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Showdown zwischen Corona-Angst und Konjunkturhoffnung

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Neue Turbulenzen um Corona bringen viele Dax-Werte kräftig ins Trudeln. Welche Papiere dabei für Anleger interessant werden – und wovon man besser die Finger lässt. Teil 1 eines Kurz-Checks aller 30 Einzelaktien im Dax.

Sie lesen den ersten Teil einer Artikelserie. Teil 2 nimmt die Aktiengruppe der soliden Dauerläufer und Wackelkandidaten mit Nachholbedarf in den Fokus. In Teil 3 geht es um die Aktiengruppe der Momentum-Spieler und Wende-Spekulationen im Dax.

Nachdem der Dax fast bis an sein Vor-Coronahoch geklettert ist, kommt es aus Angst vor einer neuen Welle der Pandemie zu heftigen Kursverlusten. Das wichtige Basisniveau um 13.000 Punkte sollte der Dax aber weiter verteidigen können. Die Mehrzahl der Einzelwerte spricht dafür, dass der Markt nach vorübergehenden Rückschlägen seine langfristige Aufwärtsbewegung fortsetzt. Die Dax-Aktien lassen sich dabei in mehrere Gruppen einteilen.

Erste Gruppe: Konjunkturgewinner

Im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Erholung, die dank Hilfe der Notenbanken und einer absehbaren, schrittweisen Eindämmung der Pandemie 2021 stattfinden dürfte, stehen klassische Industrieaktien, zuallererst die Autowerte. Sie werden zusätzlich beflügelt durch den Umbau hin zur Elektromobilität.

BMW etwa steckt rund 30 Milliarden Euro in die Entwicklung der Stromer. Vorteil dabei: Mit dem Siegeszug der E-Autos zieht hier auch langsam die Rendite an. BMW-Aktien haben bei Kursen um 75 Euro den Abwärtstrend der vergangenen sechs Jahre erreicht. Hier könnte es zu einer vorübergehenden Konsolidierung kommen. Unter den Bereich 60 bis 65 Euro sollte die Aktie aber nicht mehr fallen; zugleich könnte diese Zone eine günstige Einstiegsgelegenheit werden.

Daimler hat für die Wende zur Elektromobilität etwas Zeit gebraucht, doch nun kommen die Stuttgarter hier in immer mehr Bereichen in Fahrt. Das Lastwagengeschäft dürfte durch die wirtschaftliche Erholung anziehen, in Asien läuft der Verkauf margenstarker Luxusautos keineswegs schlecht. Um 60 Euro hat die Aktie ein wichtiges Zwischenziel erreicht. Ein moderater Rücksetzer in den Bereich um 50 wäre kein Problem, sondern könnte sich als Kaufgelegenheit erweisen.

Volkswagen stand durch Spannungen in der Konzernführung längere Zeit im Schatten der Konkurrenz, das ändert aber nichts an der massiven Elektrooffensive der Wolfsburger. Bei klassischen Fahrzeugen stabilisiert sich der Verkauf wieder zunehmend. Die Finanzreserven sind üppig, die Bewertung der Aktie günstig. In der Kursspanne zwischen 130 und 150 Euro sollten VW-Aktien ein interessantes Investment sein.

Continental zieht nach einer hektischen Abwärtsbewegung wieder an. Der Umbau in der Branche, der Chefwechsel und der geplante Stellenabbau sorgen zwar für Unsicherheit, dafür hat sich die Auftragslage zuletzt verbessert. Bei 120 Euro tut sich die Aktie zunehmend schwer, Rücksetzer bis in den Bereich um 100 Euro könnten für Einsteiger infrage kommen.

BASF als großer, chemischer Zulieferer profitiert vom Comeback der Autoindustrie. Im Chemiegeschäft kommt den Ludwigshafener die Erholung in Asien zugute. Wie hoch die Dividende für 2020 ausfallen wird, dürfte sich in den nächsten Wochen entscheiden. Aktionäre sollten die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Mit dem Anstieg über 57 Euro gab die Aktie zuletzt ein wichtiges Kaufsignal. Im Bereich um 60 Euro sind Nachkäufe möglich.

Henkel profitiert davon, dass der Absatz von Wasch- und Reinigungsmittel durch die Coronakrise angekurbelt wird. Im Industriegeschäft mit Klebstoffen sollte sich der Absatz im Zuge der Konjunktur weiter erholen. Die Bewertung der Aktie ist nicht überzogen, unter 85 Euro sollte die Kurse vorerst nicht mehr sinken.

Siemens bekommt zwar durch den Umbau in Richtung digitale Technik und sein Geschäft mit werthaltigen Beteiligungen (vor allem mit Windkraft und Medizintechnik) zunehmend den Charakter eines stabilen Wachstumsunternehmens, dennoch ist eine anziehende Konjunktur weiterhin ein gutes Umfeld. Den Rückschlag der Coronakrise vom Frühjahr hat die Aktie souverän ausgebügelt. Ein abermaliger Rückschlag in die Kursspanne 100 bis 110 Euro sollte Nachkaufgelegenheiten ergeben.

Zweite Gruppe: Trend-Favoriten

Die Aktien dieser Gruppe werden nicht nur von der konjunkturellen Erholung beflügelt; ihnen kommen zudem vielfach langjährige Megatrends zugute.

Infineon entwickelt sich immer mehr zu dem Chip-Spezialisten für den Elektroboom; ein Geschäft, das im neuen Jahr mit Milliardeninvestitionen erweitert wird. Gleichzeitig baut Infineon durch die Übernahme des Konkurrenten Cypress die wachstumsträchtige Sparte Sicherheitschips aus. Ein Sonderangebot ist die Aktie nicht mehr, ihre Bewertung ist aber weit entfernt von den Preisen des Konkurrenten Nvidia. Mit dem Anstieg über 26 Euro ist die Aktie mittelfristig in neues Terrain vorgedrungen. Das Papier ist ein starker Trendwert, der bei Rückschlägen Einstiegsmöglichkeiten bietet.

Covestro wurde durch die enge Verbindung zu seiner wichtigen Kundengruppe Automobilindustrie im abgelaufenen Jahr zuerst schwer gedrückt. Dann kam es bei dem Kunststoffspezialisten im zweiten Halbjahr zu einer deutlichen Erholung. Für zusätzliche Fantasie sorgt die Neuübernahme RFM, mit der Covestro Weltmarktführer bei Industrieharzen wird. Die werden eingesetzt etwa für Glasfaserkabel, 3D-Produkte oder in der Windkraft. Nach der zuletzt starken Kursentwicklung könnten sich bei Rückschlägen bis etwa 45 Euro Nachkaufgelegenheiten ergeben.

RWE stand lange im Schatten der Energiewende, kommt mit seinem Konzernumbau nun aber zunehmend besser voran. Sowohl beim Megatrend Elektromobilität als auch bei grünem Wasserstoff sind die Essener mit dabei. Noch gelang der Aktie der Anstieg über die letztjährigen Hochpunkte nicht überzeugend. Geben die Kurse noch einmal nach, könnte das Papier für Langfristanleger zwischen 31 und 33 Euro interessant werden.

Die Deutsche Post ist nicht nur ein großer Gewinner des Onlinebooms; im Paketgeschäft führt Corona zudem zu zweistelligen Wachstumsraten. Im neuen Jahr dürfte das Frachtgeschäft für Firmenkunden merklich anziehen, hier steigen Mengen und Margen. Zudem wird die Post für mehrere Bundesländer Transport und Lagerung der Impfstoffe übernehmen. Kurzfristig hat sich die Aktie in einer Konsolidierung festgefahren, zwischen 36 und 38 Euro aber sollten die Investoren wieder kommen.

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