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Veranstaltungsbranche in der Krise: „Man rechnet, was günstiger ist – Absage oder leere Halle“

Die Veranstaltungsbranche hat sich nicht von der Corona-Pandemie erholt. In einem Brief wenden sich Vertreter an die Bundesregierung und bitten um Hilfe.

Das Publikum feiert beim Konzert der australischen Band King Gizzard & The Lizard Wizard im Berliner Tempodrom. Doch so eng und ausverkauft waren zuletzt wenige Liveveranstaltungen. (Bild: Jana Legler/Redferns)
Das Publikum feiert beim Konzert der australischen Band King Gizzard & The Lizard Wizard im Berliner Tempodrom. Doch so eng und ausverkauft waren zuletzt wenige Liveveranstaltungen. (Bild: Jana Legler/Redferns)

Helene Fischer, Rammstein und Depeche Mode haben keine Probleme – ihre Konzerte sind den Fans selbst dann viel Geld wert, wenn wegen der Energiekrise der Geldbeutel dünn ist. Stehen auf der Bühne aber keine Superstars, dann bleiben die Zuschauerreihen in diesem Jahr oft leer. Reihenweise sagen Künstler deshalb Konzerte oder ganze Touren ab: Revolverheld, Querbeat, Swedish House Mafia und mehr – alles keine unbekannten Namen. Wir haben uns umgehört, was im Geschäft mit Live-Veranstaltungen gerade los ist.

Was ist das Problem?

Bands, deren Konzerte sonst innerhalb weniger Stunden ausverkauft sind, bewerben jetzt ihre Tickets wie Marktschreier auf dem Hamburger Fischmarkt. Ein Beispiel: Der national erfolgreiche Rapper Casper ruft beinahe wöchentlich zu Ticketbestellungen auf.

Andere Bands schicken kurz vor dem Auftritt einen Hilferuf an die Fans und bieten zum ersten Mal Karten an der Abendkasse an. Und es geht nicht nur um Live-Konzerte: In den deutschen Kinos liegen die Zuschauerzahlen im Jahr 2022 50 Prozent unter denen aus dem Jahr 2019. „Die vergangenen Corona-Saisons haben uns getroffen wie die gesamte Veranstaltungsbranche – die Nachwirkungen und das Publikumsverhalten sind teils ähnlich wie im Kulturbereich“, sagt eine Sprecherin des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin Business Insider. Vor der Pandemie lag der Zuschauerschnitt in der Halle bei 8698 Besuchern, in der vergangenen Saison kam im Schnitt etwa 3000 Fans weniger zu den Heimspielen. Damit wieder mehr Einnahmen in die Kasse kommen, hat der Verein zu Beginn der neuen Spielzeit im Oktober eine spezielle Ticketaktion angeboten: Für neun Euro konnte man zwei Heimspiele besuchen. „Im Hinblick auf Publikumszahlen war es der erfolgreichste Saisonstart in der Vereinsgeschichte“, sagt die Vereinssprecherin.

Eine ähnliche Aktion läuft im Theater Hagen. In dem Fünf-Sparten-Haus kann man sich bis Jahresende für neun Euro im Monat so viele Vorstellungen anschauen, wie man will. Normalerweise kostet eine Eintrittskarte in der günstigsten Kategorie über 20 Euro. Das Theater will dadurch den Saal mit 778 Plätzen endlich wieder voll bekommen. Die Zuschauerauslastungen an den deutschsprachigen Bühnen sind von etwa 80 auf 60 Prozent gefallen, der Kartenverkauf ging deutlich zurück. Mit steigender Inflation dürfte die Frage, wer sich ein Ticket noch leisten kann, auch in weniger armen Städten an Relevanz gewinnen. Mareike Hujo, die Marketingverantwortliche des Hagener Theaters, sagt deutlich: „Wir verramschen hier Kultur nicht, sondern zeigen, dass sie trotz aktueller Belastungen wertvoll ist.“ Die neue Zielgruppe nehme sowieso auf Sitzen Platz, die sonst leer bleiben würden, sagt Hujo. 3700 Neun-Euro-Tickets sind bisher verkauft.

Lohnt sich das?

Selten spricht jemand so offen über den Grund, warum eine Veranstaltung abgesagt wird. Die Metal-Band „Der Weg einer Freiheit“ wandte sich bei Instagram an ihre Fans mit den Worten „Bilder von ausverkauften Hallen und Festivals zeigen gerade nicht unsere Realität“. Wegen zu geringer Vorverkäufe sei die Tour nicht planbar und müsse abgesagt werden. Brancheninsider schätzen, dass eine ausgefallene Tournee etwa 20 bis 30 Millionen Euro kostet.

Jens Michow. (Bild: picture alliance/Christoph Soeder)
Jens Michow. (Bild: picture alliance/Christoph Soeder)

Deshalb ziehen andere durch, obwohl viele Veranstaltungssäle vor allem bei in diesem Jahre neu angesetzten Veranstaltungen halbleer bleiben, wie Professor Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), gegenüber Business Insider bestätigt. „Bei 80 Prozent verkauften Tickets haben wir zwar kein Geld verloren, aber nach über zwei Jahren Pause wäre es auch schön, mal wieder etwas zu verdienen“, sagt Michow. Aktuell spielten einige Künstler aber auch noch bei einer Auslastung von 60 Prozent, da zahle man drauf, sagt Michow. Unbekanntere Gruppen, die in kleineren Clubs spielen, decken ungefähr ab 800 bis 1000 Zuschauern ihre Kosten. Kommen nicht einmal die, bleibt für die Künstler nichts an Rücklagen. „Man rechnet eben, was günstiger ist – Absage oder leere Halle“, sagt Michow.

Das unternehmerische Risiko ist aktuell enorm hoch. Einige Veranstalter berichten bei komplett ausverkauften Festivals von Verlusten bis zu zwei Millionen Euro. Michow erklärt, warum: „Man vergisst, dass die Karten für die Festivals oft noch zu den Preisen von 2019 verkauft wurden.“ Seitdem sei die Preiskalkulation aber eine ganz andere.

Wie könnte die Bundesregierung der Branche helfen?

Die Kultur- und Kreativwirtschaft (K3D) hat sich in einem Brief an die Bundesregierung gewandt. Das achtseitige Schreiben liegt Business Insider vor. Sie wollen darin Kulturstaatsministerin Claudia Roth und den Parlamentarischen Staatssekretär Michael Kellner (beide Grüne) überzeugen, dass die Gas- und Strompreisbremse für Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft bereits ab Januar 2023 gilt. Außerdem sollen die Mittel aus dem Sonderfonds für Kulturveranstaltungen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro, die bisher noch nicht vollständig abgerufen wurden, von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) vollständig freigegeben werden.

Dieses Jahr profitieren die Klubs noch vom Sonderfonds, sagt BDKV-Chef Michow. Mit diesem wird die Durchführung von Konzerten unterstützt, die pandemiebedingt nur mit geringerer Teilnehmerzahl stattfinden konnten. Diese sogenannte Wirtschaftlichkeitshilfe ermöglichte also Konzerte auch dann, wenn sie sich wirtschaftlich gar nicht gelohnt hätten. Die Förderung läuft zum Ende des Jahres aus. Und eine Verlängerung des Fonds stehe derzeit nicht zur Disposition, teilt ein Sprecher der Kulturstaatsministerin Roth mit. Dann müssen die Veranstalter wieder das volle Risiko für ihre Konzerte tragen. „Von einem Neustart nach der Corona-Pandemie ist unsere Branche noch weit entfernt – und jetzt sind wir direkt von der Energiekrise betroffen“, sagt Michow. Deshalb brauche es außerdem eine Neuauflage der Neustart-Initiative der Bundesregierung. Das Förderprogramm solle über den 30. Juni 2023 hinaus verlängert werden, findet er.

Was sind die Auswirkungen?

„Wir haben die Veranstaltungsdichte wesentlich reduziert“, sagt Dieter Semmelmann vom Konzertveranstalter Semmel Concerts. Seine Firma gehört zu den hundert größten Veranstaltungsfirmen der Welt. Im ersten Halbjahr 2023 organisiert Semmel Concerts mehr als die Hälfte weniger Live-Events (400) als noch 2019 (etwa 1000), sagt Semmelmann. Für ihn steht mittelfristig die Vielfalt des Kulturbetriebes auf dem Spiel. „Die Großen überleben das, aber tausende von mittleren und kleineren Veranstalter nicht“, stimmt ihm BDKV-Präsident Jens Michow zu. Jazz-, Bluesmusiker oder Liedermacher sind voraussichtlich genauso betroffen wie Lesefestivals und Literaturveranstaltungen. Hinzu kommt: „Die Etablierung von Newcomern, die ja zunächst erst einmal Geld kostet, wird unter einer längeren Talfahrt leiden“, sagt Semmelmann. So bleibt der Nachwuchs ohne Bühnenzeit auf der Strecke.

Während in Großbritannien, den europäischen Nachbarländern und im Osten längst wieder große Shows gespielt werden, sei die Zeit der Corona-Enthaltsamkeit in Deutschland besonders langanhaltend. „Sehr junges Publikum funktioniert noch gut – die sind unbekümmert – aber in allen anderen Altersgruppen sind viele Leute sehr zurückhaltend beim Ticketkauf.“ Hinzu kommt: Der Experte vom Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft rechnet damit, dass in der Bundesrepublik bald wieder die Maskenpflicht eingeführt wird. Die Pandemie hat das Live-Geschäft in Deutschland also weiter fest im Griff.

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