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Nestlé will Kinder mittels Fitnessband überwachen lassen

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé hat ein Fitnessband entwickelt, mit dem Eltern die Bewegungsaktivität ihrer Kinder überwachen können. Das Gadget sorgt für reichlich Kritik.

Das US-Hauptquartier von Nestlé in Arlington, im Bundesstaat Virginia (Bild: Kristoffer Tripplaar/ddp/Sipa USA)

Nestlé ist in den Markt für digitale Wearables eingestiegen. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern hat mit dem Milo Champ Band ein Fitnessband entwickelt, mit dem Eltern die Bewegungsaktivität ihrer Kinder überwachen können. Das Gadget erscheint zunächst in Australien, weitere Märkte in Südamerika und Südostasien sollen folgen. In Europa wird das Produkt nach Konzernangaben nicht erscheinen.

"Mit diesem Gerät können Mütter die Bewegung ihrer Kinder kontrollieren und schauen, ob das Kind aktiver sein sollte", erklärt der für die technologische Entwicklung zuständige Nestlé-Manager Stefan Palzer auf einer Pressekonferenz den Sinn und Zweck des Wearables. Die Veranstaltung fand vor wenigen Tagen in Nestlés Hauptsitz, dem Schweizerischen Vevey statt, von wo aus auch das Schweizer Medienunternehmen “CH Media” über die Produktvorstellung berichtet hat.

Kontrolle mittels App

Die Kontrolle erfolgt über eine App, die die Eltern zusätzlich zum Erwerb des umgerechnet rund 30 Euro teuren Fitnessbandes auf einschlägigen Portalen herunterladen müssen. Nach der Wahl eines Profilnamens und der Eingabe von Daten wie Geschlecht, Gewicht und Geburtsdatum des sechs- bis zwölfjährigen Kindes bekommen sie auf der Anwendung die Bewegungsdaten des Sprösslings zugespielt.

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Das elektronische Fitnessband wird am Handgelenk des Kindes angebracht. Es zählt unter anderem die geleisteten Schritte und die Herzfrequenz. Die Kleinen können sich einen Avatar kreieren und erhalten von einem virtuellen Trainer Tipps und Anregungen. Durch Wettbewerbsimulationen mit anderen Kindern soll die Lust auf Bewegung und Sport zusätzlich gefördert werden.

Mit Nestlés Fitnessband "Milo Champ Band" sollen sich Kinder mehr bewegen. (Bild: Getty Images)

Nestlé versichert, dass die Datensicherheit für den Konzern "höchste Priorität" habe, wie ein Sprecher von “CH Media” zitiert wird. Die Daten seien nach den "modernsten Verschlüsselungsstandards" gesichert. Sie würden nicht an Dritte weitergegeben werden, sondern dienten lediglich zur Verbesserung der App.

Nestlé in der Kritik

Genau das zweifeln Kritiker an. "Wenn Großkonzerne wie Nestlé mit sehr sensiblen Daten wie dem Herzschlag von Kindern operieren, wird es sehr heikel", sagt die ebenfalls von “CH Media” zitierte Wissenschaftlerin Adrienne Suvada, die an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften Marketing-Management doziert. Vielen Eltern dürfte dies nicht gefallen.

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Aber auch aus pädagogischer Sicht sind manche Kritiker skeptisch. Kinder "sollten nicht in einem ständigen Wettkampf mit anderen Kindern sein und sich über ihre Schrittzahlen sorgen, das führt bloß zu Stress", kritisiert Gesundheitspsychologin Liliana Vas von der Fernfachhochschule Schweiz. Zudem sei die permanente Überwachung nicht förderlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Eltern.

Der Namensgeber von "Milo Champ Band": das Schokoladen- und Malzpulver Milo (Bild: Getty Images)

Ein weiterer Kritikpunkt: Mit dem Wearable würden den Kindern falsche Werte vermittelt. "Unsere Gesellschaft trimmt unsere Kinder dazu, schlank und rank zu sein", so die Psychologin weiter. Übergewichtige Kinder würden dank solcher Technologien ausgegrenzt.

Nicht zuletzt steht die Glaubwürdigkeit Nestlés und des Fitnessbandes im Besonderen auf dem Prüfstand. Namensgeber für Milo Champ Band ist das Schokoladen- und Malzpulver Milo, das mit Wasser oder Milch gemischt unter anderem in Australien, Südamerika und Südostasien ein beliebtes Getränk ist. CH Media verweist auf das Mitnehmprodukt "Milo 2 Go", das pro 100 Milliliter 8,4 Gramm Zucker aufweist. Die Packung enthält insgesamt 200 Milliliter Malzgetränk. Gesund ist tatsächlich anders.