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Amazons unaufhaltsamer Aufstieg: Jeff Bezos’ gigantische Wette auf die Zukunft

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Amazon wächst und wächst: Heute gibt es fast nichts, was man bei dem mit Abstand größten Online-Kaufhaus der Welt nicht erwerben kann. (Grafik: Martin Lukas)


Der Himmel scheint für Online-Einzelhändler Amazon die Grenze zu sein: In atemberaubender Geschwindigkeit wächst der einstige Buchversender, der sich längst zum größten Online-Kaufhaus der Welt gewandelt hat. Auch nach 23 Jahren ist Konzernchef Jeff Bezos hungrig wie am ersten Tag: Der Aufstieg zum wertvollsten Konzern scheint für Amazon nur eine Frage der Zeit zu sein.

Das Geheimnis des Erfolges verrät Jeff Bezos Investoren gleich auf der ersten Seite seines alljährlichen Briefs an Amazon-Aktionäre. „Tag zwei ist Stillstand. Gefolgt von Irrelevanz. Gefolgt von entsetzlichem, qualvollem Niedergang. Gefolgt von Tod. Und deswegen ist immer Tag eins.“

Passender lässt sich das Arbeitsmotto auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Gründung kaum auf den Punkt bringen: Die Aufbruchstimmung in Seattle elektrisiert bis heute die mehr als 350.000 Mitarbeiter als auch die Millionen Kunden rund um den Erdball und vor allem die Wall Street, wo die Amazon-Aktie einen gigantischen Triumphzug hingelegt hat.

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Amazon hat seine Aktionäre reich gemacht

Im Mai 1997 debütierte das kaum drei Jahre alte Start-up, das nach dem Amazonas – dem wasserreichsten Fluss der Erde benannt ist – zu Kursen von splitbereinigt 1,50 Dollar –  heute wechseln Anteilsscheine des Online-Einzelhändlers für enorme 980 Dollar den Besitzer. Wer zum Börsengang vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten nur 1000 Dollar in Amazon angelegt hätte, besäße heute also immense 650.000 Dollar.

Dabei war die enorme Erfolgsstory von Amazon, die in der Internet-Ära höchstens mit dem Siegeszug von Google und Facebook vergleichbar war, zu Gründertagen kaum absehbar. „Die Sache ist die: Im Internet kann man seine Kunden sehr schnell gewinnen oder verlieren“, lockte Konzernchef Jeff Bezos damals Anleger zum Kauf seiner Aktien an.

Potenzial des elektronischen Buchhandels früh erkannt

Das Kerngeschäft schien seinerzeit allerdings nur bedingt zukunftsweisend. Aufgenommen hatte Amazon seine Geschäftstätigkeit nämlich mit dem guten alten Buch, das mit dem neuen Vertriebskanal des Internets schneller vom Verlag zum Leser kommen konnte. Bezos erkannte bereits beim Hedgefonds David Shaw das Potenzial des aufkommenden elektronischen Buchgeschäfts: Ein Kauf mit einem Klick am Rechner war schließlich schneller getätigt als der mühsame Gang zum Buchladen um die Ecke.

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Der Aufsteiger Bezos verzichtete auf den hoch bezahlten Job in der Hochfinanz und entschied sich für das Risiko des Unternehmertums. Das Wagnis ging auf: Binnen weniger Jahre wurde der dröge physische Buchhandel von Amazon revolutioniert – und am Ende kaltgestellt. Schon bald expandierte Amazon und bot Spielwaren, Büroartikel und Kleidung an.

Heute gibt es fast nichts, was man beim mit Abstand größten Online-Kaufhaus der Welt nicht erwerben kann – selbst frische Lebensmittel werden in Kalifornien wie in deutschen Großstädten schon am Tag der Bestellung ausgeliefert (Amazon Fresh).

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Amazon-Gründer Jeff Bezos (Bild: AFP)

Kindle und Echo: Expansion ins Hardwaregeschäft 

Doch der klassische Einzelhandel war dem Verkaufsgenie Bezos nicht genug. Die Schlacht um die Zukunft im Web würde am Ende auf den mobilen Endgeräten geschlagen. 2007 überraschte Amazon mit seinem elektronischen Lesegerät Kindle, das sich zum veritablen Tablet wandelte. Sogar ein eigenes Smartphone in Zusammenarbeit mit dem taiwanesischen Handyhersteller HTC brachte Amazon 2014 mit dem Fire Phone auf den Markt, das allerdings floppte.

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Unerwartet erfolgreich entwickelte sich dagegen der 2015 gelaunchte Lautsprecher Echo. Amazon eröffnete mit seinem sprachgesteuerten digitalen Sprachassistenten den großen (Lausch-) Angriff auf das Wohnzimmer und hat bis heute schätzungsweise mehr als zehn Millionen Einheiten verkauft.

Kundenbindungsinstrument Prime

Auch auf anderen scheinbar weniger üblichen Geschäftsfeldern ist Amazon omnipräsent. So bietet der Internet-Pionier aus Seattle unter dem Label AmazonBasics unzählige kostengünstige Alternativen von beliebten Produkten an: etwa Ladekabel, Notebooktaschen oder Smartphone-Hüllen.

Doch AmazonBasics ist längst nicht auf Verbraucherelektronik beschränkt – auch Artikel fürs Bad, die Küche, das Schlafzimmer oder den Garten hat der E-Commerce-Riese längst in seinem 900 Artikel umfassenden Angebot. Gut möglich also, dass man bei Amazon einen Alltagsartikel sucht und erst auf den zweiten Blick feststellt, dass er vom US-Unternehmen selbst kommt.

Amazons wichtigstes Kundenbindungsinstrument beim nicht enden wollenden Shoppingrausch – in der Spitze werden mehr als 600 Artikel pro Sekunde (!) verkauft – ist der Premium-Dienst Prime, der inzwischen von geschätzt mehr als 80 Millionen Kunden genutzt wird. Für eine Jahresgebühr von 99 Dollar bzw. 69 Euro in Deutschland bekommen Amazon-Kunden ihre Lieferung garantiert am nächsten Tag zugestellt – und noch eine Menge Goodies wie die Streaming-Dienste Prime Video und Amazon Music oder Speicherplatz für Fotos und andere Daten zusätzlich.

 

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Nur das Wachstum zählt

Wachstum um jeden Preis: So lautet die Geschäftsstrategie von Jeff Bezos. Dabei hält sich der Amazon-Chef nicht lange mit den alten Gesetzen der Buchhaltung auf. Gewinne? Wie oberflächlich! Bezos interessiert sich nicht für das nächste oder übernächste Quartal – er interessiert sich für die Märkte, die er in den kommenden Jahren besetzen kann und investiert dafür schon mal Milliardensummen – wie jüngst für die Bio-Kette Whole Foods – außerhalb des Kerngeschäfts, wenn er an seine Wette glaubt.

Bei Laune hält Bezos die Wall Street mit dem Nachweis der Profitabilität, den Amazon seit 2015 stets erbracht hat. Im jüngsten Quartal verdiente Amazon bei Umsätzen von 38 Milliarden Dollar 197 Millionen Dollar. Der E-Commerce-Riese befindet sich damit auf Kurs, in diesem Fiskaljahr erstmals mehr als 160 Milliarden Dollar zu erlösen.

 

Boomsparte AWS

Garant für schwarze Zahlen ist fast im Alleingang die boomende Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS), die Konzernchef Bezos bereits 2006 gegründet und durch Zukäufe immer weiter vergrößert hat. Cloud Computing ist der große Wachstumsmarkt der IT-Branche, in der immer größere Datenmengen virtuell verarbeitet werden: Amazon dominiert das Boom-Segment deutlich vor den Cloud-Lösungen von Microsoft (Azure) und Google.

Mehr als eine Million Kunden speichern ihre Daten bereits in den Rechenzentren von Amazon – darunter auch so renommierte Unternehmen wie Netflix, Adobe, Dropbox, Expedia, Pinterest, Foursquare, Airbnb, Nokia, Samsung, Time, BMW, Pfizer oder Novartis. Bereits 4,1 Milliarden Dollar erlöste Amazon allein im vergangenen Quartal mit AWS; im vergangenen Jahr konnte Amazon mit seiner Cloud-Sparte erstmals mehr als 10 Milliarden Dollar umsetzen.

„Elektrizität des Internetzeitalters“

„AWS ist die Basis, um Online-Unternehmen aufzubauen. Es ist die Elektrizität des Internetzeitalters“, ist etwa Chamath Palihapitiya, CEO des Wagnisfinanzierers Social Capital, vom Wachstumspotenzial der Cloud-Sparte begeistert. Angesichts der rasanten Zuwächse – im vergangenen Quartal legte AWS allein um 42 Prozent zu – sehen Analysten für Amazon die Bäume schier in den Himmel wachsen.

Der Deutsche Bank-Analyst Karl Keirstead etwa taxiert den Wert von Amazon Web Services, wäre die Sparte ein eigenständiges Unternehmen, bereits auf enorme 160 Milliarden Dollar  – und repräsentiert damit ein Drittel des aktuellen Börsenwertes des Gesamtkonzerns.

Wird Amazon wertvollster Konzern der Welt?

Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 470 Milliarden Dollar ist Amazon bereits zum fünftwertvollsten Konzern der Welt aufgestiegen. Glaubt man Wall Street-Experten, dürfte das jedoch nur eine Durchlaufstation sein.  „Amazon kann bis 2025 einen Börsenwert von drei Billionen Dollar erlangen“, erklärte Palihapitiya im vergangenen Jahr auf einer Investmentkonferenz  – das wäre nochmals mehr als eine Versechsfachung und würde einem Wert von 6000 Dollar pro Amazon-Aktie entsprechen.

„Amazon ist das unglaublichste Unternehmen Welt“, legt sich Palihapitiya fest. Fast unisono schlagzeilte auch das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“, das Amazon attestiert, das „erstaunlichste Unternehmen der Welt“ zu sein. Supermärkte ohne Kassen und Warteschlangen (Amazon Go), eine Warenauslieferung mit Drohnen und am Ende vielleicht selbstfahrende Autos – es gibt viele neue Spielfelder, die der Internetpionier in Zukunft entdecken und erobern will.

Kein Wunder also, dass in Seattle auch mehr als 23 Jahre nach der Gründung weiterhin Aufbruchstimmung herrscht und Jeff Bezos mit seiner notorischen Lache zuletzt lacht.
Dazu hat der heute 53-Jährige auch allen Grund: Dank seines weiterhin 18-prozentigen Firmenanteils ist Bezos’ Nettovermögen auf inzwischen über 82 Milliarden Dollar gestiegen – reicher ist aktuell nur Bill Gates, der noch einen Vorsprung von rund zwei Milliarden Dollar besitzt.

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