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Wirtschaftshistoriker Ferguson: „Nach der Pandemie wird es eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben“

Riecke, Torsten
·Lesedauer: 11 Min.

Der in Stanford lehrende Historiker prophezeit nach dem Ende der Pandemie in 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen.

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hat die Corona-Pandemie bereits Anfang 2020 vorausgesagt. Aus historischer Sicht werde es Covid-19 nicht unter die 20 schlimmsten Pandemien der Menschheitsgeschichte schaffen. „Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe wird dafür sorgen, dass die Pandemie Ende nächsten Jahres in den meisten Orten der Welt Geschichte ist“, sagte Ferguson, der in Stanford lehrt, im Interview mit dem Handelsblatt. „Und dann setzt die kollektive Amnesie ein, durch die wir auch frühere Pandemien schnell vergessen haben.“

Die Corona-Pandemie wird nach Meinung des gebürtigen Schotten keine bleibenden wirtschaftlichen Schäden hinterlassen. Unterm Strich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen sogar geringer als nach der Finanzkrise 2008.

Die US-Haushalte haben laut Ferguson in 2020 rund eine Billion Dollar zwangsweise gespart. Dieses Geld werde ausgegeben, wenn dies wieder möglich sei. „Es wird eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben, und die Sparrate in den USA wird wieder auf ihr historisches Maß sinken.“

Der konjunkturelle Boom in 2021 werde die Notenbanken dazu zwingen, früher als geplant auf die Bremse zu treten. Überschattet bleibe der Aufschwung vom neuen kalten Krieg zwischen den USA und China, dem sich auch Europa nicht entziehen könne.

Der Historiker befürchtet außerdem, dass Deutschland und Frankreich nach dem Abgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) politisch unterschiedliche Richtungen einschlagen werden. „Die CDU hat die Frage, wer folgt auf Merkel, so schlecht gemanagt, dass niemand eine Ahnung hat, wer in ihre Fußstapfen tritt“, sagte Ferguson. Die entscheidende Frage sei, wer in der Post-Merkel-Ära den Ton in Europa angibt. „Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon deutlich gemacht, dass er diese führende Rolle übernehmen will.“

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Ferguson, hat die Pandemie die Weltwirtschaft nachhaltig geschädigt?

Ökonomisch betrachtet wird die Coronakrise die stärkste, aber auch kürzeste Rezession sein, die es je gegeben hat. Das Tempo der wirtschaftlichen Erholung in den USA und anderswo ist schon jetzt enorm, obwohl die Impfungen gerade erst begonnen haben. Nur etwa fünf Prozent unserer Volkswirtschaft mussten wir zum Stillstand bringen, um das Virus zu bekämpfen. Der Rest lief weiter. Obwohl der wirtschaftliche Schaden momentan groß ist, werden wir in 2021 das Schlimmste überstanden haben. Unterm Strich sind die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie viel geringer als die Schäden nach der Finanzkrise 2008.

Wenn die Weltwirtschaft sich so schnell erholt, wie Sie und viele Ökonomen es prophezeien, können wir uns dann den Streit über Schuldenberge und eine neue Austeritätspolitik sparen?
Nein, wir müssen über diese Themen sprechen. Die wirtschaftliche Erholung wird die Form einer Schildkröte haben: Die Volkswirtschaften der meisten Industrieländer sind vom Panzer in den Nacken der Schildkröte gestürzt und jetzt wieder auf dem Weg nach oben – ohne allerdings das vorherige Niveau zu erreichen. Das ist erst möglich, wenn die Pandemie ganz vorüber ist.

Die massiven Staatshilfen waren also notwendig?

Der ungewöhnlich hohe Einsatz der Geld- und Fiskalpolitik, zum Beispiel in den USA, wird im nächsten Jahr zu Problemen führen. Die Inflationsrate wird schneller die Zielmarke von zwei Prozent überschreiten, als die US-Notenbank das erwartet.

Warum?
Die US-Haushalte haben in 2020 rund eine Billion Dollar zwangsweise gespart. Dieses Geld wird ausgegeben, wenn das wieder möglich ist. Es wird eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben, und die Sparrate in den USA wird wieder auf ihr historisches Maß sinken.

Wie werden die Notenbanker darauf reagieren?
Der kommende Boom 2021 wirft die Strategie der Fed über den Haufen. Die amerikanischen Zentralbanker wollten die Inflation etwas über ihren Zielwert hinausgehen lassen, um die Dürrejahre mit geringerer Inflation auszugleichen. Wenn jedoch die Inflationserwartungen zunehmen, wird auch der Druck auf die Notenbank wachsen, ihre Strategie zu ändern und früher als gewollt ihre Anleihekäufe zurückzufahren. Wenn Anleihen an den Finanzmärkten nicht mehr ohne Weiteres von der US-Notenbank aufgekauft werden, wird das den Dollar weiter schwächen. Wahrscheinlich wird es im zweiten Halbjahr 2021 dazu kommen.

Droht uns also eine neue Schuldenkrise?
Die Schuldenquote der USA wird deutlich über den Stand nach dem Zweiten Weltkrieg steigen. Das Haushaltsbüro des Kongresses sagt voraus, dass die steigenden Zinslasten und die wachsenden Sozialausgaben das gesamte Budget auffressen werden.

Der frühere US-Finanzminister Larry Summers hält dagegen, dass die Zinsen und damit auch die Zinslasten für den Staat niedrig bleiben. Bislang hat er recht behalten.
Es kann sein, dass die von Summers prognostizierte säkulare Stagnation weiter anhält. Anders jedoch als nach der Finanzkrise wird sich die Wirtschaft jetzt viel schneller erholen. Damit steigt auch das Zinsrisiko. Auch wenn niemand mehr das schmutzige Wort „Austerität“ in den Mund nehmen will, wird es ohne schmerzhafte Anpassungen der Fiskalpolitik nicht gehen.

Wie wird die neue Biden-Regierung mit diesem Dilemma fertig?
Entscheidend wird sein, ob die Demokraten die Stichwahlen für den Senat in Georgia Anfang Januar gewinnen können. Nur dann kann Biden sein ehrgeiziges Wiederaufbauprogramm für die Wirtschaft umsetzen. Behalten dagegen die Republikaner ihre Mehrheit im Senat, bestimmt ihr Anführer Mitch McConnell die politische Agenda in den USA. Das würde die Biden-Regierung zur politisch schwächsten Regierung in den USA seit 1884 machen, als der Demokrat Grover Cleveland weder das Repräsentantenhaus noch den Senat gewinnen konnte. Bidens Pläne, die Staatsausgaben und die Steuern für die Reichen zu erhöhen, würden im Senat blockiert.

Sie erwarten einen Fehlstart des neuen US-Präsidenten?
Nicht unbedingt. Biden wird von dem wirtschaftlichen Boom profitieren, der mit Beginn der Immunisierung einsetzen wird. Das wird ihm politisch viel Rückenwind geben. Auch wenn Trump mit dem staatlichen Projekt „Warp Speed“ zur schnellen Entwicklung der Impfstoffe beigetragen hat. Außerdem: Die US-Wirtschaft kommt im Frühjahr vermutlich auch ohne eine große staatliche Konjunkturhilfe aus. Die Impfstoffe bringen die Wirtschaft auf Touren.

Was wird aus der Republikanischen Partei nach Trump?
In der amerikanischen Geschichte gibt es nur ganz wenige, die nach einer verlorenen Präsidentschaftswahl ein politisches Comeback geschafft haben. Trump hat eine riesige Anhängerschaft, die er mit der Dolchstoß-Legende von dem angeblich gestohlenen Sieg noch stärker an sich gebunden hat. Das Establishment der Republikaner möchte Trump dennoch möglichst schnell loswerden. Die Herausforderung ist, dies zu erreichen, ohne die Partei zu spalten. Das ist der wahre Grund, warum Mitch McConnell und andere Republikaner so lange gezögert haben und erst jetzt den Sieg Bidens anerkennen. Viele Wähler wollten wie ich Trump abwählen, aber keinen Erdrutschsieg der Demokraten.

Wird Trump 2024 noch einmal antreten?
Er wird es sicherlich versuchen. Und Republikaner wie Mike Pompeo oder Nikki Hailey, die ebenfalls Ambitionen für das Weiße Haus haben, werden alles tun, damit Trump wie der Demokrat Bernie Sanders schon in den Vorwahlen scheitert. Die Themen des Trumpismus aber – sei es die Konfrontation mit China, der harte Kurs in der Einwanderungspolitik oder der Kulturkrieg – werden auch die Themen des nächsten republikanischen Präsidentschaftskandidaten sein.

Wenn die innenpolitischen Spielräume für Biden begrenzt sind, wird er sich der Außenpolitik zuwenden. Worauf muss sich Europa gefasst machen?
Die Europäer sind natürlich enorm erleichtert, dass Trump abgewählt wurde. Es wird ihnen so vorkommen, als wären sie aus einem Albtraum erwacht. Bidens neuer Außenminister Tony Blinken ist ein Atlantiker und wird die die transatlantische Allianz wiederbeleben. Man wird den Handelsstreit beilegen, und die Debatte über eine gerechtere Lastenverteilung in der Nato wird deutlich friedlicher verlaufen.

Werden die USA und Europa auch gegenüber China künftig an einem Strang ziehen?
Die Veteranen aus der Obama-Zeit, die jetzt in der neuen Biden-Administration Schlüsselpositionen einnehmen, haben inzwischen gelernt, dass die Formel Wandel durch Handel mit China nicht funktioniert. Biden wird deshalb den harten Kurs von Trump gegenüber China beibehalten. Er wird weder die Strafzölle einfach zurücknehmen, noch wird er den Technologie-Bann gegenüber Huawei aufheben. Und beim Thema Menschenrechte für die Uiguren oder in Hongkong wird die Biden-Administration eher noch härter auftreten. Der neue kalte Krieg zwischen Washington und Peking ist also nicht vorbei.

Wird Biden die Europäer auf die harte US-Linie einschwören?
Biden muss gar nicht mehr so viel Druck aufbauen, weil auch die Europäer inzwischen gemerkt haben, dass es einen neuen kalten Krieg gibt, bei dem sie nicht auf der Seite Chinas stehen wollen. Es dürfte also nicht so schwierig sein, Europa davon zu überzeugen, chinesische Technologien und die neue Seidenstraße zu meiden. Alle müssten inzwischen gemerkt haben, dass der chinesische Präsident Xi Jinping es auf einen Systemkonflikt mit dem Westen anlegt. Im abgelaufenen Jahr hat das Regime in Peking sein wahres Gesicht gezeigt. Das aggressive Verhalten Chinas gegenüber Australien wird die Reihen im Westen weiter schließen. Trump lag richtig mit seiner China-Politik.

In Deutschland sieht man das anders.
Ja, Umfragen zeigen, dass die Deutschen im neuen kalten Krieg gern neutral bleiben würden. Das halte ich für eine Illusion. Die nächste Generation der politischen Führer in Deutschland wird wissen, dass dies keine realistische Option ist. Deutschland kann im neuen kalten Krieg nicht neutral bleiben.

Hat das auch mit Angela Merkel zu tun, die im nächsten Jahr abtreten will?
Ich glaube es erst, wenn es wirklich passiert. Sie hat es schon mal angekündigt und sich dann doch anders entschieden. Die CDU hat die Frage, wer auf Merkel folgt, so schlecht gemanagt, dass niemand eine Ahnung hat, wer in ihre Fußstapfen tritt. Die entscheidende Frage ist, wer in der Post-Merkel-Ära den Ton in Europa angibt. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon deutlich gemacht, dass er diese führende Rolle übernehmen will. Macron hat sich als ein neuer de Gaulle profiliert, und die politische Distanz zwischen Paris und Berlin wird immer größer.

Woran machen Sie das fest?
Macron hat die Nato für hirntot erklärt. Er sucht freundschaftliche Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin. Und er hat mit gaullistischen Argumenten die Gedanken von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zur transatlantischen Sicherheit abgeschmettert. Macron versucht alles, um seine Wiederwahl zu sichern. Und das wird für Merkels Nachfolger ein Riesenproblem, weil der Franzose damit andere strategische Prioritäten setzt als Berlin.

Wie hat sich das Gesicht der Globalisierung durch die Pandemie verändert?
Die Globalisierung hat sich bereits seit 2007 verlangsamt. Die Pandemie und der kalte Technologiekrieg zwischen den USA und China haben diesen Trend noch verstärkt. Dennoch wird es auch künftig eine wirtschaftliche Verflechtung zwischen den beiden rivalisierenden Großmächten geben. Es wird zwar weiter über Technologien, Handel und nationale Sicherheit gestritten, und dennoch kann die Wall Street in China eine Menge Geld verdienen. Es war ein cleverer Schachzug des chinesischen Vize-Premiers Liu He, den Finanzmarkt in China während des Handelskrieges zu öffnen.

Sind solche finanziellen Abhängigkeiten gefährlich?
Ja, wenn es zum Beispiel über Taiwan zu einem heißen Krieg zwischen den USA und China kommen sollte, würde die Wall Street viel Geld verlieren. So wie Berlin der Dreh- und Angelpunkt des Ost-West-Konflikts war, so rückt Taiwan jetzt ins Zentrum des neuen kalten Krieges. Taiwan zeigt übrigens auch, dass Chinesen in der Lage sind, eine Demokratie mit Rechtsstaat und liberalen Freiheiten aufzubauen.

Zurück zur Coronakrise: Sie haben schon im Januar kurz nach den ersten Meldungen aus Wuhan eine Pandemie prophezeit. Wie hat sich das ausgefallene Jahr 2020 rückblickend entwickelt?
Ich habe damals vorausgesagt, dass die Pandemie einen schweren wirtschaftlichen Schock auslösen und die Welt mehr als ein Jahr lang unter Dauerstress setzen werde. Das ist so eingetroffen. Die Zahl der Toten ist etwa mit der Mortalität durch die asiatische Grippe (H2N2) von 1957/58 vergleichbar. Es ist wichtig, dass wir das Coronavirus im historischen Kontext anderer Pandemien sehen. Nur dann kann man verstehen, was wir 2020 erlebt haben.

Warum verschwinden Pandemien so schnell aus unserem historischen Gedächtnis – das gilt ja auch für die Spanische Grippe von 1918/19?
Dass liegt natürlich vor allem daran, was wir im Geschichtsunterricht lernen – und was nicht. In meinem Buch über den Ersten Weltkrieg habe ich beschrieben, dass der Zusammenbruch der deutschen Armee vor allem durch die hohe Zahl von Grippe-Erkrankten zustande kam. Die Spanische Grippe, die vermutlich in einem Militärcamp in den USA entstanden ist, hat damals praktisch den Krieg beendet. Historisch können politische Imperien nur überleben, wenn sie auch ansteckende Krankheiten in den Griff bekommen. Das ist jedoch keine Pflichtlektüre an unseren Schulen und Universitäten.

Helfen Sie uns: Wie müssen wir die Corona-Pandemie geschichtlich einordnen?
Wir sollten zum Beispiel im Kopf behalten, dass die Aids-Pandemie mehr als 30 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Das ist viel schlimmer, als Corona jemals sein wird. Das Covid-19-Virus wird es nicht unter die 20 schlimmsten Pandemien schaffen, die es je gegeben hat. Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe wird dafür sorgen, dass die Pandemie Ende nächsten Jahres in den meisten Orten der Welt Geschichte ist. Und dann setzt die kollektive Amnesie ein, durch die wir auch frühere Pandemien schnell vergessen haben.

Haben die Regierungen mit ihren strikten Maßnahmen überreagiert?
Die Lockdowns sind ein sehr grobes Mittel. Aber für viele westliche Länder gab es dazu keine Alternative, da die dortigen Regierungen es versäumt haben, die Pandemie frühzeitig und effizient zu bekämpfen, wie es etwa Ländern wie Taiwan und Südkorea gelungen ist.

Herr Ferguson, vielen Dank für das Gespräch.

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