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Analyse: Erst maximale Annäherung, dann die Abkehr – ändert Apple etwa seine China-Strategie?

Wird das Jahr des Stiers das Jahr, in dem Apple seine China-Strategie überdenken wird? - Copyright: picture-alliance/dpa/MAXPPP
Wird das Jahr des Stiers das Jahr, in dem Apple seine China-Strategie überdenken wird? - Copyright: picture-alliance/dpa/MAXPPP

Apples guten Beziehungen zu China – allein darüber ließe sich ein Buch schreiben. Mit Hilfe der chinesischen Behörden baute der US-Konzern eines der weltweit besten Lieferkettensysteme auf: Nicht nur einzelne Komponenten werden von chinesischen beziehungsweise taiwanischen Zuliefern produziert und in der Volksrepublik zu iPhones zusammengebaut. Inzwischen haben auch chinesische Ingenieure einen immer größeren Einfluss auf Design- und Tech-Fragen, wie die "New York Times" berichtet. Chinesische Firmen seien an wichtigen und komplexen Komponenten, wie Batterien, Lautsprechern und Design, beteiligt gewesen. Als Folge habe sich das iPhone, das ursprünglich mal in Kalifornien kreiert, aber in China produziert wurde, zu einem Produkt aus beiden Welten entwickelt, schreibt die Zeitung.

Diese Strategie zahlte sich offenbar aus: Mit seinem iPhone-Geschäft trotzte der Konzern Konjunktursorgen und Logistik-Engpässen der anderen Branchen – es legte sogar in einem insgesamt geschrumpften Smartphone-Markt zu. Insgesamt steigerte sich der Apple-Umsatz im Ende Juni abgeschlossenen Geschäftsquartal – dem dritten nach Rechnung des Konzerns – um zwei Prozent auf rund 83 Milliarden US-Dollar (81 Milliarden Euro). Unterm Strich gab es indes einen Gewinnrückgang von 10,6 Prozent auf 19,44 Milliarden Dollar, wie Apple Juli mitteilte.

Chinas strikte Null-Covid-Politik zwingt internationale Unternehmen zum Handeln

Dabei kämpft Apple, wie alle internationalen Unternehmen mit Standorten in China, seit 2020 damit, Fachkräfte ins Land zu bekommen.

Dies geschieht aus zwei Gründen, die beide mit der strikten Null-Covid-Politik der chinesischen Führung zusammenhängen: Erstens vergibt die Volksrepublik wesentlich weniger Visa als vor Ausbruch der Pandemie – offiziell, um keine Corona-Fälle ins Land zu schleppen und die Zahl der Einreisenden stark zu limitieren. Zeitweise wurde die Visa-Vergabe sogar ganz eingestellt oder wird noch immer stark verzögert. Zweitens finden sich immer weniger ausländische Fachkräfte, die bereit sind, als Expats nach China zu gehen. Denn damit wäre eine Hotel-Quarantäne verbunden und die Lebensweise vor Ort ist im Vergleich zu Staaten im Westen stark eingeschränkt. Chinas Regierung, so die Meinung vieler Beobachter, nimmt diese Entwicklung wohlwollend hin, können doch die Stellen ausländischer Fachkräfte mit Chinesen besetzt werden. Eigene Staatsbürger bekommen so Einfluss in den internationalen Unternehmen, haben Zugang zu möglicherweise sensiblen Daten und können die Firmen-Strategie mitprägen. Dies funktioniert in Teilen gut, dennoch müssen die Firmen immer wieder feststellen, dass für bestimmte Prozesse ein Wissen und Erfahrungswerte direkt aus der Firmenzentrale notwendig sind.

Ingenieure wollten nicht nach China reisen – aus Angst vor der Quarantäne

Auch Apple, so berichtet die "New York Times", habe seinen Mitarbeitern keine wochenlange Quarantäne zumuten wollen und stellte stattdessen chinesische Ingenieure in Shenzhen und Shanghai ein. Um dennoch die eigenen Fachleute ins Land zu fliegen, soll Apple Freiwilligen 1000 Dollar (knapp 1000 Euro) pro Tag geboten haben, wenn sie sich auf die zwei Wochen Hotel-Quarantäne und vier Wochen Arbeit vor Ort einließen.

Das klingt nach einem guten Deal, ist es aber nicht: Quarantäne in China bedeutet, in oft unzumutbaren Hotels untergebracht zu sein und sich komplett in die Kontrolle der lokalen Gesundheitsbehörden zu begeben. Nicht selten wurden in der Vergangenheit die Quarantänezeiten ohne Angabe von Gründen verlängert – und wieder verlängert. Das Hotelzimmer darf in dieser Zeit unter keinen Umständen verlassen werden, teilweise wurden die Zimmer sogar mit Vorhängeschlössern versehen. Ein Albtraum – auch aus Sicherheitsgründen. Das sahen die Apple-Ingenieure in Kalifornien offenbar ähnlich und lehnten eine Entsendung nach China ab, obwohl sie sich innerhalb kurzer Zeit einen Bonus von 50.000 Dollar hätten erarbeiten können. Die Zeiten, in denen die Business Class der United Airlines Flüge von den USA nach Shanghai und Hongkong größtenteils mit Apple-Mitarbeitern belegt war, sind vorerst vorbei. Die Direktflüge von San Francisco nach Hongkong wurden eingestellt, nur noch viermal pro Woche wird Shanghai angeflogen.

Die freien Stellen besetzte Apple laut Quellen der "New York Times" oft mit chinesischen Staatsbürgern, die häufig in einem westlichen Land studiert und/oder dort bereits Arbeitserfahrung gesammelt haben. Laut Global Data schrieb Apple in diesem Jahr 50 Prozent mehr Stellen in China aus als 2020. Politisch schlägt sich der Einfluss der Kommunistischen Partei Chinas innerhalb des Konzerns zweifellos nieder: Um Partei- und Staatsführer Xi Jinping und seine Anhänger während des Besuchs der US-Politikerin Nancy Pelosi in Taiwans Hauptstadt Taipeh nicht zu vergrätzen, erinnerte Apple seine taiwanischen Lieferanten daran, den Herkunftsort ihrer Zulieferteile mit "Chinesisch Taipeh" oder "Taiwan, China" zu kennzeichnen.

Für die Endkunden vielleicht ein bedeutungsloses Detail, für Taiwan jedoch von existenzieller Bedeutung: Die Insel agiert seit Ende des chinesischen Bürgerkrieges 1949 als de facto unabhängiger Staat, ist unabhängig von Festlandchina und seit Ende der 80er Jahren eine funktionierende Demokratie mit allen Freiheitswerten – ganz im Gegensatz zur Volksrepublik. Peking bezeichnet Taiwan als abtrünnige Provinz, die es im Zweifel mit Gewalt zurückerobern gilt.

Macht sich Apple trotz allem von China unabhängig?

Klar ist: Apple hat sich seit Ausbruch der Pandemie in eine noch größere Abhängigkeit zur Volksrepublik begeben. Das wollen die Chefs unter Tim Cook nun aber offenbar ändern. Vom neuen iPhone 14 wird ein kleiner Teil nicht in China, sondern in Indien hergestellt werden. Ein weiterer Standort, den der Konzern ausbauen könnte, ist Vietnam, wo schon jetzt die Apple-Watch und zum Teil iPads produziert werden. Der taiwanische Konzern Foxconn, Apples größter Produktionspartner, soll der "New York Times" zufolge erst vor kurzem beschlossen haben, 300 Millionen Dollar in eine neue Fabrik in Nord-Vietnam zu investieren. 30.000 neue Jobs sollen dort geschaffen werden.

Grund für die Suche nach Alternativen zu China ist die Sorge vor einem geopolitischen Konflikt des Westens mit dem Land. Aus Sicht Pekings hat der "Kampf der Systeme" längst begonnen, was auch immer mehr Unternehmer spüren und versuchen, sich von der Volksrepublik unabhängiger zu machen. Denn: Sollte der Konflikt mit Taiwan tatsächlich eskalieren und China angreifen, ist mit ähnlichen Sanktionen des Westens zu rechnen, wie sie jüngst Russland nach dem Einfall in die Ukraine erfahren musste. Hinzu kommen die Produktionsunsicherheiten durch immer wiederkehrende Covid-Lockdowns in China. Auch bei Apple standen Anfang 2020 laut einem weiteren Artikel der "New York Times" aufgrund der chinesischen Pandemie-Bekämpfung die Bänder in den Fabriken still.

"Das Produktions-Imperium in China gerät ins Wanken", wird Lior Susan zitiert. Er ist Gründer von Eclipse Venture Capital, das in Startups im Bereich Hardware und Fertigung investiert. Er prognostiziert: Mehr und mehr Investoren würden ihr Kapital aus China abziehen und nach alternativen Produktionsstandorten suchen.