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RWE will Tausende Stellen abbauen und erwartet Milliardenschaden durch Kohleausstieg

Der Energiekonzern sieht sich durch die Vereinbarung weit stärker belastet als erwartet. Kurzfristig sollen bei RWE mehr als 3.000 Jobs wegfallen.

Deutschlands größter Kohlekonzern RWE erwartet aus der Einigung zum Ausstieg aus der Braunkohleverstromung einen erheblichen finanziellen Schaden, der nicht komplett durch die Zahlungen des Bundes ausgeglichen wird. Gleichzeitig würden kurzfristig 3.000 Mitarbeiter in der Braunkohlesparte ihren Job verlieren und bis 2030 insgesamt 6.000. Der Konzern akzeptiert die Einigung aber.

„Wir sind bis an die Grenzen des Machbaren gegangen“, sagte Konzernchef Rolf Martin Schmitz in einer Telefonkonferenz mit Journalisten: „Aber das war der Preis, um eine Lösung zu ermöglichen, mit der die Empfehlungen der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung umsetzbar sind.“

RWE bezifferte den Schaden mit 3,5 Milliarden Euro. Als Entschädigung erhält der Konzern über 15 Jahre hinweg 2,6 Milliarden Euro. Wie Finanzvorstand Markus Krebber erläuterte, muss der Konzern kurzfristig seine Bergbaurückstellungen um rund zwei Milliarden Euro aufstocken.

Das liegt zum einen an dem früheren Aus für die Braunkohleförderung. Zum anderen wird der Erhalt des Hambacher Forstes, der nun beschlossen wurde, aufwendig und kostspielig. Gleichzeitig fallen Sonderabschreibungen auf Kraftwerke und Tagebaue von rund 500 Millionen Euro an und 350 Millionen Euro für den Stellenabbau, die RWE selbst tragen muss.

Diese Belastungen summieren sich auf 2,85 Milliarden Euro, die RWE schon in der Bilanz für 2019 abbildet. Dazu kommen 650 Millionen Euro, die in den kommenden Jahren anfallen, weil RWE den Betrieb in den Kraftwerken und Tagebauen anpassen muss. „In dieser Zahl sind entgangene Gewinne, die wir durch die vorzeitigen Stilllegungen nicht mehr erwirtschaften können, nicht enthalten“, sagte Krebber.

Durch den Abbau von 6.000 Stellen reduziere sich die Zahl der Gesamtbeschäftigten im Braunkohlesystem in nur zehn Jahren um über 60 Prozent, sagte Konzernchef Schmitz: „Das zeigt die volle Tragweite, mit der RWE und ihre Beschäftigten von diesem Ausstieg betroffen sind.“ Die betroffenen Mitarbeiter erhielten vom Bund ein Anpassungsgeld.

In der Nacht zum Donnerstag war in den Verhandlungen über den Ausstieg aus der Braunkohleförderung und -verstromung ein Durchbruch erzielt worden. Die Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Nordrhein-Westfalen hatten sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einen Fahrplan für die Beendigung der Braunkohleförderung im Rheinland und in Ostdeutschland geeinigt.

Die letzten Kraftwerke sollen dabei bis spätestens 2038 vom Netz. Im ersten Schritt ist vor allem die Förderung von RWE im Rheinischen Revier betroffen. „Wir tragen die Hauptlast der nun gefundenen Verständigung“, sagte Schmitz: „Wir werden deutlich mehr Kraftwerkskapazität in deutlich kürzerer Zeit vom Netz nehmen müssen, als wir ursprünglich erwartet hatten.“

Es sei aber klar, dass es einer einvernehmlichen Lösung bedurfte, „um zur Befriedung eines gesellschaftlichen und politischen Konflikts beizutragen, um die Klimaschutzziele zu erreichen und nicht zuletzt, um wieder Planungssicherheit für unser Unternehmen zu erhalten“.

Die Anleger nahmen die Einigung trotzdem gut auf. Die RWE-Aktie legte am Donnerstag 1,5 Prozent zu und war zweitstärkster Wert im Dax.

Bis 2023 muss RWE die Stilllegung von Braunkohlekraftwerken fast allein tragen. Bis dahin wird RWE die Kapazitäten in den Braunkohlekraftwerken um 2,8 auf 5,9 Gigawatt reduzieren. Bis 2030 gehen weitere 2,1 Gigawatt vom Netz.

Milliarden Tonnen Kohle bleiben unter der Erde

Die drei modernsten – je rund ein Gigawatt starken – Kraftwerke sollen dagegen bis 2038 am Netz bleiben. Sie werden ihre Kohle aus dem Tagebau Garzweiler erhalten, der wie geplant ausgebeutet werden darf. Damit bleibt es auch bei der geplanten Umsiedlung von Anwohnern in fünf Dörfern, die den Baggern weichen müssen.

Der Tagebau Inden wird 2029 und damit fünf Jahre früher als geplant schließen. Auch der Tagebau Hambach wird deutlich verkleinert. Dabei muss RWE die Planungen umfassend anpassen, weil der Hambacher Forst – der zum Symbol für den Kampf gegen die Kohle geworden ist – erhalten bleiben soll.

„Der Forst bleibt stehen“, sagte Schmitz. Der Erhalt des Forstes werde aber aufwendig und sei „mit enormen Zusatzaufwendungen“ verbunden. „Wir müssen jetzt sehen, wie wir das technisch umsetzen können“, sagte Schmitz.

Es gebe erste Ideen. Die müssten nun detailliert werden. „Wir müssen jetzt Erdreich von hinter dem Wald nehmen“, sagte Schmitz. Dafür sei eine enorme Neuplanung nötig, die mindestens zehn Jahre dauern werde. „Der See wird anders aussehen – und er wird an anderer Stelle liegen als geplant.“

Insgesamt werden über 1,1 Milliarden Tonnen Kohle, für deren Abbau RWE eigentlich die Genehmigungen vorliegen hatte, unter der Erde bleiben. „Also mehr als die Hälfte unserer Kohle“, sagte Schmitz.