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Studie: Weltweite Hungersnöte durch regionalen Atomkrieg

New Brunswick (dpa) - Selbst ein regionaler Atomkrieg, etwa zwischen Indien und Pakistan, könnte weltweit Hungersnöte auslösen. Dies geht aus Modellberechnungen hervor, die die Auswirkungen eines solchen Krieges durch Rußpartikel in der höheren Atmosphäre simuliert haben.

Der Ruß würde einen Teil des Sonnenlichts blockieren und zu Ernteausfällen führen. Forscher um Lili Xia und Alan Robock von der Rutgers University in New Brunswick (New Jersey, USA) stellten ihre Erkenntnisse im Fachjournal «Nature Food» vor Die Studie wurde beim Journal bereits 2021 eingereicht und durch den üblichen Überprüfungsprozess Monate später veröffentlicht.

«In einem Atomkrieg würden auf Städte und Industriegebiete gerichtete Bomben Feuerstürme auslösen und große Mengen Ruß in die obere Atmosphäre schleudern, der sich global ausbreiten und den Planeten schnell abkühlen würde», schreiben die Wissenschaftler, von denen drei am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung tätig sind. Die Fortschritte bei der Modellierung der globalen Veränderungen im Zuge des Klimawandels haben Simulationen wie in dieser Studie möglich gemacht. Die Folgen eines Atomkriegs würden jedoch erheblich schneller eintreten als beim Klimawandel.

Forscher entwarfen mehrere Szenarien

Xia, Robock und Kollegen entwarfen mehrere Kriegsszenarien und simulierten die Auswirkungen auf die Produktion einer ausgewählten Zahl an Lebensmitteln in den folgenden zehn Jahren. In allen Szenarien führt die Lebensmittelknappheit im eigenen Land dazu, dass alle Nationen Lebensmittelexporte stoppen; der weltweite Lebensmittelhandel käme zum Erliegen. Auf dieser Basis berechneten die Forscher, wie viele Kalorien pro Person in einzelnen Ländern noch zur Verfügung stehen würden und wie viele Menschen durch Hunger sterben würden.

Im kleinsten berechneten Szenarium würden 100 Atombomben mit einer Sprengkraft von jeweils 15.000 Tonnen rund fünf Millionen Tonnen Ruß in die obere Atmosphäre schleudern. In diesem Fall würden den Simulationen zufolge 27 Millionen Menschen direkt sterben und 255 Millionen Menschen durch Hungersnöte in verschiedenen Regionen der Erde.

Die Forscher berechneten auch die Auswirkungen eines atomaren Weltkriegs mit 4400 Atombomben zu 100.000 Tonnen Sprengkraft. Dadurch würden die verfügbaren Kalorien drastisch reduziert, in einigen Ländern um jeweils etwa 99 Prozent. Weltweit würden mehr als fünf Milliarden Menschen sterben, also mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Dabei sind die Folgen der radioaktiven Verseuchung noch gar nicht einkalkuliert. Lebensmittel aus dem Meer, das Essen von Insekten und andere Nahrungsalternativen oder das Schlachten des gesamten Nutzviehbestandes würden die Situation nur leicht verbessern.

Verbot von Atomwaffen einzige langfristige Lösung

«Diese Daten zeigen uns Eines: Wir müssen verhindern, dass ein Atomkrieg jemals geschieht», sagte Robock. «Wenn es Atomwaffen gibt, können sie auch eingesetzt werden. Das Verbot von Atomwaffen ist die einzige langfristige Lösung.» Wie es zu einem Atomkrieg kommen könnte oder verschiedene Wege, diesen zu verhindern, haben die Forscher nicht untersucht.

In einem Kommentar, ebenfalls in «Nature Food», schreibt Deepak Ray von der University of Minnesota in Saint Paul (Minnesota, USA): «Diese Arbeit ist ein Fortschritt im Vergleich zu früheren Studien.» Sie liefere neue Bewertungen der Ernährungssicherheit nach einem Atomkrieg auf nationaler und auf globaler Ebene unter einer Reihe von Kriegsszenarien. Die Anzahl der einbezogenen Feldfrüchte sei allerdings stark begrenzt gewesen und es gebe einige unklare Einzelaspekte, die analysiert werden sollten. Alles in allem aber diene die wissenschaftliche Erkenntnis aus dieser Studie als deutliche Warnung.

Von einer «sehr guten Studie» spricht Angelika Claußen von der Organisation IPPNW Deutschland (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges). Auch wenn andere Folgen, wie der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung, nicht Studienthema gewesen seien, machten die Ergebnisse der Simulationen die dramatischen Folgen für die Weltbevölkerung deutlich. «Das hilft uns in unserer Argumentation gegen jeglichen Einsatz von Atomwaffen und für den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag», sagt Claußen. Sie fordert alle neun Atommächte auf, gemeinsam einen Verzicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen zu erklären. Bislang haben das einzeln nur Indien und China getan.

Die Atommächte haben nach Angaben der Federation of American Scientists insgesamt rund 12.700 Atomsprengköpfe, die meisten davon besitzen Russland und die USA. Indien und Pakistan haben zusammen über 300 Stück.

«Wir haben bewusst keine Sensitivitätsstudie gemacht, die aufzeigt wie viele Atomwaffen benutzt werden können, bevor es zu katastrophalen indirekten Konsequenzen kommt», erläuterte Mitautor Jonas Jägermeyr vom PIK. «Das würde falsche Signale senden.»