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Das Pfund steht vor dem Absturz

Die Bank of England erwägt in der Coronakrise erstmals Negativzinsen. Zugleich nehmen die Brexit-Sorgen wieder zu. Der britischen Währung stehen turbulente Monate bevor.

Ein Gutes hat die Coronakrise aus Sicht vieler Briten: Sie hat den Brexit von der Tagesordnung verdrängt. Seit Großbritannien Ende Januar die EU verlassen hat, ist es um das Thema ruhig geworden. Dabei ist die künftige Handelsbeziehung zur EU noch nicht geregelt, und zum Jahresende droht erneut der „No Deal“.

In den kommenden Wochen ist daher mit einem weiteren Absturz des Pfunds zu rechnen. Drei Faktoren drücken auf die britische Währung. Neben dem Brexit sind dies vor allem der fortgesetzte Corona-Lockdown in Großbritannien und eine neu entfachte Debatte über Negativzinsen der Bank of England.

1. Brexit

Ende Juni ist die nächste Frist, auf die Anleger ihr Augenmerk richten. Bis dahin müsste der britische Premierminister Boris Johnson in Brüssel den Antrag stellen, die Übergangsperiode über 2020 hinaus zu verlängern.

Sollte er darauf wie angekündigt verzichten, könnte die britische Währung in den kommenden sechs Monaten um weitere zehn Prozent auf 1,08 US-Dollar fallen, schätzen die Analysten der DZ Bank. Bis zum Ende des Jahres seien sogar „noch extremere Bewegungen“ möglich, wenn sich keine Einigung abzeichne.

Nach der Coronakrise könne sich das Königreich einen ungeregelten Brexit noch weniger leisten als im vergangenen Jahr, schreiben die Analysten. „Großbritannien hat noch mehr zu verlieren.“ Ein Scheitern der Freihandelsgespräche würde die britische Wirtschaft Anfang 2021 erneut in die Rezession stürzen. Das Pfund würde deutlich abwerten und die Importe sich verteuern, was wiederum die Kaufkraft und Konsumbereitschaft der Briten hart träfe. Insgesamt würde die Wirtschaft in diesem Szenario um 5,5 Prozent weniger wachsen als mit einem EU-Freihandelsvertrag.

Der Effekt auf die EU hingegen wäre deutlich geringer, urteilen die Experten der Bank. Hier würde das Wachstum im Fall eines Chaos-Brexits nur um 0,5 Prozent geringer ausfallen, weil viele Firmen ihre Handelsbeziehungen mit Großbritannien bereits neu geordnet hätten.

Der „No Deal“ bleibe ein reines Risiko-Szenario, betonen die Autoren. Die DZ Bank geht weiterhin davon aus, dass eine „gesichtswahrende Lösung“ gefunden wird. Beispielsweise könnten sich Briten und Europäer bis Jahresende auf ein Rahmenabkommen verständigen, welches wiederum eine Umsetzungsphase erforderlich machen würde. Dies käme einer Verlängerung der Übergangsperiode gleich.

Vergangene Woche war die dritte Verhandlungsrunde in Brüssel ergebnislos zu Ende gegangen. Das habe die Anleger daran erinnert, dass es keinen wirklichen Fortschritt gebe, schreiben die Analysten der britischen Großbank Barclays. Das Pfund werde daher bis Ende Juni deutlich unter 1,20 Dollar fallen.

Schon im Mai war das Pfund die schwächste Währung aus dem „G10“-Kreis, wie die zehn am meisten gehandelten Währungen der Welt genannt werden. „Das deutet darauf hin, dass hier etwas Besonderes passiert“, sagt Kamal Sharma, Stratege bei der Bank of America. „Das Besondere ist der Brexit.“

Die Erfahrung des Brexit-Prozesses lehre zwar, dass man die Ultimaten der beiden Verhandlungspartner nicht allzu ernst nehmen müsse, sagt Sharma. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die britische Regierung die Übergangsperiode verlängere, nehme ab. Auch er rechnet daher damit, dass das Pfund aus seiner aktuellen Spanne von 1,22 bis 1,26 Dollar nach unten ausbricht.

2. Negativzinsen

Hinzu kommen Spekulationen, dass auch die Bank of England bald Negativzinsen einführen könnte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein solcher Schritt könnte das Pfund weiter schwächen. Am Mittwoch heizte Notenbankchef Andrew Bailey die Debatte an. Negativzinsen würden „aktiv geprüft“, sagte er vor dem Finanzausschuss des Unterhauses. Dies wurde von manchen Beobachtern als Kurswechsel interpretiert, weil Bailey vergangene Woche die Möglichkeit von Negativzinsen noch heruntergespielt hatte.

Es wäre das erste Mal in ihrer 325-jährigen Geschichte, dass die Bank of England den Leitzins unter null senkt. Aktuell liegt er bei 0,1 Prozent. Die Debatte wurde am Mittwoch zusätzlich befeuert, weil erstmals die Rendite einer mehrjährigen Anleihe der Regierung unter null fiel, nämlich auf minus 0,003 Prozent. Die Anleger scheinen der Notenbank also bereits einen Schritt voraus.

Experten halten Negativzinsen in Großbritannien für einen Fehler. Die Schweiz oder die Euro-Zone könnten sich das leisten, weil sie einen Leistungsbilanzüberschuss aufweisen, sagt Sharma von der Bank of America. Großbritannien hingegen habe ein hohes Leistungsbilanzdefizit. „Wenn sie Negativzinsen einführen, wer finanziert dann ihr Defizit? Niemand.“

Auch Kit Juckes, Makrostratege bei der französischen Großbank Société Générale, rät dringend von dem Schritt ab. Er könne sich keine Wirtschaft vorstellen, in der Negativzinsen schlimmer wären als in Großbritannien, sagte er. Der ökonomische Nutzen sei fraglich. Sehr klar sei hingegen, dass ein Cocktail aus Negativzinsen und massiven Anleihekäufen die Währung schwächen würde.

Die Anleger rechnen mit einer Zinssenkung unter null frühestens im Dezember. Darauf deuten die Zins-Swaps hin, die die Markterwartungen für die Zukunft widerspiegeln. Auch Bailey erweckte nicht den Eindruck, als stehe der Tabubruch unmittelbar bevor. Erst wolle man sehen, wie die bisherigen Instrumente wirken, sagte der Notenbankchef.

Die Bank of England hatte im März ihr Anleihekaufprogramm um 200 Milliarden Pfund auf 645 Milliarden Pfund ausgeweitet. Auch bietet sie Banken und großen Unternehmen die Möglichkeit, sich zu günstigen Zinssätzen zu finanzieren. Obendrein stellt sie der Regierung unbegrenzt Geld zur Verfügung, um den Kampf gegen die Rezession zu finanzieren.

Laut Barclays sind Negativzinsen das allerletzte Mittel, zu dem die Zentralbank greifen wird. Zunächst werde sie bei der nächsten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses im Juni das Anleihekaufprogramm noch einmal um 100 Milliarden Pfund ausweiten. Die Investmentbank RBC Capital Markets erwartet sogar eine Ausweitung um 200 Milliarden Pfund.

Wenn all dies den Absturz der Wirtschaft nicht abmildern sollte, könnte sich die Notenbank im zweiten Halbjahr zu einem weiteren Zinsschritt gezwungen sehen. Auch der Rückgang der Inflationsrate erhöht den Druck. Sie fiel im April auf 0,8 Prozent – weit unter den langfristigen Zielwert von zwei Prozent.

Bailey scheint jedoch noch nicht überzeugt vom Nutzen einer Zinssenkung. Deren konjunkturelle Wirkung werde schwächer, je niedriger der Zins bereits sei, gab er zu bedenken. Die Erfahrungen anderer Zentralbanken mit Negativzinsen seien „gemischt“. Sie könnten auch kontraproduktiv sein, weil sie den Bankensektor schwächten.

3. Corona-Schock

Ein weiterer Grund für die Pfundschwäche ist die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit. In der Coronakrise suchen Anleger Zuflucht in sicheren Häfen. Das ist zuallererst der Dollar, in geringerem Maße der Euro, und ganz sicher nicht das Pfund. Im Gegenteil: Der Finanznachrichtendienst Bloomberg bezeichnete Sterling bereits als „Paria-Währung“, mit der Anleger nichts zu tun haben wollen.

Die Pandemie hat Großbritannien härter getroffen als andere Länder. Das Königreich verzeichnet die meisten Toten in Europa. Deshalb lockert die Regierung die Ausgangsbeschränkungen nur sehr langsam, was die Rezession vertieft. Die Bank of England rechnet mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 14 Prozent in diesem Jahr. Die Erholung werde voraussichtlich nicht in V-Form verlaufen, sondern bis 2022 dauern, sagte der stellvertretende Notenbank-Gouverneur Ben Broadbent am Mittwoch.

Auch Finanzminister Rishi Sunak klingt wenig optimistisch. Die Rezession werde „schwerer als alles, was wir bisher erlebt haben“, sagte er. Es sei „nicht offensichtlich“, dass sich die Wirtschaft von dem Schock schnell wieder erholen werde. „Es braucht Zeit, bis die Leute wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückfinden.“ 

Im ersten Corona-Schock war das Pfund am 18. März zwischenzeitlich auf ein 35-Jahres-Tief bei 1,14 Dollar gefallen. Diesen Tiefstand könnte es im Laufe des Jahres erneut testen. Die Corona-Unsicherheit gepaart mit den Brexit-Sorgen ergäben eine ungünstige Mischung, sagt Sharma.