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KPMG hat brisantes Detail im Wirecard-Komplex verschwiegen

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Die Prüfer von KPMG brachten manchen Verdachtsmoment in der Wirecard-Affäre ans Licht. Doch bei der Aufklärung eines dubiosen Indiendeals verschwieg KPMG die eigene Rolle in dem Geschäft.

Der Bericht hatte es in sich: Man könne zur Höhe und zur Existenz wesentlicher Umsätze im Geschäft des Zahlungsdienstleistern in den untersuchten Jahren 2016 bis 2018 kaum Aussagen machen. Es sei unklar, ob die Umsätze überhaupt existieren und falls ja, ob sie korrekt seien.

So fassten die Wirtschaftsprüfer von KPMG Ende April die Ergebnisse ihrer Sonderprüfung der Wirecard-Bilanzen zusammen. Die Anleger reagierten geschockt, die Aktie brach ein. Und das war nur eine der Feststellungen der Prüfer.

Der KPMG-Bericht war eine Zäsur in der Debatte um den Zahlungsdienstleister. Nach diversen Medienberichten äußerte nun auch erstmals eine offizielle Stimme massive Zweifel an den Geschäften des Dax-Konzerns. Das brachte schließlich auch die Jahresprüfer von EY auf die richtige Spur und führte schließlich zu Wirecards Untergang. Im Juni musste das Aschheimer Unternehmen aufgrund mutmaßlichem milliardenschweren Betrug Insolvenz anmelden.

Die Rolle der Sonderprüfer war für die Aufdeckung zentral: KPMG war im Herbst 2019 mandatiert worden, um aufzuklären, was an den Medienberichten dran war, die Wirecard kriminelle Aktivitäten vorwarfen. Die Sonderprüfer förderten viele fragwürdige und undurchsichtige Abläufe zutage.

Damit ließ KPMG auch ihre Konkurrentin EY schlecht aussehen. Denn deren Prüfer hatten Wirecards Bilanzen mehr als ein Jahrzehnt lang geprüft.

Auch KPMG hatte geprüft

Doch jetzt fällt auch ein Schatten auf die Arbeit von KPMG. Laut Informationen des Handelsblatts soll KPMG selbst Bilanzprüfer eines verdächtigen Vehikels gewesen sein: eines dubiosen Fonds aus Mauritius. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft München gehen davon aus, dass dieser dazu diente, Gelder aus dem Wirecard-Konzern abzusaugen.

Pikant: Über die eigene Verwicklung informierte KPMG im Sonderprüfbericht nicht. Im Gegenteil, den Hintergrund des verdächtigen Vehikels stellte KPMG dort als große Unbekannte dar. Auch der vertrauliche, über 200 Seite starke Anhang des Prüfberichts, der dem Handelsblatt vorliegt, schweigt darüber. Über die mutmaßliche Arbeit von KPMG für den Mauritius-Fonds hatte zuerst der „Spiegel“ berichtet.

Der Fonds steht im Zentrum des teuersten Zukaufs der Wirecard-Geschichte, der bis heute eines der größten Mysterien im Skandal um die Konzernpleite ist. 2015 wollte Wirecard den indischen Markt erobern und kaufte hierzu für 326 Millionen Euro eine heimische Firmengruppe.

Übernommen wurden die drei indischen Unternehmen Hermes i Tickets, GI Technology und Star Global. Das Merkwürdige: Die Firmen hatten bereits wenige Wochen zuvor den Besitzer gewechselt – für nur 35 Millionen Euro. Gekauft hatte das Geschäft ein Fonds namens „EMIF 1A“ mit Sitz in der Steueroase Mauritius.

Wer hinter dem Fonds steckt, ist bis heute unbekannt. Ein Verdacht: Der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek oder andere Manager könnten die Verantwortlichen hinter „EMIF“ sein. Im Gespräch mit dem Handelsblatt hatte Marsalek Anfang 2020 noch behauptet, man habe 2015 nicht abgeklärt, wer hinter dem Fonds stecke: Das sei ein „schwerer Fehler“ gewesen.

Nun interessiert sich die Staatsanwaltschaft für die Hintergründe. Aber auch zahlreiche Kanzleien und die Prüfer von KPMG versuchten bereits, Licht in das Dunkel hinter „EMIF“ zu bringen.

KPMG ließ eigene Rolle im Indien-Deal unerwähnt

Marsalek gab auch gegenüber KPMG an, dass er nicht zu den wirtschaftlich Berechtigten des Fonds zähle und diese nicht kenne. Man habe die Struktur von Investmentfonds grundsätzlich nicht hinterfragt. Im geheimen Anhang zum Prüfbericht notierte KPMG, dass sich keine Verbindung zwischen Marsalek und „EMIF“ habe feststellen lassen.

Außerdem erklärten die Prüfer dort: „Aus den KPMG zur Verfügung gestellten Unterlagen sowie den durch KPMG durchgeführten Hintergrundrecherchen in öffentlich zugänglichen Medien ergaben sich keine Informationen, wer der letztendlich wirtschaftlich Berechtigte von EMIF 1A bzw. EIFM ist. Darüber hinaus konnte gegenüber KPMG auch kein Gesprächspartner mitteilen, wer der wirtschaftlich Berechtigte von EMIF 1A ist.“

Über die eigene Rolle schwieg sich KPMG jedoch auch im vertraulichen Teil des Prüfberichts aus: Darüber, dass KPMG selbst Wirtschaftsprüfer des Fonds gewesen sein soll, findet sich kein Wort.

Warum gab es keine entsprechende Erwähnung? Und hätte KPMG es womöglich wissen müssen, wer die wirtschaftlich Berechtigten hinter dem Fonds sind? Fragt man bei KPMG Deutschland nach, ob und wie lange die Gesellschaft „EMIF“ prüfte, will man dies nicht kommentieren.

Hört man sich in Prüferkreisen dazu um, ob die Gesellschaft mögliche entstehende Konflikte übersehen haben könnte, heißt es: „Die Tätigkeit einer Wirtschaftsprüfer-Landesgesellschaft für einen Mandanten und deren Erkenntnisse darf nicht an eine für eine andere Gesellschaft tätige Landesgesellschaft weitergegeben werden“. Allerdings müsste das interne Prüfsystem eine entsprechende Tätigkeit und mögliche Konflikte identifizieren.

Weitere Verwicklungen

Und es gibt noch weitere Verwicklungen: KPMG soll nicht nur Auditor von „EMIF“ gewesen sein, sondern auch das spätere Wirecard-Indien-Geschäft vor dessen Verkauf an „EMIF“ in einer sogenannten Vendor-Due-Diligence geprüft haben. Ein Blick in den geheimen Anhang des Sonderprüfberichts verrät, dass KPMG zumindest dieses Thema intern ansprach – aber auch darin kein Problem erkannte.

KPMG notierte dort, man habe im Rahmen einer globalen Interessenkollisions-Prüfung „Leistungen der rechtlich selbständigen, von uns unabhängigen indischen KPMG-Netzwerksgesellschaft im Zusammenhang mit einer Unternehmenstransaktion im Jahr 2015 identifiziert.“ Und weiter heißt es: „Wir haben den öffentlich bekannten Umstand der Erbringung dieser Leistungen durch KPMG Indien bewertet und festgestellt, dass es keine Überschneidungen zwischen diesen Leistungen und der von uns durchgeführten Sonderuntersuchung gibt.“

Darüber hinaus gibt es noch eine dritte mutmaßliche Verbindung von KPMG zum Umkreis des Indien-Deals: So soll der indische KPMG-Mitarbeiter G. nach dem Deal zu einem örtlichen Reiseunternehmen gewechselt sein, an das Teile des Hermes-Geschäfts verkauft wurden. Das Reiseunternehmen soll von „EMIF 1A“ übernommen worden sein und 2017 eine Finanzierung in Höhe von 50 Millionen Dollar von dem Fonds erhalten haben.

Zudem flossen laut dem Anhang zum Sonderprüfbericht auch elf Millionen Euro in Form eines Darlehens direkt von der Wirecard Bank an das Reiseunternehmen.

KPMG stellte fest: Die Geschäftsbeziehung und mögliche Darlehensvergabe von EMIF 1A an das Reiseunternehmen habe KPMG nicht verifizieren können, da es sich um Dritte – nicht mit der Wirecard AG verbundene – Unternehmen handele und damit keine Einsichtnahme möglich war.