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Boden für Neues: Start-ups und Mittelstand wollen die Agrarbranche verändern

Niedersachen hat nach Bayern die größte Fläche Land auf der Landwirtschaft betrieben wird. Foto: dpa

Die Landwirtschaft tut sich noch schwer bei Innovationen. In Osnabrück arbeiten Start-ups und Mittelständler zusammen und wollen sich gegen Großkonzerne behaupten.

Der Samen der Zukunft trägt Metallic-Blau, zumindest wenn es nach dem Willen der Gründer von Seedforward geht. Das Start-up aus Osnabrück hat eine Saatgutbeschichtung entwickelt, die das Korn widerstandsfähiger gegen Schädlinge machen soll, aber ohne Chemie – eine Art Bio-Glyphosat für den ökobewussten Bauern.

Und die Hinguckerfarbe hat auch einen praktischen Effekt: Bei der Aussaatkontrolle im Boden sieht man die Samen gut. „Wir beschäftigen uns wieder mit dem Thema Hardware, während viele Start-ups Software umsetzen. Aber neue Anbauverfahren im Acker lassen sich nicht nur mit Software lösen“, sagt der 30-jährige Mitentwickler Jacob Bussmann.

Für Existenzgründer gebe es noch viel Potenzial in der Landwirtschaft. Aber vielen fehle der Zugang, sagt Bussmann, der nach seinem Agrarwissenschaftsstudium eigentlich den familiären Bauernhof übernehmen sollte.

Mittlerweile ist Seedforward zu einem Aushängeschild dafür geworden, was das niedersächsische Osnabrück an erfolgreichen Agtech-Start-ups hervorbringt. Bei Agtech geht es darum, Landwirtschaft, Gartenbau und Aquakultur mithilfe von Technologien nachhaltiger und ertragreicher zu machen.

Niedersachsen eignet sich gut als Experimentierfeld für Neuerungen auf dem Acker, denn das Bundesland hat nach Bayern die zweithöchste Agrarquote in Deutschland, aber beispielsweise den niedrigsten Anteil Biofläche aller Bundesländer.

Gleichzeitig hat der Mittelstand im Nordwesten ein Interesse daran, zukünftige Entwicklungen nicht zu verpassen. Amazone, Grimme, Coppenrath & Wiese, Homann, Apetito – all diese großen Unternehmen aus den Bereichen Landmaschinentechnik und Ernährungsindustrie haben rund um Osnabrück ihren Sitz. Selbstbewusst nennt sich die Region auch „Agrotech Valley“ und will wie das Namensvorbild Silicon Valley an der amerikanischen Westküste ein Zentrum für Innovationen werden.

Dabei schließen sich auch Familienunternehmen zusammen, die sonst auf dem Weltmarkt konkurrieren. Wie beispielsweise die Landmaschinenhersteller Claas und Krone. „Weltkonzerne wie John Deere sind sehr stark unterwegs mit Budgets, die wir einfach nicht haben. Deswegen macht es Sinn, dass wir Mittelständler uns bei Themen wie der Digitalisierung vernetzen, Kompetenzen bündeln und Synergien nutzen“, sagt Josef Horstmann, Technischer Geschäftsführer der Krone Gruppe und Vorsitzender des Vereins Agrotech Valley Forum. Zusammen könnten sie mehr erreichen.

So sei das sechs Millionen Euro schwere Forschungsprojekt „AgroNordwest“, das die Digitalisierung in der Landwirtschaft untersucht, nur nach Osnabrück gegangen, weil die Familienunternehmen gemeinsam aufgetreten seien, so Horstmann. Seit seiner Gründung vor zwei Jahren habe das Agrotech Valley Forum 25 Millionen Euro Forschungsgelder nach Osnabrück geholt. Darunter das Projekt Agri-Gaia mit einem Förderwert von zehn Millionen Euro.

Seltene Spezies

Die Start-up-Szene hat die Landwirtschaft bisher kaum erobert. Gerade einmal 1,9 Prozent der deutschen Start-ups beschäftigen sich mit Agrarlösungen, an Innovationen für Lebensmittel insgesamt tüfteln 10,6 Prozent. Auch die Investitionen sind noch vergleichsweise knapp.

Laut Branchenbericht 2020 der Plattform Agfunder wurden in Deutschland in diesem Bereich im vergangenen Jahr 107 Millionen US-Dollar investiert. Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg waren es 6,2 Milliarden Euro. Und in Frankreich flossen in den Sektor im selben Zeitraum 346 Millionen US-Dollar. International ist Deutschland auf dem siebten Platz.

Der Mittelstand rund um Osnabrück will Wachstumsbeschleuniger sein und im besten Fall kreative Gründer aus den Start-up-Metropolen Berlin und München weglocken. 28 Firmen aus der Region haben das Seedhouse aufgebaut, einen Start-up-Accelerator, in dem angehende Gründer ihre Geschäftsideen testen und entwickeln können.

Passend zu den Schwerpunkten der Privatwirtschaft vor Ort müssen die Start-ups in den Bereichen Agrarwirtschaft und Ernährung aktiv sein. Den Gründern stehen kostenlos Büro- und Laborräume zur Verfügung und sie profitieren vom Wissen der Unternehmen. Später können sie sich regionale Firmen als Investoren an Bord holen.

Seedforward war eines der ersten Start-ups im Seedhouse. Mitgründer Bussmann schätzt den direkten Zugang zu den Familienunternehmern. Christoph Grimme aus der Geschäftsführung vom gleichnamigen Landtechnikhersteller vermittelte einen Kontakt zur Stroetmann-Gruppe, einem der größten Saatguthändler Deutschlands. Nun ist das Start-up dabei, selbst ein kleiner Mittelständler zu werden. 2020 wird es laut Eigenauskunft zwei Millionen Euro Umsatz erreichen, und nächstes Jahr sollen es 20 Millionen Euro sein.

Auch die Gründer des Start-ups Monitorfish sind ins Seedhouse gezogen. Sie haben ein System entwickelt, das Fische in Aquakulturen automatisch überwacht. Sensoren analysieren die Wasserqualität, während ein Kamerasystem die Masse, Aktivität und Gesundheit der Fische bestimmt.

Jetzt wollen die Gründer ihr Tracking auf die Geflügelzucht übertragen. Dafür arbeiten sie mit einem Hähnchenmäster aus der Region zusammen. Sie messen das Stressverhalten der Tiere und die Biomasse, also die Stoffmasse der Tiere. Daraus soll der Züchter schließen, wie viel er füttern muss.

Der landwirtschaftliche Partner des Start-ups setzt die Technologie für den Hühnerstall derzeit noch kostenlos ein. Dafür könne Monitorfish mit dessen Geflügel die Algorithmen trainieren, erklärt Mitgründer Dominik Ewald: Den Entwicklungsprozess von Hightech bezahle kein Kunde. „Der zahlt nur für fertige Lösungen. Daher sind erste Pilotkunden wie der Hähnchenmäster wichtig.“

Wenn sich der Erfolg schließlich einstellt, könnte die Technologie auch für einen der Geldgeber des Seedhouses zukünftig interessant werden, der Millionen Hähnchen aufzieht und schlachtet: Wiesenhof.

Seit der Gründung Anfang 2017 finanziert sich Monitorfish mithilfe diverser Förderer. Einer davon ist die Osnabrücker Aloys und Brigitte Coppenrath Stiftung, die bereits mehrere Start-ups mit jeweils 200.000 Euro und mehr unterstützt hat. Die Stiftung operiert mit zehn Millionen Euro Kapital aus dem Nachlass der traditionsreichen Tiefkühltortenfirma Coppenrath & Wiese.

Jungunternehmern soll Mut gemacht werden und der Start-up-Standort weiter ausgebaut werden, sagt Felix Osterheider, der Vorsitzende der Stiftung. „Es ist eine bodenständige Region. Vor lauter Faszination für die eigene Idee sollten die Start-ups die Realität nicht aus den Augen verlieren, um Fuß fassen und beständig wachsen zu können.“

Fruchtbare Kooperation

Die Stiftung will Gründer und Unternehmer auch räumlich zusammenbringen. Auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs entsteht das Coppenrath Innovation Centre – ein 30-Millionen-Euro-Projekt, an dem sich die Stadt Osnabrück und das Land Niedersachsen beteiligen wollen. Die Stiftung übernimmt ein Drittel der Kosten. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz soll mit seiner Dependance hier einziehen, ebenso das Agrotech Valley Forum und das Seedhouse.

Start-ups und Mittelstand müssten noch viel stärker kooperieren, findet auch der Osnabrücker Wolf Goertz, der den Kongress „Innovate“ erdacht hat, auf dem sich einmal pro Jahr Familienunternehmer, Gründer und Forscher in der niedersächsischen Stadt austauschen. Start-ups können dem Publikum ihre Ideen vorstellen, die überzeugendsten gewinnen.

Goertz hat auch selbst mit Foodsupply ein Start-up gegründet, das einen virtuellen Marktplatz für Einkäufer und Lieferanten in der Lebensmittelbranche aufbaut. Eines der größten Bäckereiunternehmen Norddeutschlands, die Bäckerei Junge, will zukünftig die Software nutzen und investiert.

„Wir haben bewusst keinen Risikokapitalgeber mit hineingenommen, sondern nur Investoren aus dem Mittelstand. Wir wollen kein Konzernprojekt oder eine seelenlose Managementgesellschaft werden“, sagt der 36-Jährige, der bisher eine halbe Million Euro einsammeln konnte.

Dass Osnabrücker Start-ups mit ungewöhnlichen Lebensmittel-Ideen Investoren auf sich aufmerksam machen können, hat zuerst die Bugfoundation gezeigt, die Deutschlands ersten Burger aus Insektenfleisch entwickelte. 2018 stieg die PHW-Gruppe ein, zu der Wiesenhof gehört, und beteiligte sich mit neun Prozent. „Wir haben viel darüber nachgedacht, ob Wiesenhof bei uns einsteigen soll, da wir ja bewusst eine Alternative zu Fleisch schaffen wollen“, sagt Mitgründer Max Krämer.

Aber am Ende hätte die Partnerschaft Vorteile für das Start-up: „Wir können auf die Infrastruktur des Unternehmens zurückgreifen und bekommen konkrete Tipps fürs operative Geschäft. Das hat man bei einem Venture-Capital-Investor so normalerweise nicht“, so Krämer.

Bislang sind die Kunden allerdings nicht auf den Geschmack gekommen. Die Insektenburger sind aus dem Sortiment von 1500 Supermärkten geflogen. Aber Wiesenhof und die Bugfoundation glauben weiter an die Zusammenarbeit: „Insektenprotein ist ein neuer Markt, wo wir noch nicht einschätzen können, ob dieser erfolgreich sein wird“, sagt Wolfgang Heinzl, Leiter Business Development der PHW-Gruppe. Das sei auch ein Lernprozess. Noch in diesem Jahr soll der Neustart erfolgen – mit veränderter Rezeptur.