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Scrum und New Work an der Schule – sie wollen Bildung zukunftsfähig machen

Sie wollen Lehrern über ihre Lehrplattform Digitalkompetenz vermitteln: Fobizz-Gründer Frederik Dietz, Diana Knodel, Theresa Grotendorst und Philipp Knodel. - Copyright: Fobizz
Sie wollen Lehrern über ihre Lehrplattform Digitalkompetenz vermitteln: Fobizz-Gründer Frederik Dietz, Diana Knodel, Theresa Grotendorst und Philipp Knodel. - Copyright: Fobizz

Dass bald eine globale Pandemie die Kinder zu Hause an den Schreibtisch verbannen und Lehrer dazu zwingen würde, sich plötzlich mit Zoom, Teams und allen möglichen Herausforderungen des digitalen Unterrichts herumzuschlagen, ahnten die Gründer von Fobizz im Jahr 2018 noch nicht. Dennoch brachten Diana Knodel und Theresa Grotendorst zusammen mit ihren Co-Gründern Philipp Knodel und Frederik Dietz damals ihre digitale Weiterbildungsplattform für Lehrkräfte an den Start. „Es lief von Anfang an, aber da waren die Umsätze noch eher bescheiden“, sagt Diana Knodel im Gespräch mit Gründerszene. Bis das Coronavirus einschlug und das gebootstrapte Startup aus Hamburg zu mehr als 200.000 Nutzern und damit zur größten unabhängigen Lehrplattform in Deutschland katapultierte.

Fobizz – gesprochen Fobits, wie Diana Knodel erklärt – darin steckt Fobi, die Abkürzung für Fortbildung. Und genau das bietet die Plattform: Fortbildungen von Lehrern für Lehrer. Die Lehrkräfte können sich bei der Plattform bewerben und ihren Kollegen Kurse zu allen Bereichen rund um digitale Bildung, Unterrichtstools und Medienkompetenz anbieten. „Beliebte Themen sind Anleitungen für das Erstellen von Erklärvideos, erste Schritte mit den iPads, das Erstellen digitaler Arbeitsblätter – quasi alles, was den digitalen Unterricht unterstützt“, sagt Knodel.

Vom Hackathon für Teenager zur Fortbildungsplattform für Lehrer

Die Idee kam Knodel und Grotendorst als sie selbst Fortbildungen für Lehrkräfte anboten – obwohl sie selbst mit dem Bildungssystem zunächst nur indirekt zu tun hatten. Beide kommen nämlich eigentlich aus dem Tech-Bereich. Diana Knodel ist promovierte Informatikerin mit Schwerpunkt pädagogische Psychologie, wie sie sagt, und war unter anderem Produktmanagerin bei Xing. Ihre Mitgründerin hat eigentlich technische Redaktion und Information Management studiert und unter anderem bei SAP und dem Verlagshaus Gruner und Jahr gearbeitet.

Was sie eint: Beide waren vor schon vor Fobizz bemüht, Nachwuchs in den Bereichen Tech und Programmieren zu fördern. „Theresa und ich haben uns vor allem über die Frage kennengelernt, wie wir Kinder und Jugendliche – und insbesondere Mädchen – für das Thema Coding begeistern können“, sagt Knodel. Dafür initiieren die beiden verschiedene Projekte und Workshops, unter anderem einen Hackathon für Jugendliche. Zusammen mit ihrem Mann und Co-Gründer Philipp, initiiert Diana Knodel außerdem das gemeinnützige Projekt App Camps, das kostenlos Unterrichtsmaterialien und Kurse zum Thema Programmieren bereitstellt.

Mit ihrer Expertise wurden auch immer mehr Lehrkräfte, insbesondere aus dem Informatikbereich, auf sie aufmerksam und baten um Fortbildungen. Oft mussten Knodel und Grotendorst dafür aber einige Stunden Fahrt einplanen. „Dass wir quer durch die Republik fahren mussten und dabei nur relativ wenige Lehrerinnen und Lehrer erreichten, hat uns zum Nachdenken gebracht“, erinnert sich Knodel. Daraus entstand die Idee zu Fobizz: „Wir wollten eine Plattform bauen, auf der wir unser Wissen einfach online zur Verfügung stellen.“ Geholfen habe ihnen beim Start, dass sie durch ihren Informatik-Schwerpunkt ohnehin die digitalaffinen Lehrkräfte an Board hatten, die das Produkt nach einer Testphase auch dankend angenommen hätten.

Siebenstellige Umsätze – auch dank der Pandemie

Mittlerweile kommt Fobizz auf siebenstellige Umsätze, so Knodel. Lehrkräfte können sich mit ihrer Kursidee bewerben, das Kursangebot wird vom Startup selbst kuratiert. Im Gegenzug werden die Autorinnen und Autoren der Fortbildungen am Umsatz ihrer Kurse beteiligt – bei beliebten Themen etwas mehr als bei Nischenangeboten. „Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass die Lehrkräfte das nicht des Geldes wegen machen. Die sind einfach extrem motiviert, ihr Wissen zu teilen“, sagt Knodel.

Problem ist natürlich auch hier: das föderale Bildungssystem. Viele Länder haben ihre eigenen, für Lehrer kostenlosen Fortbildungsangebote. Für Startups kann es je nach Bundesland also schwierig sein, das Angebot an die Lehrkräfte zu bringen. Dementsprechend können Lehrer einerseits selbst für einzelne Kurse zahlen – einige stehen auch kostenfrei zur Verfügung. „Wir haben mittlerweile aber auch vermehrt Schulen, die das Angebot für ihr Kollegium einkaufen“, sagt Knodel. Darauf wolle das Startup auch stärker abzielen. Und in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen bekommen Lehrkräfte die Fobizz-Lizenz aktuell sogar vom Land finanziert.

Die Besonderheiten des Bildungssystems sind auch der Grund, weshalb das Startup bisher keine Investoren an Board holen wollte: „Im Bildungsbereich kann man nicht einfach das Marketing-Budget hochschrauben und Instagram-Werbung schalten. Da muss man kreative Wege finden, wie man Schulen und Lehrkräfte erreicht“, erklärt Knodel. „Und genau das sind wir bisher in unserem Tempo gefahren.“

Gleichzeitig möchte das Startup aktuell aber sein Angebot erweitern: Neben Fortbildungen sollen Lehrkräfte in einem getrennten Abo allerlei Tools für den Unterricht direkt bei Fobizz finden. Anstatt für Umfragen, Audio-Feedback und Wortwolken auf je gesonderte Lösungen zurückgreifen zu müssen, sollen sie die Hilfsmittel bei Fobizz mit nur einem Account benutzen können.

Mit New Work und Scrum zu den Kernkompetenzen

Trotzdem ist Knodel anzumerken, dass sie sich im deutschen Bildungssystem mehr Aufbruch und Experimentierfreude wünscht. Und damit ist sie anscheinend nicht alleine: Einige Kurse auf Fobizz wagen den Blick über den Tellerrand des oft gescholtenen und notorisch hierarchischen Schulbetriebes: „Wir sehen, dass Themen wie agiler Unterricht durchaus auf großes Interesse stoßen“, sagt Knodel. „Für mich ist das ein sehr großes Zukunftsthema.“ Auch Fortbildungen zu Projektmanagement-Methoden wie Scrum habe es beispielsweise gegeben.

Scrum, Kanban und New Work an der Schule – wie kann das funktionieren? Knobel zufolge könne das ganz unterschiedlich aussehen: mehr projektbasiertes Arbeiten für ältere Schülerinnen und Schüler beispielsweise. Lehrer, die nicht mehr als Wissensvermittler fungieren, sondern als unterstützende Lernbegleiter. „Schüler müssen nicht jeden Tag in die Schule kommen“, hatte Knodel bereits markig in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt gefordert. Gründerszene erklärt sie: Ihr Wunsch sei nicht, dass Schüler wie häufig in der Corona-Pandemie einfach zu Hause Arbeitsblätter abarbeiten sollten – ohne Kontrolle oder Zusammenarbeit. „Aber warum nicht für Projektarbeit auch mal außerschulische Lernorte besuchen“, so Knodel – ausgestattet mit digitalen Tools zur Kommunikation und Kollaboration.

Knodel verweist dabei auf die 4Ks, die die Kultusministerkonferenz als Kernkompetenzen für digitales Arbeiten beschrieben hat: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Alles Fähigkeiten, die für die Arbeitswelt der Zukunft unerlässlich sein würden. Das müsse sich aber auch an den Methoden an der Schule spiegeln, meint Knodel – und auch im Lehrerzimmer. Dort gebe es „tolle Vorreiter, die ganz viel ausprobieren und sich aktiv engagieren“, sagt sie.

„Und dann gibt es viele, die sich vielleicht einfach noch nicht so viel zutrauen.“ Schuld seien dann meist die Rahmenbedingungen, die teils wenig Raum und Sicherheit gäben, auch mal neue Unterrichtsformen oder agileres, kollaboratives Arbeiten auszuprobieren. Lehrkräfte bräuchten hier mehr Freiheit – „auch einfach mehr Zeit, sich weiterzubilden“, so Knodel. New Work an der Schule also. Und vielleicht auch Lehrerzimmer, die nach innen und außen architektonisch offen gestaltet sind, sagt Knodel – wie flexible Co-Working-Spaces.