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VDA-Präsidentin Müller: „Priorität liegt auf Hochlauf des Elektroantriebs“

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Die Zukunft der Autobranche liege in der E-Mobilität, so die oberste Lobbyistin – aber nicht nur. Bei der Batterieproduktion sieht sie in Deutschland noch Probleme.

Die deutsche Automobilindustrie konzentriert sich auf die Elektromobilität, will aber zugleich bei anderen Antriebsarten vorankommen. „Bis zum Jahr 2030 liegt die Priorität auf dem Hochlauf des Elektroantriebs“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), am Donnerstag auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel 2020. Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe böten zusätzliche Chancen, denen sich die Autobranche stellen müsse.

Damit der Einstieg in die Elektromobilität zu einem Erfolg werde, sei die Automobilindustrie auf die Unterstützung aus der Politik und anderen Branchen angewiesen. Wichtigstes Thema sei dabei die Ladeinfrastruktur. „Liefern müssen jetzt alle“, erklärte die VDA-Präsidentin. Elektroautos fänden nur dann Akzeptanz, wenn das Laden jederzeit und überall möglich sei. Unverzichtbar seien auch einfache Abrechnungssysteme. „Hier ist die Energiewirtschaft gefordert“, sagte sie.

Mehr Unterstützung erwartet Hildegard Müller auch von der EU. Das angepeilte Ziel von einer Million Ladepunkte für ganz Europa sei viel zu niedrig, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen. Müller kritisierte die EU-Kommission dafür, dass sie umweltpolitische Ziele immer wieder verschärfe, aber keine konkreten Konzepte für deren Umsetzung vorlege. „Das Ladeversprechen muss erfüllt werden“, so die VDA-Präsidentin weiter. Ein umfassender Masterplan sei erforderlich.

Beim Hochlauf der Elektromobilität gibt es nach den Worten Müllers keine Widersprüche zwischen Autoherstellern und Zulieferern. Die gesamte Branche habe sich zur Erfüllung der Pariser Klimaziele und zu der damit verbundenen flächendeckenden Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen bekannt. In den nächsten zehn Jahren besitze der Elektroantrieb die wichtigste Rolle bei der Umsetzung der Pläne.

Andere Antriebsarten könnten dann mit fortschreitender Zeit an Bedeutung gewinnen. Die deutsche Automobilindustrie dürfe andere Antriebe nicht vergessen, wie das vielleicht in der Vergangenheit passiert sei. Mit Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen ließen sich in Zukunft durchaus wirtschaftlich tragfähige Antriebsarten entwickeln. Jedes einzelne Unternehmen werde dann für sich selbst entscheiden, welchen Weg es dabei gehen wolle.

Kurzfristig ist aus VDA-Sicht allerdings die Coronakrise das dringendste Problem. „Wir sind in großer Sorge darüber, wie sich die weitere Situation entwickeln wird“, sagte die VDA-Präsidentin. Der deutsche Pkw-Markt werde in diesem Jahr wahrscheinlich um mehr als 20 Prozent schrumpfen, bei Nutzfahrzeugen sei ein Minus von etwa 30 Prozent zu erwarten. Ähnliches gelte für ganz Europa.

Deutschland in der Batterieproduktion noch abhängig

Die aktuell stark zunehmende Zahl der Corona-Infektionen werde wahrscheinlich zu einer Eintrübung des Konsumklimas und damit zu einer geringeren Fahrzeugnachfrage führen. „Das ist ein Thema für uns“, so Müller. Wer Angst um seinen Arbeitsplatz habe, der werde wahrscheinlich nicht sofort ein neues Auto kaufen.

Die VDA-Präsidentin forderte deshalb die EU dazu auf, den bereits zur Jahresmitte beschlossenen „Recovery Plan“ möglichst schnell zu realisieren. „Europa muss seine Hausaufgaben erfüllen“, sagte sie. Einzelne Branche seien in ihrer Existenz bedroht. Gerade Deutschland habe sich in der Vergangenheit immer zur Sozialen Marktwirtschaft bekannt. Es gehe um eine Balance zwischen Wirtschaft und Sozialstaat. Dazu gehöre dann auch die Sicherung von Arbeitsplätzen.

Positiver äußerte sich Müller dazu, die langfristig angelegten Ziele zur Emissionsreduzierung und zur Kohlendioxid-Neutralität erreichen zu können. „Es wird für alles technische Lösungen geben, da bin ich optimistisch“, meinte die VDA-Präsidentin. Auch im Fahrzeugbestand könne es deutliche Veränderungen geben. Dabei könne abermals die EU helfen, wenn sie beispielsweise die Mittel für das angedachte Flottenerneuerungsprogramm bei Nutzfahrzeugen freigebe.

Bei der Versorgung mit Batterien sei die deutsche Automobilindustrie auf absehbare Zeit weiterhin von großen Lieferanten aus China, Korea und Japan angewiesen. „Kurzfristig sind wir nicht in der Lage dazu, allein alle Batterien zu produzieren“, erklärte Hildegard Müller. Volkswagen und Opel etwa bauen zwar eigene Werke für Batteriezellen in Deutschland. Doch diese neuen Fabriken reichen nicht aus, um den Eigenbedarf zu decken.

Die deutsche Automobilindustrie ist nach den Worten Müllers deshalb auch in Zukunft auf freien Welthandel angewiesen. Europa als Ganzes müsse dabei seine eigenen Interessen vertreten. Die USA und China verfolgten konsequent ihre eigenen Ziele. In den Vereinigten Staaten werde sich daran auch nichts unter einem neuen Präsidenten ändern. „Europa wird sich damit auseinandersetzen müssen, dass, egal wer dort regiert, Amerika seine Interessen – ehrlich gesagt auch nicht unberechtigt – formulieren wird“, betonte sie.
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