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ZDF-Doku enthüllt: Die Tricks der Krankenkassen

Geht es bei allen Krankenkassen mit rechten Dingen zu? (Bild: AP)

Seit Jahren müssen die Versicherten mehr Geld für ihre Gesundheit bezahlen. Die Kassen schieben das auf gestiegene Kosten im Gesundheitswesen. Die TV-Doku ZDFZoom hat nun aufgedeckt, was die Kassen wirklich mit den immer steigenden Beiträgen machen und wie sie mit fragwürdigen Praktiken tricksen.

In Deutschland gibt es 113 gesetzliche Krankenkassen, bei denen ein Großteil der Deutschen versichert ist. Vom Bruttogehalt des Versicherten werden 14,6 Prozent für die Beiträge abgezogen. 95 Prozent der Leistungen sind gesetzlich festgelegt und folglich für alle Kassen gleich.

Allein die Zusatzbeiträge, die die Kassen von ihren Versicherten erheben können, wenn sie mit dem Geld nicht auskommen, unterscheiden sich. Deswegen fokussiert sich der Kassenwettbewerb auf zwei Bereiche: die Höhe des Zusatzbeitrages und auf Zusatzleistungen wie Yoga, Homöopathie und Reiseimpfungen.

Millionen von Euro werden für Yoga und Co. ausgegeben

Experten kritisieren viele der angebotenen Zusatzleistungen, denn die Kassen geben für Stresspräventionsmaßnahmen wie Yoga und Chi Gong jährlich mehr als 500 Millionen Euro aus. Sie sehen dies außerdem als geschickte Werbemaßnahme einzelner Kassen an, um neue Kunden anzulocken und die Risiken anderen Kassen zu überlassen. Junge, gesunde Versicherte zahlen hohe Beträge, kosten die Kasse aber wenig.

Jana-Alina Kornfeld ist blind (Bild: Screenshot ZDFZoom)

Versicherte müssen um Leistungen kämpfen

Doch es scheint, als würden die Krankenkassen die medizinische Versorgung zunehmend vernachlässigen. “Das können Sie sehen an der Werbung der Krankenkassen, worauf sich Krankenkassen spezialisieren: auf junge Familien, auf junge Frauen, auf sportliche Menschen, auf Menschen, die im Internet unterwegs sind. Die also clever sind, die gut verdienen. Sie sehen deutlich, dass die Krankenkassen an chronisch Kranken, die teuer sind, wenig Interesse haben“, so Gesundheitsexperte Wolfgang Wodarg.

Jana-Alina Kornfeld ist beispielsweise seit ihrer Geburt blind und ihre Augen können nur zwischen hell und dunkel unterscheiden. Zum Lesen braucht sie einen Computer mit einer speziellen Software, der ihr Texte vorliest und über den sie gleichzeitig mittels einer speziellen Tastatur Befehle eingeben kann. Deswegen hat sie bei ihrer Krankenkasse ein spezielles Gerät mit Sprachsteuerung beantragt, einen sogenannten Daisyplayer. Der kostet circa 460 Euro, zu viel für Jana-Alinas alleinerziehende Mutter Andrea Kornfeld.

Kasse lehnt Kostenübernahme ab

Seit eineinhalb Jahren kämpfen die Kornfelds darum. Doch ihre Krankenkasse lehnt eine Kostenübernahme ab. Die Deutsche BKK begründet das damit, “dass die Versicherte […] bereits versorgt ist: Folglich kann der Bedarf für die Versorgung mit einem weiteren Hilfsmittel für die Informationsgewinnung […] nicht erkannt werden.”

Die Kasse verweist auf Anfrage des ZDF schriftlich außerdem auf zwei Gutachten des Medizinischen Dienstes. Dort heißt es: “Frau Kornfeld hat einen PC, der mit einer Software ausgestattet ist, die den Bildschirmtext vorlesen oder in Brailleschrift ausgeben kann.” Im Klartext heißt das: Ein PC im Zimmer muss reichen.

So tricksen die Kassen

Nicht selten bedienen sich die Kassen in diesem knallharten Wettbewerb fragwürdiger Praktiken. Um das finanzielle Risiko der Krankenkassen abzumildern, gibt es einen Gesundheitsfonds, in den Ausgleichszahlungen abgeführt werden. Wenn ein Patient als besonders risikoreich gilt, bekommt die Kasse des Patienten aus dem Fonds einen bestimmten Betrag. Eine Liste mit 80 Krankheiten hält fest, wie viel Geld die Kasse aus dem Topf erhält.

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Um höhere Beiträge aus dem Topf zu bekommen, registrieren die Krankenkassen vermehrt Krankheiten, die im Katalog stehen, obwohl sie beim Patienten nicht diagnostiziert wurden. Der Fonds sorgt also dafür, Kranke noch kränker zu machen,  damit es mehr Geld für die Kassen gibt.

“Wir verschwenden sehr viel”

Die ZDF-Doku zeigt, worauf es in Zukunft hinauslaufen wird: 2017 werden die Kassen geschätzte 214 Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds bekommen. Es gehe primär darum, wer wie viel aus diesem Topf erhält, so Wolfgang Wodarg. Er hält diese Art des Wettbewerbs für nicht kompatibel mit dem deutschen Gesundheitssystem.

“Wir könnten mit demselben Geld eine fantastische Gesundheitsversorgung haben, die die beste der ganzen Welt ist. Wir verschwenden sehr viel. Wir haben Überversorgung und Fehlversorgung, die wahnsinnig viel Geld verschlingt. Und die Tatsache, dass in Deutschland doppelt so viele Hüften wie in anderen europäischen Ländern implantiert werden, ist kein Zeichen dafür, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland besonders gut ist, sondern dass es sich in Deutschland lohnt, Hüften zu transplantieren.”