verhindern können. Wenn Facebook es will und die USA es nicht verbieten, dann werden sie ihre Digitalwährung ausrollen“, glaubt der Blockchain-Experte der Unionsfraktion. Zwar könne die Politik begrenzt Steine in den Weg legen. „Am Ende kann Facebook aber auch noch so hohe Auflagen erfüllen. Die haben schlicht zu viel Geld in der Kriegskasse.“ Brauche Facebook beispielsweise für „Libra“ eine Banklizenz, dann habe der Konzern spielend die Mittel, die entsprechenden Voraussetzungen zu finanzieren.

„Statt noch länger zu zögern, muss Europa vorangehen“, folgert Heilmann. „Bevor sich die Verbraucher an einen privaten Stablecoin gewöhnen, sollten wir lieber einen öffentlichen E-Euro als Interbanken-Token durch die EZB auflegen.“ Dieser sollte von den Privatbanken verteilt werden, was die Gefahr eines Bankruns verhindern würde. Letzteren befürchten Experten im Krisenfall, sollte die EZB direkt sicheres Zentralbankgeld in Kryptoform ausgeben, also eine Art virtuelles Bargeld.

Schon heute gibt es private Testläufe für den „E-Euro“. So experimentieren die Commerzbank und der Autohersteller Daimler damit, den Euro auf die Blockchain zu bringen. Lkws könnten so an der Zapfsäule ohne menschliches Zutun bezahlen. Rechtlich basiert das Experiment auf der alten E-Geld-Lizenz der Commerzbank, die ursprünglich die Aufladung von Geldkartenchips mit Kleinbeträgen regelte.

Andere Häuser testen Coins für Interbankenzahlungen, etwa JP Morgan oder die Deutsche Bank. Und auch wenn es sich dabei noch um Pilotprojekte handelt, erlauben sie doch einen Blick in die Zukunft des Zahlungsverkehrs.

Die anarchische Graswurzelidee des Bitcoins, eine unkontrollierbare Währung „von unten“ zu etablieren, ist dabei klar auf dem Rückzug. Selbst Pioniere wie der Computerhersteller Dell, der 2014 Bitcoin-Zahlungen einführte, hat diese inzwischen wieder gestrichen. 2020 dürften nicht Kryptoenthusiasten die Agenda bestimmen, sondern Tech-Konzerne, Geldhäuser und Notenbanken.

„Gegen den Willen der EZB wird es keinen E-Euro geben“, glaubt denn auch Thomas Heilmann. Umso mehr sei nun die Politik gefordert, den richtigen Rahmen für die Blockchain-Wirtschaft der Zukunft zu setzen.

Die Blockchain-Anleihe kommt

Genau das will die nicht gerade als digitalaffin verschriene Große Koalition. Zur Überraschung vieler Beobachter hat die Bunderegierung im September eine deutsche Blockchain-Strategie verabschiedet. Diese sieht einen Gesetzentwurf für Anleihen auf Blockchain-Basis vor. „Die Bundesregierung will das deutsche Recht für elektronische Wertpapiere öffnen. Die aktuell zwingende Vorgabe der verbrieften Verkörperung von Wertpapieren (das heißt in Papierform) soll nicht mehr uneingeschränkt gelten“, heißt es.

Kommt das neue, eigentlich schon für 2019 geplante Gesetz nun, könnte diese Art der Unternehmensfinanzierung zum beliebten, weil günstigen Weg werden. Der technische Ablauf ist bereits erprobt: Das Berliner Start-up Bitbond hat mit Bafin-Erlaubnis Schuldverschreibungen in Token-Form ausgegeben. Eines Tages könnten sogar Krypto-Unternehmensanteile, zum Beispiel blockchainbasierte Aktien, kommen.

Erste Anbieter stehen in den Startlöchern, um die nötigen Handelsplätze für solche wertpapierähnlichen sogenannten Security Token zu betreiben. Zu ihnen zählt die Börse Stuttgart: Ihre Privatkunden-App „Bison“ wurde bis dato von über 74.000 Nutzern ausprobiert; im Dezember startete ihr Profimarktplatz BSDEX. Auch die Schweizer Börse und der größte deutsche Wertpapierhandelsplatz Deutsche Börse arbeiten an entsprechenden Projekten.

„Das Security-Token-Ökosystem entwickelt sich sehr schnell“, bilanziert Philipp Sandner, Leiter des Frankfurt School Blockchain Center, die Ergebnisse einer aktuellen Studie. „Nicht nur neue Projekte, sondern auch etablierte Marktteilnehmer nehmen sich der Technologie an.“ In fünf bis zehn Jahren werde „jede Aktie, jeder Genussschein und generell jedes Wertpapier auf einem Blockchain-System laufen“, sagt er voraus.

Besonders profitieren dürften davon die Staaten mit dem besten regulatorischen Set-up, also jene Standorte, deren Politiker die richtigen Leitplanken setzten: die USA, Deutschland, die Schweiz und das kleine Liechtenstein, glaubt Sandner.

Verwahrung „made in Germany“

Immer mehr wird dabei ausgerechnet die Regulierung zum Treiber der Entwicklung. Nach dem Bitcoin-Hype 2017 und dem Zusammenbruch des Markts für virtuelle Börsengänge (ICOs) 2018 haben die Aufseher die Kryptowelt 2019 aufs Korn genommen. Die Zahl halbseidener Projekte sank deutlich, unseriöse Akteure gaben auf. So packte im Oktober einer der Organisatoren hinter dem Skandalprojekt Onecoin aus und gestand gegenüber US-Ermittlern Betrug und Geldwäsche ein. Und vor dem Berliner Landgericht schreitet die rechtliche Aufarbeitung des Envion-Desasters voran.

Gerade in Deutschland wird der Markt 2020 weiter eingehegt – mit Bafin-Verboten, aber auch neuen Möglichkeiten. Die wichtigste, seit dem 1. Januar geltende Neuregelung betrifft die Novellierung des Geldwäschegesetzes.

Banken und Finanzfirmen können nun ihren Kunden praktisch auf Knopfdruck neben klassischen Wertpapieren wie Aktien und Anleihen auch Kryptowährungen rechtssicher anbieten. Eingeführt wurde hierfür eine sogenannte Krypto-Verwahrlizenz, die bei der Finanzaufsicht Bafin beantragt werden muss. Experten hoffen, dass die Token-Speicherung „made in Germany“ zum internationalen Gütesiegel wird.

„Deutschland ist auf einem guten Weg zum Kryptohimmel. Der Gesetzgeber nimmt bei diesem Thema eine Vorreiterrolle ein“, lobt etwa Sven Hildebrandt, Chef des Beratungshauses DLC. „Etablierten Banken eröffnen sich potenziell neue Geschäftsfelder und die ausländischen Anbieter sind nun zumeist auf deutsche Dienstleister angewiesen. Darüber hinaus steht die Regulierung auch für ,Quality made in Germany‘.“

Als einer der ersten Spieler wird der heimische Marktführer, die Bitcoin Group aus Herford, die neuen Möglichkeiten nutzen. Auch die Berliner Solarisbank will eine der neuen Lizenzen. Aber auch alteingesessene Banken sind interessiert: So diskutiert die DZ Privatbank laut Insidern die Krypto-Verwahrung für vermögende Anleger. Und mehr als zwei Drittel der Teilnehmer der Handelsblatt-Jahrestagung Bankentechnologie erklärten im Dezember, Banken und Sparkassen sollten ihren Kunden Kauf und Verwahrung von Bitcoin und Co. anbieten.

Kryptovordenker haben damit auf dem Arbeitsmarkt gute Karten, glaubt Hildebrandt. Fachkräfte seien gefragt: „Ihr Know-how wird von den klassischen Banken händeringend gesucht.“ 2020 dürfte so mancher Kryptogründer bei einer Großbank anheuern – und damit dem Branchentrend in den Mainstream folgen.

Bitcoin in der Feuertaufe

Unklar ist, was das Reifen der Kryptowelt für ihren Urvater bedeutet, den Bitcoin. Dieser wurde vor gut zehn Jahren in scharfer Abgrenzung zur Finanzindustrie aufgelegt – heute wird er von ihr umarmt: Mit Fidelity ist 2019 einer der größten Vermögensverwalter in den Bitcoin-Handel eingestiegen. Und 2020 werden die deutschen Verwahrlösungen Neueinsteiger umgarnen.

Was heißt das für den Kurs? Aktuell zeigt sich der Bitcoin unverändert volatil. Gut 3000 Dollar kostete die wichtigste Digitalwährung vor einem Jahr. Im Juni ging es bis auf 13.000 Dollar hoch, dann ging es wieder bergab. Zuletzt legte der Kurs wieder auf über 8000 Dollar zu. Wie es im laufenden Jahr weitergeht, ist offen.

Skeptisch blickt Volker Brühl auf die Entwicklung. „2019 war ein enttäuschendes Jahr für den Bitcoin“, sagt der Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität. „Als Währung ist er mittelfristig tot.“

Der Grund: Im Unterschied zu anderen Kryptowährungen wie etwa Ethereum, auf dessen Technik viele Pilotanwendungen basieren, sei er nicht ausreichend programmierbar, erklärt Brühl. Es fehle an Unterstützung für automatisch ablaufende Verträge, sogenannte Smart Contracts.

Ein Grund für die mangelnde Zukunftsfähigkeit sieht Brühl in der dezentralen, anarchischen Struktur des Netzwerks. „Es fehlt an einer zentralen Instanz, die strategische Entscheidungen trifft und die Bitcoin-Technik weiterentwickelt.“ Gegenüber anderen Projekten, nicht zuletzt Facebooks „Libra“, gerate der Bitcoin daher zunehmend ins Hintertreffen.

Andere Beobachter sind optimistischer. Sie rechnen damit, dass sich Bitcoin wenn schon nicht als weltweites Zahlungsmittel, so doch als virtuelle Anlagealternative durchsetzt.

So sehen die Analysten von Bloomberg Intelligence den Bitcoin-Preis bei 10.000 Dollar und schreiben: „Das begrenzte Angebot und die zunehmende Nachfrage werden Bitcoins Reife in Richtung einer Kryptoversion von Gold 2020 beschleunigen.“

Ein Grund sei das sogenannte Halving, eine Veränderung im Algorithmus, die ab Mai das Angebot neuer Münzen verknappt. Noch weiter blicken die Analysten der Deutschen Bank: Sie erwarten für das kommende Jahrzehnt höhere Inflationsraten bei klassischen Währungen, ergo neue Chancen für den Bitcoin.

Aller Marktreife zum Trotz bleibt die Kryptoanlage also ein Spiel für Mutige. Fans der ersten Stunde tröstet, dass der Bitcoin alle bisherigen Krisen überstanden hat. Und, dass sein geheimnisvoller Schöpfer offenbar immer noch an die Vision eines Finanzsystems „von unten“ glaubt: Auch 2019 hat sich Satoshi Nakamoto nicht offenbart.

Wie aktuell seine Idee einer anarchischen, anonymen und dezentralen Alternativwährung ist, könnte sich schon bald in China erweisen. Dort arbeitet die Zentralbank unter Hochdruck an einer staatlichen Digitalwährung, einem „E-Yuan“. In den Händen der herrschenden kommunistischen Partei würde dieser eine ganz neue Form der Überwachung ermöglichen. Die Kryptotechnik könnte die Chinesen zu gläsernen Bürgern machen: eine Horrorvision (nicht nur) für Bitcoin-Fans.