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Chinas überraschendes Klimaversprechen wirft viele Fragen auf

·Lesedauer: 5 Min.

Die Volksrepublik kündigt an, bis zum Jahr 2060 klimaneutral sein zu wollen. Die größte Herausforderung ist dabei der hohe Kohlestrom-Anteil in ihrem Energiemix.

Es war ein überraschender Vorstoß, den Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am Dienstag bei der virtuellen Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York verkündete. Die Volksrepublik wolle „vor 2060“ klimaneutral werden, versprach er per aufgezeichneter Videobotschaft. Der Ausstoß von Kohlendioxid solle zudem noch „vor 2030“ den Höhepunkt erreichen.

Es war das erste Mal, dass China überhaupt ein Ziel für Klimaneutralität formuliert hat. Das Land ist seit Jahren der weltgrößte Emittent von klimaschädlichen Gasen. Inzwischen hat China Europa auch beim Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlenstoff überholt. Während in der Europäischen Union und Großbritannien im Jahr 2019 pro Kopf 6,47 Tonnen CO2 ausgestoßen wurden, waren es in China 8,12 Tonnen und in den USA 15,52 Tonnen.

Xis Vorstoß stieß in Deutschland und international auf Zustimmung. Experten zeigten sich überrascht von dem großen Versprechen. „Xi will sich zwar auch gegen die Amerikaner profilieren, aber ich nehme die Aussage dennoch sehr ernst“, sagte Felix Matthes, Forschungskoordinator im Bereich Energie und Klimaschutz beim Öko-Institut. „Das Ziel der Klimaneutralität ist vom Ambitionsniveau ein totaler Richtungswechsel“, so Matthes.

Frans Timmermans, EU-Kommissar für Klimaschutz, schrieb auf Twitter, er begrüße die Ankündigung, dass China ein Datum für den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen festgelegt hat und vor 2060 kohlenstoffneutral werden wird. Er fügte hinzu, dass jedes Land seine Klimaziele hochschrauben müsse.

Das Versprechen Chinas kann auch als Zugeständnis an die EU gesehen werden. Erst beim EU-China-Gipfel Mitte September hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel von Peking ehrgeizigere Ziele beim Klimaschutz gefordert.

Damit scheint eine der Strategien, die die EU mit ihrer Ankündigung verfolgt, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen, aufgegangen sein: „Wir haben uns das ehrgeizige Klimaziel auch in der Hoffnung gesetzt, dass andere mitziehen. Denn allein können wir den Klimawandel nicht aufhalten“, sagte eine EU-Beamtin dem Handelsblatt. „Wir sind daher ungemein froh, dass China mitmacht.“

Sie machte allerdings auch klar, dass sich die EU im Wettbewerb mit China nun noch mehr anstrengen müsse. „Wir sind zwar in der Forschung besser, die Chinesen aber in der Umsetzung.“ Dennoch wolle man Klimaschutz lieber durch internationalen technologischen Wettbewerb erreichen als zum Beispiel durch Klimazölle, die das Risiko eines Handelskriegs bergen.

Auch Li Yan, Vertreter von Greenpeace in China, lobte das Versprechen. „Das ist ein sehr positives Signal in einem für die Umwelt und die globale Zusammenarbeit herausfordernden Jahr“, sagte er. „Wenn China, das lange Zeit als weltgrößter Emittent auffiel, sich zur Klimaneutralität verpflichten kann, schmelzen die Rechtfertigungen für eine Verzögerung des Klimaschutzes dahin.“ Entscheidend sei aber, so Li, wie sich Chinas Engagement vor Ort auswirke.

Tatsächlich ist nicht klar, wie die chinesische Regierung Klimaneutralität genau definiert und mit welchen Mitteln sie diese erreichen will. Zwar hat Peking in den vergangenen Jahren massiv in den Ausbau von erneuerbaren Energien investiert und deren Anteil am Strommix erhöht.

Auf China entfiel im Jahr 2019 mit 30 Prozent erneut der größte Anteil der weltweiten Investitionen in erneuerbare Energiekapazitäten. China hat zudem weltweit die größten Stromerzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Energien. Zum Jahresende 2019 waren in der Volksrepublik 789 Gigawatt installiert, erst danach kamen die USA (282 GW), Brasilien (144 GW), Indien (137 GW) und Deutschland (124 GW).

Allerdings liegt der Anteil von Kohlestrom noch immer bei um die 60 Prozent. Und wegen des großen Energiehungers in China ist der absolute Verbrauch von Kohle als Energieträger gestiegen. In diesem Jahr sind so viele neue Kohlekraftwerke in der Volksrepublik genehmigt worden wie zuletzt 2015.

China investiert zudem massiv in den Aufbau von Kohlekraft in anderen Ländern. Laut dem Boston University Global Development Center finanzierten die Chinese Development Bank und die Export-Import-Bank of China seit dem Jahr 2000 Kohleprojekte in Höhe von 51,8 Milliarden US-Dollar, hinzu kamen Investitionen in Ölprojekte in Höhe von 88 Milliarden US-Dollar.

Das wirft Zweifel daran auf, wie ernst es der chinesischen Regierung mit dem neuen Klimaziel tatsächlich ist – zumal Peking auch in anderen Bereichen wie etwa bei der Öffnung seiner Märkte oder der Herstellung eines Level Playing Fields für ausländische Unternehmen in China bereits in der Vergangenheit sein Wort gebrochen hat. „Wenn es um das Klima geht, hat China tendenziell eine bessere Erfolgsbilanz als in anderen Bereichen“, sagt Li Shuo, Experte bei Greenpeace East Asia.

Enorme Investitionen erforderlich

Ein Bereich, auf den man in den kommenden Jahren achten sollte, ist der Energiesektor. Dort ist es vergleichsweise am einfachsten, den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu reduzieren. Ob China weiterhin auf Kohle als Energielieferant setzt, wird ein Indikator dafür sein, wie sehr Peking wirklich hinter seinen Zielen steht, sagt Li Shuo. „Ob die chinesische Regierung es wirklich ernst meint, wird sich in zwei Bereichen entscheiden: Kohle und Stahl“, sagt Ökoinstituts-Experte Matthes. „Dort muss die Regierung als Erstes ran, wenn sie klimaneutral werden will bis 2060.“

Einen kleineren Teil könnte auch das Emissionshandelssystem beitragen, an dem China seit 2015 arbeitet und das laut Angaben von Chinas Staatschef Xi Jinping den europäischen Zertifikatehandel übertreffen solle. Doch der Start verlief wegen verschiedener Hürden schleppend, sodass bis heute das gehandelte Volumen und verdiente Geld vergleichsweise sehr gering sind.

Chinas Plan, mehr auf saubere Energie zu setzen, wird laut Beobachtern auch Thema bei der Besprechung des 14. Fünf-Jahres-Plan sein, der ab nächstem Jahr bis 2025 die Weichen für die Wirtschaft des Landes stellen soll. Es wird erwartet, dass die chinesische Regierung im Oktober zu Beratungen dazu zusammenkommt.

Das Erreichen von Klimaneutralität würde enorme Investitionen erfordern. Einer Schätzung der Analysefirma Sanford C. Bernstein & Co. zufolge müsste China 5,5 Billionen Dollar insgesamt oder etwa 180 Milliarden Dollar im Jahr ausgeben, um dieses Ziel bis 2050 zu erreichen. Die Umstellung würde demnach eine drastische Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe und den Ausbau von neuen Technologien erfordern, um die verbleibenden Emissionen auszugleichen.

Mitarbeit: Eva Fischer