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Wie dieser Unternehmer vom Insekten-Killer zum Insekten-Retter wurde

·Lesedauer: 4 Min.

Der Bielefelder Hans-Dietrich Reckhaus warnt vor Biozid-Produkten, die er selbst herstellt. Wie lange kann er das durchhalten, und was treibt ihn an?

Der Tod war sein Beruf: Insekten schnell und effektiv eliminieren – dafür war Hans-Dietrich Reckhaus bekannt. „Meine Produkte haben Milliarden Insekten auf dem Gewissen“, sagt der Bielefelder, der in zweiter Generation ein mittelständisches Familienunternehmen leitet.

Das Geschäft mit Ameisenködern, Ungezieferspray, Mottenpapier und Fliegenfängern florierte jahrzehntelang – Reckhaus setzte vor fünf Jahren noch 25 Millionen Euro um, beschäftigte am Firmensitz 50 Mitarbeiter und zehn weitere im schweizerischen Gais. Seine Firma, die er 1995 von seinen Eltern übernommen hatte, gehörte zu den führenden Herstellern von Bioziden in Deutschland.

Bis er 2012 zwei Schweizer Konzeptkünstler engagieren wollte, um eine neue Fliegenfalle mit einer Kunstaktion zu vermarkten. Die Zwillinge Frank und Patrik Riklin lehnten ab: „Hans, das Produkt ist schlecht, es tötet Insekten!“, sagten sie. „Hast du schon einmal über den Wert einer Fliege nachgedacht?“

Ihre Bedingung für eine Zusammenarbeit: Er sollte einmal in seinem Leben Insekten retten, statt sie zu töten, erzählt der Zwei-Meter-Mann, der heute Bienen-Manschettenknöpfe trägt. „Frank und Patrik konfrontierten mich mit der Schattenseite meiner Produkte.“

Die Folge: Seitdem bekämpft Reckhaus den eigenen Markt – mit allen Höhen und Tiefen. Im ersten Schritt stattete Reckhaus seine Produkte mit ausführlichen Informationen über den Wert der Insekten aus, um seine Kunden zu sensibilisieren. Und aus der Aktion mit den Künstlern entwickelte sich das Gütesiegel „Insect Respect“. Reckhaus verpflichtet sich selbst damit, neue Lebensräume für Insekten anzulegen. Seit 2019 druckt er auf seine Verpackungen, ähnlich wie es die Tabakindustrie macht, den Hinweis: „Tötet wertvolle Insekten.“

„Mein Problem ist, dass der Markt noch nicht so weit ist“

Inzwischen stellt er das Kompensationszertifikat gegen Lizenzgebühr auch anderen Biozidherstellern zur Verfügung. Auch bei Branchenfremden stößt Reckhaus auf positive Resonanz. So verwandelte er mit dem Schokoladenhersteller Ritter Sport eine riesige Grünfläche in ein Insektenparadies. Zu den Kunden gehören auch Heidelberg Cement und der Bielefelder Taschen- und Rucksackhersteller Halfar. Dieses Geschäft wird für Reckhaus immer wichtiger.

Chemische Mittel zur Insektenvernichtung stellt sein Unternehmen allerdings nach wie vor her: Zwei Drittel seines Umsatzes macht Reckhaus damit noch – was ihm seine Kritiker vorwerfen. „Ich habe gar keine Lust mehr, Insektenbekämpfungsprodukte herzustellen. Meine Maschinen sind alle bezahlt, ich könnte sie jetzt abstellen und nur noch Insekten retten“, erklärt er. „Mein Problem ist, dass der Markt noch nicht so weit ist.“

Inzwischen aber ist seine Firma spürbar geschrumpft, der Umsatz sank von 25 auf 20 Millionen Euro, der Gewinn litt noch mehr. „Meine Rendite ist um mehr als 75 Prozent zusammengesackt“, erzählt Reckhaus. Doch das hält ihn nicht auf. „Es ist eine knappe Nummer, die ich da fahre. Ich finde das nicht angenehm.“

Damit er nicht sehenden Auges in die Pleite schlittert, entwickelt er permanent sein Geschäftsmodell weiter. Es soll in Zukunft vor allem auf drei Säulen stehen: Lebendfallen für den Haushalt, das Geschäft mit dem Gütesiegel und ein neues Franchisesystem. So soll in Bielefeld demnächst eine Akademie entstehen, in der zertifizierte Landschaftsgärtner für Insektenrettung ausgebildet werden. Die Rechnung dahinter: „Diese Gärtner können dann bundesweit Flächen anlegen, und wir bekommen Lizenzentgelt“, erklärt Reckhaus und hofft dadurch auf neue Einnahmen.

Manche Kunden versuchten ihn zu stoppen

Der Sinneswandel hinterlässt auch auf der menschlichen Ebene Spuren. „Mein Vater war überhaupt nicht begeistert, und bis heute hat er gemischte Gefühle“, erzählt Reckhaus. Die Mitarbeiter hatten anfangs Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, viele Freunde erklärten ihn für verrückt, größere Kunden haben sogar versucht, ihn zu stoppen. Und im Branchenverband der chemischen Industrie, der sich auf Anfrage zu seinem „grünen Schaf“ nicht äußern möchte, wird Reckhaus seit Jahren ignoriert. Er gilt als Nestbeschmutzer. „Ich störe natürlich, ich tue weh, aber das ist gut.“

Tatsächlich bekommt er mehr Zuspruch, Produkte mit seinem Siegel sind inzwischen sogar bei den großen Händlern wie dm, Aldi, Lidl und Rossmann zu finden. Und Reckhaus wird alle paar Wochen für sein Engagement geehrt, zuletzt vom Bundesumweltministerium. Seit Juli zählt er zu den Top-drei-Finalisten für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2021 in der Kategorie „Transformation für Biodiversität“. Unterstützung erhält er auch von prominenter Seite. „Querdenker wie dieser Unternehmer – es sind nicht Querulanten, sondern Antriebskräfte für wirklichen Fortschritt“, sagt etwa Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister. Josef Tumbrinck, der im Umweltministerium die Unterabteilung Naturschutz leitet, lobt das beispielhafte Engagement. „Herr Reckhaus ist von seiner Mission nicht allein ökonomisch getrieben, sondern hilft als überzeugende Persönlichkeit, die Welt mit seinen Möglichkeiten ein Stück weit besser zu machen.“ Tumbrinck muss es wissen, er war 23 Jahre lang Vorsitzender des Nabu-Landesverbands NRW.